SPIEGEL Buchpreis: Kamel Daoud, »Huris« - DER SPIEGEL
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• aus DER SPIEGEL 48/2025

Preisgekrönt und vor Gericht gestellt: In Kamel Daouds starkem Roman »Huris« kommt ein algerisches Terroropfer zu Wort – aber darf der Schriftsteller diese Geschichte überhaupt erzählen?

Der SPIEGEL Buchpreis

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Wegen dieses Romans droht dem Schriftsteller Kamel Daoud in Algerien Haft. Dort bestimmt eine sogenannte Charta zur nationalen Versöhnung, dass über den Bürgerkrieg, der das Land ein Jahrzehnt lang erschüttert hat, nicht geschrieben werden soll. Daoud aber hat ein Buch darüber verfasst: »Huris«.

Sein Titel bezieht sich auf die mythischen Jungfrauen, die dem Islam zufolge den Gläubigen im Jenseits erwarten. Und doch steht im Mittelpunkt von Daouds Roman eine ganz und gar diesseitige Frau: Gerufen wird sie Aube, französisch für Morgenröte.

Aube hätte den Bürgerkrieg beinahe nicht überlebt. Als sie ein Kind war, schnitt ein islamistischer Terrorist ihr die Kehle durch. Sie wurde mit knapper Not gerettet, trägt seitdem aber eine gewaltige Narbe am Hals. Ihre Stimmbänder sind dauerhaft beschädigt, sie kann kaum reden.

Autor Daoud

Autor Daoud

Foto:

SYSPEO  / SIPA  / picture alliance; Alexandra Polina  / DER SPIEGEL

Der algerische Bürgerkrieg dauerte von 1992 bis 2002, er forderte, je nach Einschätzung, zwischen 60.000 und 200.000 Opfer – und doch möchten die Machthaber des Landes, dass ihr Volk den Konflikt einfach totschweigt. In seinem Roman hat Daoud mit Aube das ideale Bild dafür gefunden: eine Frau, die die Narben des Krieges trägt und doch kaum darüber reden kann. Zumindest mit der Außenwelt.

Denn in einem langen inneren Monolog erzählt Aube im ersten Teil des Buchs ihre Geschichte. Ihr Zuhörer ist das Kind, das in ihrem Bauch heranwächst. Noch weiß Aube nicht, ob sie dieses Kind behalten oder abtreiben lassen will. Womöglich gibt der Name ihres Schönheitssalons, den sie in der algerischen Stadt Oran betreibt, einen Hinweis darauf, wie sie sich am Ende des Buchs entscheiden wird. Der Salon heißt Schahrasad, so wie die Hauptfigur in »Tausendundeine Nacht«. Und wie die Schahrasad in ihren Geschichten erzählt auch Aube um des Lebens willen.

Als selbstbewusste Frau, die sich und ihre Kundinnen hübsch macht, ist Aube ein Feindbild für die Islamisten in der Moschee gegenüber ihrem Salon. Denn das Algerien, das Kamel Daoud beschreibt, ist auch heute, 23 Jahre nach dem Bürgerkrieg, nicht frei. Im zweiten Teil des Buchs bricht Aube zu einer Reise durch dieses Land auf. Ihr Ziel ist das Dorf, in dem sie als Mädchen verstümmelt wurde und in dem die Täter womöglich noch immer unbehelligt leben.

»Huris« ist ein ungewöhnlicher, literarisch verdichteter Roman mit wenigen Figuren, der in seiner Reduktion die Züge einer Parabel trägt. Kamel Daoud wurde dafür 2024 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet; als erster algerischstämmiger Schriftsteller in der Geschichte dieses wichtigsten französischen Literaturpreises.

In einer Zeit postkolonialer Debatten ist eine solche Entscheidung politisch aufgeladen. Algerien war seit 1830 von Frankreich besetzt, zum Teil Kolonie, zu anderen Teilen gar Bestandteil des französischen Territoriums. Nach einem brutalen Krieg wurde das Land 1962 unabhängig. An diesen Unabhängigkeitskampf erinnert sich das offizielle Algerien mit Stolz, anders als an den Bürgerkrieg, der in den Neunzigern folgte.

Die Platzierungen

Daoud, Jahrgang 1970, ist selbst in Algerien aufgewachsen und hat dort als Journalist gearbeitet. Heute lebt er in Paris und schreibt auf Französisch. Auch in Frankreich ist er in eine juristische Auseinandersetzung verwickelt: Die Algerierin Saada Arbane, selbst Terroropfer und ebenso verstümmelt wie Daouds Figur Aube, hat ihn auf mehrere Hunderttausend Euro Schadensersatz verklagt. Sie wirft ihm vor, für »Huris« ihre Geschichte gestohlen zu haben. Daoud verteidigt sich: Arbanes Geschichte sei öffentlich, als Opfer stehe sie für eine Vielzahl von anonymen Toten.

Wer »Huris« liest, wird deshalb nicht allein mit einer faszinierenden, stark erzählten Geschichte konfrontiert – sondern auch mit der Frage, wem diese Geschichte gehört und wer sie erzählen darf.


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