Ein sehnsuchtsvoller Liebesroman, fast wie aus dem 19. Jahrhundert: »Öffnet sich der Himmel« erzählt von der schüchternen Annäherung zweier Jungs – und vom Jungsein in den Nullerjahren.
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Die literarische Epoche der Romantik war nach wissenschaftlicher Meinung im 19. Jahrhundert abgeschlossen. Und doch ist in diesem Jahr ein Roman erschienen, in dem allein die darin auftauchenden Geräte, sei es ein Discman oder ein VHS-Rekorder, einen ersten Hinweis darauf geben, dass dieses Buch fast zwei Jahrhunderte jünger ist als die Hauptwerke der Romantik.
Dieser Roman ist Seán Hewitts »Öffnet sich der Himmel«: James, der Ich-Erzähler des Romans, kommt 2022 zurück nach Thornmere, einem fiktiven Ort im nordenglischen Yorkshire. Er nimmt die Weißdornhecke wahr, die Apfelblüte, die Elstern in der Luft und hört schließlich einen Choral, der gerade aus der Kirche dringt. Spätestens mit dieser Passage hätte der Autor Hewitt einen Joseph-von-Eichendorff-Gedächtnispreis verdient gehabt, schrieb der romantische Dichter Eichendorff doch einst, dass »ein Lied in allen Dingen« schlafe – ein zentraler Satz der Epoche, lyrisches Bild dafür, dass Mensch und Kosmos miteinander eins seien.
Autor Hewitt
Foto: Karlis Dzjamko / Alamy / mauritius images; Alexandra Polina / DER SPIEGELHewitt, Jahrgang 1990, ist in England geboren, heute lebt er in Irland. Auch er ist Dichter. »Öffnet sich der Himmel« ist sein Romandebüt. Thornmere, den Handlungsort, beschreibt er als malerisches Dorf, in dem sich seit zwei Jahrhunderten kaum etwas geändert hat: »weiße Cottages in einem Nest aus Kanälen und Treidelpfaden«, »die Sandsteinkirche in ihrem Nest aus Ästen«. Offenbar hat es der Autor mit Nestern. Sprachlich mag das ein wenig redundant sein, doch das wiederholte Auftauchen des Worts lässt sich auch so deuten, dass Hewitts Ich-Erzähler sein Nest im Leben noch nicht gefunden hat.
In den Jahren 2002 und 2003, in denen der Großteil der Geschichte spielt, ist James 16. Ein schüchterner Teenager und zudem Außenseiter im Dorf. Er verliebt sich in einen anderen Außenseiter, den beinahe gleichaltrigen Luke. Der ist nur vorübergehend bei einem örtlichen Bauern untergekommen, weil seine Eltern sich getrennt haben. Lukes Mutter lebt nun in Frankreich, sein Vater sitzt im Gefängnis. Manchmal glaubt Luke, dessen Schatten in der Dunkelheit zu sehen. Als wäre dieser Vater ein Geist wie in Emily Brontës romantischem Schauerroman »Sturmhöhe«.
Der Einzige, der ihm dann Nähe gibt, ist James. Lange umkreisen sich die beiden, ohne ihre Gefühle füreinander auszusprechen. Ihr gegenseitiges Begehren entzündet sich an hochrutschender Sportswear: einer Fußballhose, einem T-Shirt, einem Hoodie, der den Blick auf den Ansatz der Schamhaare freigibt oder gar auf den Saum der Boxershorts. Und immer wieder erwähnt Hewitt die Turnschuhe, die beide tragen.
Homoerotische Geschichten gibt es in der Literatur spätestens seit dem Alten Testament. Im England der viktorianischen Zeit, dem ästhetischen Bezugsrahmen des Buchs, aber wäre nicht nur undenkbar, sondern strafbar gewesen, von der Liebe zwischen zwei Jungs zu erzählen. Oscar Wilde kam ins Gefängnis, weil er einen Mann liebte.
Die Platzierungen
Gesellschaftspolitisch gesehen ist Seán Hewitts Geschichte somit ein überfälliges Update des klassisch romantischen Romans. Darüber hinaus aber ist dieses Buch universell: Denn die große Unsicherheit, mit der sich Luke und James annähern, wie sie die sich bietenden Gelegenheiten bei Dorffesten, Schulpartys oder dem Sport nutzen, um sich unbeholfen zu berühren, ist zeitlos – und in allen Geschlechterkonstellationen denkbar.
Hewitt schildert diese Unsicherheit so eindringlich wie in den großen Klassikern. Reebok-Turnschuhe allerdings hat es damals noch nicht gegeben.
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