Frag die Karriereberaterin Hilfe, mein Chef verträgt keine Kritik
Jakob, 32, ist stolz darauf, offen und direkt zu sein. Nun zweifelt der Wirtschaftsinformatiker erstmals an sich. Er hat seinen Chef im Anschluss an ein Mitarbeitergespräch gefragt, ob er ihm auch mal ein Feedback geben dürfe - und ihm dann gesagt, dass er seinen Führungsstil veraltet findet. Seitdem lässt der Chef ihn links liegen, Jakob fühlt sich subtil gemobbt. Und nun?
Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".
Jetzt mal ehrlich: E-Mail an Svenja HofertDie Autorin auf LinkedIn
Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:
In Teams gibt es immer wieder Kollegen, die traurig, beleidigt oder verärgert sind, wenn sie eine ehrliche Rückmeldung bekommen. Feedback ist einfach hoch emotional - das gilt auch für Führungskräfte.
Chefs der alten Schule sind oft besonders empfindlich. Dass ihnen ein "Untergebener" die Meinung sagt, war in ihrer Generation einfach nicht üblich. Jüngere Menschen gehen dagegen oft wie selbstverständlich davon aus, dass sie nicht nur Feedbackempfänger, sondern auch Feedbackgeber sind.
Lob kann Freude auslösen, Kritik gleich eine ganze Armee von Emotionen: Angst, Trauer ("ich habe versagt"), Ärger, Wut, Aggression. Die Krux dabei: Aus Angst vor weiterer Kritik verschlechtert sich bei manchen die Leistung sogar noch. Und vielen merkt man die Gefühlsgemengelage gar nicht an. Sie schotten sich ab, spielen den Coolen.
Dabei ist nichts so förderlich für die persönliche Weiterentwicklung wie Feedback, lobendes genauso wie kritisches. Gerade in einer sich zunehmend verändernden Arbeitswelt werden persönliche Rückmeldungen immer wichtiger.
Damit Feedback aber nicht zum Schlagabtausch verkommt, braucht es drei Voraussetzungen:
1. Die persönliche Haltung. Der Feedbackgeber muss helfen wollen, damit der Feedbacknehmer sich verbessern kann. Der Feedbacknehmer muss Hilfe seinerseits annehmen und sich entwickeln wollen. Dazu zählt Respekt dem jeweils anderen gegenüber. Und dazu gehört auch zwingend, dass jeder anerkennt, dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur eine persönliche Sichtweise.
2. Feedbackgeber und Feedbacknehmer müssen selbstbewusste Persönlichkeiten sein. Unsichere Menschen können Feedback schwer annehmen, weil sie dieses sofort auf sich beziehen und überbewerten. Ein bestimmter Typus, der sogenannte "insecure overachiever", also der unsichere Höchstleister, wird sogar alles tun, um Kritik gar nicht erst aufkommen zu lassen. Jeden Kommafehler betrachtet er als persönliches Drama. So entwickelt er einen übertriebenen Perfektionismus. Die Note "gut" bedeutet für ihn Totalversagen, auch im Lob erkennt er noch Kritik an sich. Je mehr Menschen sich solcher Mechanismen bewusst sind, desto eher können sie damit umgehen. Das setzt Selbstreflexion voraus.
3. Das Feedback muss fair und konstruktiv sein. Der Vorwurf etwa, der Chef habe einen veralteten Führungsstil, ist weder fair noch konstruktiv. Stattdessen wäre es besser, seine Bedürfnisse zu benennen und was man sich vom Chef dafür wünscht. Etwa, konkrete Projektverantwortung übernehmen zu wollen, und wie das in der Praxis aussehen kann.
In Ihrem konkreten Fall, Jakob, ist schon ziemlich viel schiefgelaufen. Sie sollten jetzt um ein weiteres Gespräch mit dem Chef bitten, aber auf keinen Fall den Vorwurf der "Rache" erheben. Das würde die Lage nur noch verschlimmern.
Oft ist in solchen Fällen das Klima so vergiftet, dass es nur noch zwei Möglichkeiten gibt: aussitzen oder das Weite suchen.