Hilfe von der WG-Therapeutin "Meine Mitbewohnerin behandelt mich wie einen Idioten"
Jan* schreibt:
"Ich wohne mit einer 20-Jährigen in einer Zweier-WG. Sie ist gerade erst bei ihren Eltern ausgezogen, hat also keinerlei WG-Erfahrung. Ich bin 28 und mache meinen zweiten Master in einer neuen Stadt und habe schon früher in WGs gewohnt.
Wir wohnen erst wenige Wochen zusammen und trotzdem habe ich immer mehr das Gefühl, mich in meinem Zimmer verstecken zu müssen. Denn immer wenn wir uns unterhalten, läuft es darauf hinaus, dass ich etwas falsch mache. Ich habe sogar schon das Gefühl, dass sie nur ein Gespräch mit mir beginnt, um mir zu sagen, was ich schon wieder falsch gemacht habe.
Wir sind uns einfach nicht sympathisch und wissen nicht, worüber wir reden sollen. Als wir einmal verlegen im Gang standen, fragte ich sie, ob wir einen Putzplan machen sollten. Sie meinte, das wäre nicht nötig, wir sollten einfach putzen, wenn uns danach sei, aber ich solle doch bitte den Käse im Kühlschrank möglichst dicht verpacken.
Ich dachte mir, blöd, dass ich nicht selber daran gedacht habe. Zwar riecht der Käse überhaupt nicht, aber dazu gibt es ja unterschiedliche Wahrnehmungen. So lebten wir weiter aneinander vorbei, ohne richtige Unterhaltungen, in mir gab es aber bereits dieses Gefühl: 'Hoffentlich mache ich nicht wieder was falsch'.
Eines Tages, ich hatte meine Wäsche in meinem Zimmer aufgehängt, weil ich wegen meines Musikinstruments etwas Feuchtigkeit im Raum brauche, sagte sie zu mir: 'Du darfst deine Wäsche schon im Flur aufhängen!' Ich erklärte ihr die Situation, dachte aber: 'Sehr gnädig, dass ich das darf!'
Ein nächstes Mal war ich gerade in der Küche, um mir Abendessen zu machen, da sagte sie zu mir, dass meine Espressokanne sehr gefährlich für den Herd sei, weil sie Spannungen in der Platte verursache und dann kaputt gehen könne. Sie riet mir, ein neues Gerät zu kaufen, das separat angeschlossen werden kann.
Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de . Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.
Dies war der Punkt, an dem mich die WG-Situation wirklich zu stören begann, gleichzeitig ärgerte ich mich über mich selbst, darüber, dass ich meiner Mitbewohnerin alles recht machen wollte. Ihre Art, mir diese Dinge mitzuteilen, gab mir das Gefühl, sie tue mir einen Gefallen, dass ich bei ihr wohnen dürfe. Zudem vermittelte sie den Eindruck, mich erziehen zu wollen, auf eine etwas selbstgefällige und besserwisserische Art.
Ich versuche nun, jeden Kontakt zu meiden, so gehe ich nun meist zum Essen ins Zimmer. Letztens habe ich bei dieser Flucht vergessen, eine Herdplatte auszumachen (auf niedriger Temperatur). Dann kam meine Mitbewohnerin zu mir und begann wieder mit Smalltalk. Ich war verdutzt über den plötzlichen Kontakt, dann kam es: 'Du hast vorhin vergessen, die Herdplatte auszumachen.'
Ich, ehrlich erschrocken: 'Oh, wirklich? Na, das tut mir leid!' Sie: 'Das ist ja kein Problem, das kann ja mal passieren! Schau: Wenn der Knopf so ist, dann weiß man, dass es sicher aus ist!' Durch ihre Art, mit mir zu sprechen, fühlte ich mich in den Kindergarten zurückversetzt und verließ daraufhin die Küche.
Ich fühle mich in dieser WG-Situation tatsächlich dumm, bevormundet und eingeengt, gleichzeitig beschäftigt mich die Situation sehr im Alltag.
Soll ich das Gespräch suchen? Bin ich das Problem?"
*Name geändert
Sabine Stiehler lindert den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.
Sabine Stiehler antwortet:
"Lieber Jan,
Ihre Mitbewohnerin wird gerade erst noch erwachsen. Sie hat in ihrem Elternhaus gelernt, die Dinge auf eine spezielle Art zu tun und ist in der neuen Wohnsituation wahrscheinlich noch sehr unsicher und verängstigt. Es gibt ihr Sicherheit, wenn sie alles auch weiterhin so macht wie bei ihren Eltern. Damit beruhigt sie sich selbst.
Ihre Mitbewohnerin meint die Hinweise nicht böse, im Gegenteil, sie ist sehr korrekt und will helfen. Nehmen Sie das, was sie Ihnen sagt, nicht persönlich. Schöpfen Sie aus Ihrer Lebenserfahrung und seien Sie souveräner.
Auch wenn Ihre Mitbewohnerin Ihnen sagt, dass Sie Ihre Wäsche im Gang aufhängen können, geht sie einen Schritt auf Sie zu. Sie will Sie damit nicht provozieren.
Ausgewählte Texte: Mehr Hilfe von der WG-Therapeutin
Aber wenn Sie ihre Kommentare dennoch immer wieder persönlich nehmen, müssen Sie mit ihr reden. Machen Sie das aber nicht direkt nach so einem Kommentar. Sprechen Sie in einer ruhigen Minute mit ihr, sonst reagieren Sie vielleicht gereizt und sagen ihr etwas, das Ihnen dann vielleicht leidtut.
Teilen Sie ihr mit, dass Sie das Gefühl haben, sie würde Sie immer korrigieren. Sprechen Sie ruhig an, dass Sie sich wie ein Kindergartenkind behandelt fühlen.
Aber ganz wichtig: Lassen Sie sich nicht von ihren Kommentaren aus der Reserve locken. Manche Menschen sind einfach so. Sie merken nicht, dass sie andere mit speziellen Hinweisen verletzen. Und sie wollen die anderen auch nicht verletzen.
Entwickeln Sie für sich ein persönliches Mantra. Sagen Sie sich innerlich: 'Ich lasse mich nicht provozieren.'"