Athlon 1900+: "AMD patcht sich an die Spitze" - DER SPIEGEL
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Athlon 1900+ "AMD patcht sich an die Spitze"

Der fortdauernde Streit zwischen AMD und Intel, wie man denn nun die Leistungsfähigkeit eines Prozessors bemessen soll, scheint sich in den Testlabors zu entscheiden. Die ersten Tests des Athlon 1900+ zeigen: AMD trickst zwar, aber gekonnt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwie kommt einem die Geschichte vertraut vor: In einer Welt, die von Römern beherrscht ist, hört ein kleines Dorf nicht auf, Widerstand zu leisten. Mit viel List und nicht wenig Zaubertrank gelingt es den Dorfbewohnern immer wieder, den Römern Niederlagen zuzufügen. Und entsprechend gedopt haut Asterix auch erheblich kräftigeren Römern ordentlich eins auf die Glocke.

Die Römer der CPU-Welt tragen Intel-T-Shirts. Der gedopte kleine Widersacher ist - wer sonst ? - AMD. Und der Zaubertrank ist von der Marke "Patch" - "Flicken".

Die Chipschmiede AMD hat gerade ihren neuesten, clever geflickten Streich vorgelegt: Der Athlon 1900+ soll als Flaggschiff der AMD-Produktpalette dem Branchenriesen Intel die Hölle heiß machen. Dessen Flaggschiff heißt derzeit Pentium P4 und geht mit einer "2,0" hausieren - und damit ist natürlich die Taktrate von satten zwei Gigahertz gemeint.

Da kann AMD nicht mithalten: Hinter der "1900" verbergen sich vergleichsweise bescheidene 1600 Mhz. Doch AMD ist nicht etwa versehentlich beim Aufdruck die "6" umgekippt. Nein, aus solch profaner Kraft-Protzerei hat sich AMD im Spätsommer schlicht verabschiedet und behauptet nun steif und fest, dass es nicht auf den "Muskel" ankäme, sondern darauf, wie man ihn einsetzt. So soll das "1900+" im Namen des neuen Athlon signalisieren, dass dieser in direkter Konkurrenz zum Pentium P4 1,9 stehe, also auch mit diesem zu vergleichen sei.

Das aber wäre unfair

Denn dann sähe Intel ähnlich mies aus, wie die Römer im Leistungsvergleich mit Asterix. Das Maß aller Dinge im Leistungsvergleich von Chips ist die "Benchmark", und von diesen vielfältig unterschiedlich definierten Leistungstests gibt es Legionen. In den bei weitem meisten schneidet AMD besser ab.

"AMD", lautet etwa das Fazit des aktuellen Tests bei "Tom's Hardware Guide", "baut seine Führungsposition aus".

Eine Meinung, mit der er nicht alleine steht: Durch die Reihe konstatierten die ersten Tests, dass der 1900+ in den meisten Benchmark-Tests nicht nur besser abschneide als der P4 1,9, mit dem er verglichen werden solle, sondern auch besser als Intels Flaggschiff, der P4 2,0.

Der rast zwar tatsächlich weit schneller als der AMD-Chip und gigahetzt mit einer satten "2" durch die Daten, bekommt diese dann aber weniger effektiv verarbeitet. "Effizienz contra Taktfrequenz" nennen das die Tester des TecChannel, die in der Veröffentlichung des 1900+ den Versuch sehen, den "Abstand zum schnellsten Pentium 4 wieder zu vergrößern".

"Vergrößern"?

Verkehrte Welt: Der angeblich langsamere Chip vergrößert seinen Führungsabstand zum Renn-Boliden. Bei Intel müssen sie vor Wut in die Tischplatten beißen. Klar, hier und da wird auch Kritik laut: Tatsächlich kann der Athlon nur in einem absolut optimalen Hardware-Umfeld mithalten. Der Witz ist nur, dass das auch für den Pentium gilt.

Der neue Athlon jedenfalls läuft wie frisch gedopt, wenn er in einem Motherboard mit dem VIA KT266A-Chipset harmonieren darf. Dann kommen erst seine kleinen Patches zum Zuge, die die maßgeblichen Verbesserungen zum 1800+ ausmachen und ihm in der Performance Flügel verleihen. Ganz gezielt, urteilen die Tester der Computerbibel "c't", habe AMD Patches für seine Prozessorarchitektur entwickelt, die auf eine Verbesserung ganz spezifischer Benchmarks abzielten.

AMD trickst also, oder?

Man kann das so sehen (Manager mit Intel-T-Shirts neigen dazu). Aber: AMD tut dies sehr gekonnt. Zitat "c't": "AMD patcht sich also wieder an die Spitze".

Und das - besonders schmerzhaft für Intel - auch in vielen Spiele-Benchmarks. Hier gehen die Meinungen der Tester zwar zum Teil auseinander, doch hat AMD hier offensichtlich Boden gut machen können: Bisher galten die Athlons als überlegen im Office-Bereich, jedoch unterlegen wenn es um Fun, Fun, Fun geht. Das scheint vorbei.

Intel, mäkeln Kritiker, verfüge mit der P4-Architektur aber über das ausbaufähigere Konzept. Irrelevant, antworten darauf AMD-Fans, aber auch immer mehr Tester: "Den beiden AMD-Patches", urteilt die "c't" im aktuellen Test ("c't" 23/2001, Seite 20), "kann man immerhin zugute halten, dass sie die technische Leistungsfähigkeit ihrer Prozessoren mit besserem Code demonstrieren".

Im saloppen Klartext: Richtig getunt bringen die AMD-Chips mehr Leistung, als die "Hubraum-Riesen" von Intel. Darüber hinaus hat AMD schon wieder Neues in Mache: Erst in der letzten Woche stellte AMD eine kommende Generation von 64 Bit-Chips vor, die unter dem Codenamen "Hammer" laufen.

Doch auch der wird Intel in Sachen Geschwindigkeit wohl kaum erschlagen. Parallel stellte Intel eigene Architektur-Ansätze vor, die schon jetzt versprechen, weiter vor den Geschwindigkeiten der AMD-Chips zu "gigahetzen". AMDs Verkaufsargumente bleiben also der günstigere Preis - und Effektivität.

Ob sich AMDs neue Leistungsbezeichnungen tatsächlich durchsetzen, wird sich letztlich an der Ladentheke entscheiden. Noch ist es so, dass "Gigahertz" für viele Verbraucher eine absolute Größe darstellt. Doch der Wind beginnt sich zu drehen: Die Tester beginnen, AMDs "Vergleichszahlen" als kleine Understatements wahrzunehmen. Denn das ist das absolute Fazit aller Tests: Eigentlich müsste AMDs 1900+ in Konkurrenz zum P4 2,0 gesehen werden.

Doch die sanfte Untertreibung ist psychologisch klug: So behält AMD im Augenblick stets die Nase vorn und überrascht zudem noch positiv. Clevere Tricks statt Muskel eben, und ab und zu ein bisschen Doping.

Frank Patalong