In »Verzauberte Vorbestimmung« erzählt Jonas Lüscher fast tranceartig von seiner Covid-Erkrankung, einem Maschinenstürmer, dem Schriftsteller Peter Weiss – und der Zukunft. Irrwitzig, labyrinthisch und wirklich groß.
Wir vergeben erstmals den SPIEGEL Buchpreis: Eine renommierte Jury prämiert 20 belletristische Werke, die in diesem Jahr auf dem deutschen Markt erscheinen. Am 20. November 2025 wird das Gewinnerbuch gekürt.
Seine Bücher sind stets groß, wenn nicht gar maximalistisch angelegt: Bei Jonas Lüscher wechseln Schauplätze, Milieus und Themen in einem aberwitzigen Erzählrausch, der immer neue Haken schlägt. In seiner Novelle »Frühling der Barbaren« fühlte sich das an, als würde man von einem reißenden Strom durch eine Geisterbahn des heutigen Kapitalismus gespült. Dagegen ist die Fließgeschwindigkeit seines neuesten Buchs, »Verzauberte Vorbestimmung«, langsamer, fast tranceartig in ihrer Genauigkeit und Nachdenklichkeit – wie ein tiefer und völlig bizarrer Traum, der einen von Szene zu Szene trägt, aber nicht aufwachen lässt. Und wie im Traum sind diese Szenen assoziativ, bestenfalls locker verbunden und führen durch mehrere Jahrhunderte, halb Europa und Ägypten.
Autor Lüscher
Foto:Gunter Gluecklich / laif; Alexandra Polina / DER SPIEGEL
Da ist ein algerischer Soldat, der im Ersten Weltkrieg während eines Gasangriffs von der Front desertiert; da ist die Coronaerkrankung des Erzählers, die ihn wochenlang im Koma zwischen Leben und Tod schweben lässt; da besichtigt der Schriftsteller Peter Weiss den selbst gebauten Fantasiepalast eines französischen Briefträgers; da sinniert ein tschechischer Maschinenstürmer im 19. Jahrhundert über die Mechanisierung der Arbeit; da taumelt ein vergrippter Erzähler, das Alter Ego Lüschers, durch die neuen Retortenstädte rund um Kairo; und da verliebt sich in einer mittleren Zukunft eine junge ägyptische Archivarin in eine rätselhafte Cyborg-Frau. Am Schluss spricht der Erzähler mit der altägyptischen Figuration seiner Seele, die die Züge von Peter Weiss trägt, und wird von einem Tech-Entrepreneur namens Jan Brandt geklont.
So weit, so irrwitzig.
Lüscher, zweifellos ein Liebling der Kritik und Germanistikseminare, ebenso belesen wie reflektiert, setzt bei seinen Lesern eine gewisse Nerdigkeit voraus. In »Verzauberte Vorbestimmung« wird sie bestens bedient. Der Text entfaltet im Fluss allerdings einen ganz eigenen Sog. Er wird in einem zugleich glasklaren und introspektiven Erzählstil vorgetragen, der jede einzelne Episode zu einer eigenständigen Parabel werden lässt.
Die Geschichte über Peter Weiss’ Besuch des surreal-kitschigen Palais Idéal des Briefträgers 1960 erzählt nicht nur davon, wie dieser sich mit seinem fulminanten Text »Der Schatten des Körpers des Kutschers« für die Literatur entscheidet, sondern zeigt auch die tastenden Versuche des Ich-Erzählers, selbst mit einem Besuch des bizarren Bauwerks wieder ins Leben und Schreiben zurückzufinden. Die Episode über den Maschinenstürmer Abel, der sich mit einem Streik gegen den Vormarsch der Industrialisierung wehrt, führt zugleich vor, worin deren inneres Prinzip besteht: Maschinen, die Maschinen bauen. Und die Geschichte der Hobbyarchivarin Tari, im Nebenberuf Stand-up-Comedian, ist nicht nur eine Reflexion über die Dokumente menschlicher Existenz, die im Archiv zu neuen Geschichten arrangiert werden, sondern auch ein Gedankenexperiment über die Synthese von Mensch und KI in Form ihrer Freundin Kate, die vom Wissen um ihre Unsterblichkeit niedergedrückt wird. Dazwischen bilden die Szenen aus dem Covid-Koma des Erzählers eine Art Kristallisationskeim, von dem alle Episoden und Geschichten ihren heimlichen Ausgangspunkt zu nehmen scheinen.
Die Platzierungen
Am Ende geht es in diesem Buch vielleicht weniger um Wohl und Wehe von Technologie, wie viele Kritiken spekulieren, sondern um die noch tiefergehende Frage, was vom Menschen bleibt und was ihn mit der Welt verbindet. Bei Lüscher können das Architekturen oder Kunstwerke sein, von den Tempeln der Pharaonen über die Maschinen, die zur Lebenswelt des Menschen geworden sind, bis zum »riesenhaften, teigigen Traum des Briefträgers«, Taris Archiv und den menschenleeren, megalomanen Prachtanlagen in der ägyptischen Wüste. Oder dieser große, labyrinthische Roman.
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