Unternehmerin im Greisenalter: Oma Liesels Laden
Arbeiten mit 95 Jahren "Warum ich das noch mache? Ich kann es"
Zügig gleiten ihre Finger über die Tastatur. Es ist Freitagmorgen, und Liesel Gaspar gibt die Kundenwünsche für das Samstagslotto in den Rechner ein. "Sonst mag ich keine Computer und schreibe auch keine elektronischen Briefe. Das Internet finde ich so hässlich, es stiehlt den Menschen die Zeit", sagt sie. "Aber das hier muss sein."
Eine Lehre oder ein Studium hat Gaspar nie absolviert, sich das nötige Wissen und die Fähigkeiten immer selbst angeeignet. 1936 stieg sie bei einem Rechtsanwalt als Schreibkraft ein und wechselte 1937 zur "Dürener Zeitung": "Die suchten eine neue Sekretärin, weil meine Vorgängerin heiratete. Früher hörte man dann ja auf zu arbeiten."
So startete die damals 16-Jährige in die Arbeitswelt, der sie bis heute angehört. Umgerechnet 75 Euro brutto bekam Gaspar monatlich für ihre Arbeit, doch wenn "Not am Mann war" half sie dem Gesellschaftsredakteur aus. "Ich ging oft zu Abendterminen und sah 1938 den ersten Auftritt des Don-Kosaken-Chors in Deutschland." Zweieinhalb Cent gab es für jede Zeile, die sie schrieb.
1941 folgte sie ihrem Mann, der im Frankreich-Feldzug seinen rechten Arm verlor, nach Wuppertal-Elberfeld, später nach Hamm. Nach dem Krieg landete das Ehepaar im rheinischen Städtchen Pulheim, weil Gaspars Eltern dort noch Land besaßen, der Grundbesitz ist bis ins 16. Jahrhundert datiert. "Der Rest war weg", sagt Gaspar.
"Wir mussten doch leben"
Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg baute sie mit ihrem Ehemann ein Foto-Atelier auf. Die Eröffnung am 5. Januar 1951 stand unter keinem guten Stern: "Ich wollte den Laden aufschließen, doch der Schlüssel brach im Schloss ab. Der Schmied musste uns dann die Tür aufbrechen", erinnert sie sich. Doch das Malheur tat dem geschäftlichen Erfolg keinen Abbruch, nach und nach vergrößerte sich das Geschäft. Mit dem Fahrrad ging es schon mal zu Kunden, um die gewünschten Fotos mit der Welta-Kamera zu machen. Die hatte einen Linksauslöser, Gaspar besitzt sie bis heute. Die Fotografie sei das Einzige gewesen, was ihr im Krieg verwundeter Mann noch habe machen können. "Wir mussten doch leben", sagt sie.
Wenige Jahre später eröffnete ein weiteres Atelier in der Stadt, die Konkurrenz wurde zu groß. Und wo die Gaspars einst Fotos gemacht hatten, wurden fortan Zeitschriften und Schreibwaren verkauft. Bis heute steht Gaspar jeden Tag im Laden. "Ich kann es - und bin noch rüstig im Kopf", sagte sie.
Unterstützt wird Gaspar von ihrer Tochter und zwei Enkelinnen, ihr Ehemann starb vor vielen Jahren im Alter von 71. Von 8 Uhr bis 18.30 Uhr arbeitet die 95-Jährige im Laden, mittags ist für zwei Stunden geschlossen. Urlaub? Den gönnte sie sich genau zweimal: Mykonos und Italien. Sonst ging es am Wochenende in die Eifel oder in die heimische Sauna.
Altersvorsorge: Lebenslust und Ruhestandsbezüge
1951 fuhr die Geschäftsfrau noch zweimal pro Woche mit dem Zug nach Köln zum Hauptbahnhof, um dort neue Zeitungen und Magazine einzuladen. Zurück ging es mit zwei Taschen im Gepäck. "Die waren so schwer, dass ich immer nur eine auf einmal tragen konnte. Zeitschriften konnte man damals nirgendwo in Pulheim kaufen", erinnert sich Gaspar. Einer ihrer Kunden hatte sie damals auf die Idee mit Köln gebracht.
Zweimal in ihrem Leben war Gaspar ernsthaft krank: 1957 traf sie eine virale Lungenentzündung und vor 14 Jahren eine Nierenbeckenentzündung. Heute ist Gaspar kerngesund - und raucht rund 20 Zigaretten täglich.
Was treibt die 95-jährige bis heute an? "Mir macht die Arbeit immer noch großen Spaß", sagt sie und geht behänden Schrittes zur nächsten Kundin, die eine Zeitungsannonce aufgeben möchte, Gaspar wird sie an die Redaktion weitergeben. Minuten später ist sie wieder im Büro. Der Text bleibt meistens gleich, deshalb "geht es eben so schnell".
"Wir wissen nicht, wie es weitergeht"
Pro Monat bekommt Gaspar 48 Euro gesetzliche Rente: "Ich war ja die meiste Zeit selbstständig." Befragt man sie und ihre Tochter Elke Gaspar-Horst, 72, nach der Zukunft des Geschäfts, so werden beide nachdenklich. "Heute haben wir nur noch ein Drittel des früheren Umsatzes. Das Internet nimmt uns die Kunden weg", sagt Gaspar. "Außerdem kamen früher Eltern und Kinder vor dem Schulstart zu uns und kauften Bücher und Hefte dafür ein. Heute gehen sie lieber zum Discounter."
Tochter Gaspar-Horst ergänzt: "Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird. Noch vor fünf Jahren hat meine Mutter gesagt: Ich habe das alles hier aufgebaut, das wird schon weitergehen. Heute sagt sie: Ich weiß es nicht." Dann ruft die Enkeltochter nach ihr. Derweil tut Liesel Gaspar, was sie schon seit 79 Jahren macht: Sie geht zum nächsten Kunden.
Matthias Lauerer (Jahrgang 1975) ist freier Journalist. Er hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.