Hightech und Nostalgie: Weltweit Web-Zugang mit Iridium - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Hightech und Nostalgie Weltweit Web-Zugang mit Iridium

Gute Nachrichten für Pol-Bewohner, Wüsten-Eremiten und Dschungelforscher: Das wiederbelebte weltweite Satelliten-Telefonnetz Iridium bietet nun auch Web-Zugang. Überall, jederzeit und so herrlich langsam wie anno dunnemals: 10 Kbit/s reichen gerade mal für die E-Mail. Und für die Army.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Damals - man weiß das von Oma, aber auch von den Cyberfans der ersten Stunde - war eigentlich alles besser. In letzterem Fall ist damit die Zeit gemeint, als sich das Modem noch quäkend und oft sogar erfolgreich mit 9600 Kbit/s ins Internet morste. Da konnte man die Fieptöne fast noch mitsingen.

Solchen Nostalgikern hat Iridium, das im letzten Jahr spektakulär gescheiterte Satelliten-Telefonnetzwerk, das durch einen Ramsch-Verkauf in letzter Sekunde gerettet werden konnte, nun etwas zu bieten.

Das ist auch nötig, denn die Faktoren, die einen Erfolg von Iridium verhinderten, sind ja längst nicht aus der Welt: 72 Satelliten zu unterhalten kostet mehr als ein Taschengeld, Iridium-Handys sind klobig genug, einen Ochsen zu erschlagen, und der Service ist preislich wirklich nur attraktiv, wenn man sich an einem völlig unzugänglichen Ort der Welt befindet, an dem jedes "normale" Handynetz versagt.

Das schränkt den potenziellen Kundenkreis merklich ein, denn so häufig sind Dschungelforscher, Ölprospektoren oder Arktis-Reisende nun auch wieder nicht. Im Marktsegment der Schiffskommunikation, einst eine der großen Hoffnungen von Iridium, sieht sich das Unternehmen mit kräftiger Konkurrenz konfrontiert, die - wie etwa Comsat - inzwischen längst ebenfalls auf den virtuell profitablen Markt der Kommunikationsdienstleistungen für den letzten Winkel der Welt strebt.

Da muss man der Kundschaft also schon etwas bieten, was die Konkurrenz nicht kann: Datentransfers und Web-Access zum Beispiel.

"Zum ersten Mal", stieß Iridium-Chef Gino Picasso jubilierend ins PR-Horn, "gibt es einen Internet-Zugang von jedem Punkt der Erde aus, einschließlich der Ozeane, der Pole und Berggipfel!"

Das ist toll, wenn auch leicht übertrieben

Bei einer Datendurchsatzrate von höchstens 10 Kbit/s entfällt das abendliche Surfen im Netz mit Sicherheit, egal, wie langweilig es auch sein mag im polaren Winter. Der Service zielt natürlich eher auf E-Mail - und auf die Übertragung verschlüsselter Daten.

E-Mail per 10 Kbit/s ist erstens gut möglich und zweitens attraktiv, wenn die Konkurrenz vor Ort gerade "Brieftauben und Schneckenpost" zu bieten hat, wie Iridium-Chefentwickler Mark Adams meint. Doch Iridiums eigentliche Hoffnung liegt im Datentransfer, streng vertraulich.

Irgendwann zwischen dem Konkurs im Herbst letzten Jahres und dem Frühjahr 2001 hat das ursprünglich ausdrücklich "zivil" angelegte Iridium-Netz seine Unschuld verloren. Größter Kunde und die finanzielle Hoffnung von Iridium ist das Militär. Mit der US-Army verbindet Iridium ein Vertrag über die Bereitstellung abhörsicherer Satellitenkommunikation - überall, jederzeit, weltweit.

Es ist vor allem das "Milinet", nicht das Internet, das künftig mit 10 Kbit/s über Iridium funkt. Das "WWW"-Zauberwort mag helfen, den Service auch Fluggesellschaften und Ölfirmen anzudienen. Weltweit Internet mit Iridium? Nicht das erste und nicht das letzte Nebenprodukt der Rüstungsforschung.

Frank Patalong