Junge Führungskräfte: Ei des Karrieristen - DER SPIEGEL
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Junge Führungskräfte Ei des Karrieristen

Wie ticken die Manager von morgen? Und wie "pitchen" sie um ihren Platz in der künftigen Wirtschaftselite? Bei Wettbewerben wie "CEO of the Future" lässt sich das gut besichtigen: Manche sind forsch und allzeit bissbereit, andere geben sich demonstrativ nachdenklich und kooperativ.
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"CEO of the Future": Die Suche nach den Chefs von morgen

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Die Aufgabe ist klar definiert. Aufgeteilt in sechs Teams sollen 26 aufstrebende Nachwuchsmanager binnen 20 Minuten nur mit Papier, Klebeband und Schere einen Turm bauen, der zumindest für kurze Zeit stabil stehen bleibt, wenn man ganz oben ein Ei hinauflegt. "Es gewinnt der höchste Turm!", ruft Rut von Giesen von der Unternehmensberatung McKinsey.

Der höchste Turm. Nicht der stabilste oder gewagteste Bau, die schönste oder einfallsreichste Architektur. Hoch hinaus soll es gehen.

Laut EU-Verordnung  wiegt das gemeine Hühnerei je nach Gewichtsklasse zwischen 53 und 73 Gramm. Die Organisatoren des "CEO of the Future" -Wettbewerbs - McKinsey, manager magazin und sieben große Unternehmen (siehe Kasten rechts) - sondieren in einem Düsseldorfer Hotel die potentielle Elite von morgen, eine Auswahl von heute 26 aus über 2000 Teilnehmern der ersten Wettbewerbsrunde. Auch mit dem Eier-Test.

Wer hier besteht, wird zur Endrunde nach Kitzbühel geladen, zuvor wartet auf die Finalisten ein hochkarätiges Trainingsprogramm. Am Ende wird es drei Gewinner geben, auf die nicht nur Preise, sondern auch Privilegien warten.

Klingt wie die Chance, eine erhebliche Karriere-Abkürzung zu nehmen. Noch aber ist es nicht so weit, noch wird nach Kräften im Team geeiert. Für einen Turmbau, der ein Hühnerei tragen soll, ist das übliche Büro-Druckerpapier ein wenig naheliegendes Material. Man kann es falten, und es behält seine Form für eine Weile. Man kann es rollen, wenn man die Rollen mit Klebeband fixiert. Es ist die Lösung, auf die fünf von sechs der Gruppen kommen: Rund ist stabil.

Locker machen, locker bleiben, locker gewinnen

Natürlich haben die Teilnehmer die Aufgabe verstanden: Sie sollen hier nicht nur unter Zeitdruck Kreativität zeigen, sondern vor allem auch Teamfähigkeit, Durchsetzungskraft, Zielstrebigkeit, analytische Fähigkeiten, Problemlösungskompetenz. Klassische Management-Qualitäten, wenn man nach oben will. Ein Ei ist zerbrechlich, wenn etwas schiefgeht, gibt es eine Sauerei. Wenn man Pech hat, bleibt was kleben und macht Flecken. Das will man ja auch später nicht.

Wer sich an diesem Tag in Düsseldorf der Eier-Herausforderung stellen darf, hat schon einiges mehr geleistet. Viele Teilnehmer gehörten im Studium zur oberen Kruste der Leistungsfähigen. Die meisten sind inzwischen im Job, nur wenige noch Studenten. "Darf man ja heute gar nicht so laut sagen", erzählt einer beim Kaffee, "aber ich habe mich nur einmal beworben und bin sofort genommen worden." An einem anderen Tisch erzählt später ein anderer die gleiche Geschichte, dann noch einer, dann auch zwei Frauen.

Stimmt es also, sind das die Chefs von morgen? Die Firmenlenker, die Wirtschaftselite, die aufstrebenden Mächtigen, vor denen normale Angestellte einmal zittern werden? Haben hier nur Überflieger eine Chance?

Sie wirken nicht so. Als fünf von sechs Eiertürmen stehen, gibt es freudige Szenen und Applaus, für Gewinner wie Verlierer - man kann auch freundlich konkurrieren. Ein Team baut einen Papierturm von 1,74 Metern, er würde wohl auch mehrere Eier tragen.

Manager werden, Mensch bleiben?

Zur Belohnung gibt es Piccolo-Sekt für jeden im Team. Er wandert in die Taschen, denn wer Chef werden will, weiß, wann man feiert und wann man ganz bei der Sache sein muss. Sekt zur falschen Zeit, und man bleibt ein Piccolo. Denn nach dem lockeren Auftakt wird es ernst: Jeder muss präsentieren, sich Experten aus den Unternehmen stellen, auch dem Urteil der Konkurrenten. Trotzdem kippt die Stimmung nicht ins Verbissene, ins "Es kann nur einen geben" - den "CEO of the Future", den künftigen Chef.

"Ich würde das nicht so wörtlich nehmen", sagt Katharina Weber, die Tage später in der Abstimmung der Juroren zu einer der Siegerinnen gekürt werden wird. Natürlich wolle sie im Beruf leiten und gestalten. Aber sie habe nicht vor, gleich ihr gesamtes Leben auf dem Altar der Karriere zu opfern. Jeden Tag zwölf Stunden Arbeit und mehr, immer nur ausgerichtet auf den Aufstieg, das sei kein verlockender Gedanke. Es müsse darum gehen, das eine mit dem anderen zu vereinbaren. Echt bleiben, Mensch bleiben, geerdet, weil man selbst ein Leben führt.

Aufstieg, Karriere? Ja, unbedingt - aber ob es am Ende "wirklich der CEO sein muss, ist eine andere Frage".

Es ist keine Einzelmeinung. Kentaro Zens verbucht schon die Teilnahme am Wettbewerb und nun am Auswahltag als äußerst wertvolle Erfahrung. Klar, bis dahin hat er sich bereits gegen rund 2000 Mitbewerber durchgesetzt. Auch er, sagt Zens, müsse nicht unbedingt irgendwann oberster Chef eines Unternehmens sein. Aber gestalten will er, lenken, entscheiden, "sonst wäre ich nicht hier". Ansonsten sieht auch sein Lebensentwurf vor, dass das Berufsleben das Private nicht fressen darf. Kentaro Zens ist bereits Familienvater und im ersten Job erfolgreich.

Zahnlos ist schlecht, aber überforsche Beißer will auch keiner

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CEO of the Future: Die Jury

Foto: Martin Meissner / AP

Vivian S. glaubt sogar, dass sie auch in Führungspositionen einen gesellschaftspolitisch motivierten Idealismus wird bewahren können: Sie stellt ganz offen die Frage nach dem Sinn von außer Proportion geratenen Managergehältern. Beim Kaffee zwischendurch diskutiert eine kleine Gruppe angeregt auch über solche Fragen, vielleicht nicht zufällig sind drei der späteren sechs Gewinner darunter: Wie schaffe ich es nach oben, ohne mich selbst zu vergessen? Ohne Ideale zu verraten? Mit Anstand und Können statt mit Ellenbogen und Klüngel? Gut honoriert für das, was man leistet, aber nicht auf Kosten anderer?

Das klingt weit pragmatischer und idealistischer, als man es von Jungmanagern erwartet. Vielleicht ist ja die Erwartung falsch?

Viele Teilnehmer sind spezialisierte Fachleute, Chemiker, Biophysiker, Juristen, Informatiker, Agrarwissenschaftler. Sie haben sich im Auswahlprozess erfolgreich auch gegen Betriebswirte und Management-Absolventen durchgesetzt.

Dass nicht einer der Herren mutig auf den Schlips verzichtete, letztlich alle die Uniform der Managements tragen, tut der Buntheit der Gruppe - paritätisch mit Männern und Frauen besetzt - kaum Abbruch. Sicher, einige wirken, als würden sie sich am Morgen die Haare mit dem Geodreieck kämmen. Anderen aber traut man zu, dass sie am Nachmittag das Kostüm ablegen, um sich in der Kletterhalle auszutoben. Gemein haben sie die feste Karriere-Orientierung, auch wenn sie damit nicht alle dasselbe meinen.

Visionen für das Jahr 2030

Das ist okay, die Fragestellung des Wettbewerbs verlangt nach Visionen, gern auch konkurrierenden. Es ist eine Art Assessment Center, wie das auf Neuhochdeutsch heißt: Die acht Unternehmen wollen wissen, welche Vorstellungen über künftige Management-Anforderungen die Newcomer mitbringen. Was sie können, und auch: ob sich unter ihnen potentielle Führungskräfte für das eigene Unternehmen finden.

Viele Teilnehmer betonen, wie wichtig das Privatleben und die Persönlichkeit sind. McKinsey-Managerin Rut von Giesen ist da eher skeptisch: Das, sagt sie, sei auch eine Art Trend, aber "später in der Praxis relativiert sich dann vieles". Möglich, doch bei einigen Unternehmensvertretern kommt es gut an. Sie begleiten den Tag, beobachten die Gruppen, reden mit den Teilnehmern.

Auf die warten nun klassische Präsentationen: Alle stellen ihre Visionen vor, was für Anforderungen ein CEO im Jahr 2030 wird erfüllen müssen. Wie sich Wirtschaft verändern mag. Welche Herausforderungen zu meistern sind.

Zu viel Biss kann schaden

Die meisten argumentieren irgendwo zwischen demografischem Wandel, gesellschaftlicher Verantwortung, Politisierung wirtschaftlicher Prozesse und Marketing in zunehmend gesättigten Märkten. Keiner spielt mit einem Worst-Case-Szenario. Und nur zwei der Bewerber singen ganz offen und kompromisslos das Hohelied des Shareholder Value. Auch dazu aber gibt es nur Rückfragen, keinen Widerspruch. Alles kann, nichts muss.

Die Entscheidung fällt wohl letztlich in den Einzelgesprächen. Sie ziehen sich durch den ganzen Tag, vertraulich, unter vier Augen: ein Unternehmensvertreter, ein Teilnehmer.

Ein Teilnehmer bedient tatsächlich alle Klischees vom forschen Jungmanager. Mit erstklassigen Referenzen, brillant beim Eierturmbau und bei der Präsentation. Geradlinig, zielgerichtet, freundlich - aber mit bissbereitem Durchsetzungswillen auch gegen kommende Konkurrenz: Duckt euch, hier ist jemand, der weit kommen will.

Am Ende allerdings nicht nach Kitzbühel, in die Finalrunde. Dafür reicht es dann doch nicht - oder lag es sogar an den demonstrativ spitzen Ellenbogen? Mag sein, dass Top-Unternehmen in ihrem Führungsnachwuchs heute wirklich etwas anderes suchen.

Zweitplatziert beim Eierturmbau wurde die einzige Gruppe, die auf eine Falttechnik setzte. Sie verfehlte den Sieg nur um drei Zentimeter. Vielleicht geht es also auch anders als die Masse meint.