Wohnungsnot Matratzenlager statt Studentenbude
Freiburgs Studenten erinnern sich unweigerlich an die DDR. An die Zeiten, als sich im Osten lange Schlangen vor den Geschäften bildeten. Als die Leute geduldig ausharrten, bis die Läden ihre Pforten öffneten. Und sich die Menschen dann auf die seltenen Bananen stürzten.
Auch vor dem Freiburger Studentenwerk stehen sich Studienanfänger die Beine in den Bauch - und warten, bis die Geschäftsstelle um acht Uhr endlich ihre Tore öffnet. Nach einer Rarität lechzen die Freiburger ebenfalls: Sie suchen Wohnungen.
Unterkünfte gibt es in Freiburg entschieden zu wenig. Zeitgleich immatrikulieren sich immer mehr Studenten an der Albert-Ludwigs-Universität. "Diese Situation hatten wir schon lange nicht mehr", sagt Renate Heyberger, stellvertretende Geschäftsführerin des Studentenwerks. Mehr als 50 künftige Erstsemester strömen jeden Tag in die Geschäftsstelle, doch nur jeder Fünfte weiß danach, dass er künftig ein Dach über dem Kopf hat. Die anderen müssen weiter suchen.
Renaissance des Landschulheims
Das Freiburger Studentenwerk löst nun das Wohndilemma auf unkonventionelle Weise. Am Wochenende vor Semesterstart bauen die Studentenwerker einen Theatersaal zu zwei Matratzenlagern um - streng geschlechtergetrennt. 30 Unterbetten haben Heyberger und Kollegen schon in petto. Das Landschulheim aus den fünfziger Jahren erlebt eine Renaissance. Denn zur Ausstattung der Notschlafstellen gehören auch Duschen und abschließbare Schränke.
Schon Anfang der Neunziger griff das Freiburger Studentenwerk zu diesem Notbehelf. "Das war sehr lustig", erinnert sich Heyberger. Um die strikte Sperrstunde zu umgehen, nutzten die Studenten statt der Türen die Fenster als Ausgänge.
Schlafsaal à la Sparta
Doch trotz des hohen Spaßfaktors geht Heyberger davon aus, dass es den Schlafsaal à la Sparta nur für wenige Wochen geben wird. "Die Studenten müssen auch akzeptieren, dass sie vielleicht 20 oder 30 Kilometer von der Uni entfernt leben müssen."
Auch in Tübingen wollen die Studenten möglichst nah an ihrer Alma mater wohnen: "Schon in wenige Kilometer entfernte Stadtteile wollen die Studenten nicht ziehen", sagt Gisela Geng-Holkkonen, Pressesprecherin des Studentenwerks, verärgert. Daher hätten sich in den vergangenen Jahren immer mehr Vermieter außerhalb der Kernstadt aus dem Markt zurückgezogen.
Bald zwei Mann in einem Zimmer?
Deshalb stehen zurzeit 1000 Studienanfänger auf der Warteliste für eine Studi-Bude. "Wir hoffen, dass die Liste bis Dezember oder Januar abgebaut ist", meint Geng-Holkkonen. An Matratzenlager und Schlafsäle denkt das Tübinger Werk nicht. Eher an eine Doppelbelegung der 3800 Zimmer an den Wohnheimen. "Das gab es Ende der sechziger Jahre zum letzten Mal", räumt die Pressesprecherin ein. Wenn sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt aber weiter zuspitze, müsse man "auch darüber nachdenken".
In Karlsruhe verweist das Studentenwerk die Erstsemester ohne Bude dagegen an die örtliche Jugendherberge. "Wir können ja keine Zelte aufschlagen", resigniert die stellvertretende Geschäftsführerin Iris Linke.
Jugendherberge ist voll
Für 25 Mark pro Nacht können sich Studenten in der Herberge einquartieren; Frühstück inklusive. Doch die Unterkunft ist voll. "Wir haben zurzeit nicht nur Schulklassen hier, sondern auch viele Studenten", berichtet Zivildienstleistender Patrick Crocoll. Zahlreiche Hochschüler buchen sich von Woche zu Woche neu ein. Doch die Kapazität ist begrenzt: In der Herberge gibt es nur 160 Betten, über 1000 Wohnungsaspiranten stehen dagegen auch in Karlsruhe auf der Warteliste des Studentenwerks.
Allerdings sind nicht alle Studienanfänger bereit zur Dauersuche. "Die ersten Studierenden treten ihren Studienplatz nicht an", klagt Linke. Vor allem Austauschstudenten aus dem Ausland würden abgeschreckt.
Den Schuldigen für diese Misere haben die drei Studentenwerke auch schon ausgemacht: das Land Baden-Württemberg: "Das Land finanziert keine neuen Wohnheimplätze", moniert Renate Heyberger vom Studentenwerk Freiburg. Und auch ihre Karlsruher Kollegin Iris Linke kritisiert: "Baden-Württemberg gibt zu wenig Geld."
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Gunter Schanz, Pressesprecher des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums, will den Schwarzen Peter dagegen nicht annehmen: "Mit unserer Quote liegen wir weit vor den anderen westlichen Bundesländern." Knapp 17 Prozent aller Südwest-Studenten sind in Wohnheimen untergebracht - der beste Schnitt in ganz Westdeutschland.
Hochschülern auf Wohnungssuche empfiehlt Schanz, über den Uni-Ort hinauszuschauen. "Die Studenten sollten auch die Umgebung miteinbeziehen."
Tatsächlich ist die Lage in anderen Universitätsstädten nicht besser. In in den letzten Tagen traten die Studentenwerke in Augsburg, Osnabrück und Braunschweig an die Öffentlichkeit. Tenor: Überall fehlen Studentenwohnungen.