Verdi Gewerkschaft entdeckt die New Economy
Stuttgart - In den Unternehmen der so genannten New Economy gibt es offenbar einen Trend zu Mitbestimmung und Betriebsräten. "Die Anfragen von Mitarbeitern aus Multimedia- und Start-up-Firmen haben in den vergangenen Monaten klar zugenommen", sagte Frank Werneke, Leiter des Fachbereichs Medien der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Gerade bei freien Mitarbeitern sei das Interesse zurzeit sehr groß, jedoch auch Festangestellte würden sich bei der Gewerkschaft über Arbeitszeitregelungen und Gehälter informieren - respektive, wie solche in der traditionellen Wirtschaft gehandhabt werden.
Denn davon haben viele Angestellte in der New Economy wahrlich keinen blassen Dunst: Dinge wie die Bezahlung oder das "Abfeiern" von Überstunden sind so gut wie unbekannt, Mitbestimmungsmöglichkeiten, die über das "Du, hör mal.." hinausgehen, oftmals auch. Dass es neben den Gesetzen des Marktes auch gesetzliche Regelungen für das "Hire and Fire" gibt, ist für viele New-Economy-Angestellte eine echte Offenbarung - und oft auch für ihre Chefs eine so unangenehme wie ungeahnte Überraschung.
Jetzt entdecken immer mehr New-Economy-Arbeiter, dass es da ja noch so etwas wie Gewerkschaften gibt - sogar die Bereitschaft der Arbeitnehmer aus den jungen Unternehmen, sich in der Gewerkschaft zu engagieren, steige, betonte Werneke vor einem Auditorium auf dem Deutschen Multimedia Kongress in Stuttgart.
Grund genug für die Gewerkschaft, ihrerseits die Existenz der New Economy zu entdecken. Deutschlands Gewerkschaften geht es seit Jahren wie den Kirchen: Die Mitglieder werden immer älter, der Nachwuchs fehlt oder flüchtet vor - den Gewerkschaften oft unterstellten - "verknöcherten Vereinsstrukturen". Wachstum gibt es nur noch durch "Fusion", wie gerade Deutschlands neue Mega-Gewerkschaft Verdi bewiesen hat.
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Das gestiegene Interesse an Gewerkschaftsarbeit führt Werneke auf einen höheren Leidensdruck zurück, seit die Branche festgestellt hat, dass sie nicht von Krisen ausgenommen ist. Arbeitnehmer müssten teilweise sehr viel arbeiten, würden nicht besonders gut bezahlt und müssten mit Entlassungen rechnen.
In dieser Situation wünschen sich offenbar immer mehr Angestellte der "Locker-locker"-Wirtschaft etwas verknöchertere Strukturen - und wenden sich an die Experten.
Werneke räumte ein, dass sich die Gewerkschaft in der Multimedia-Branche noch am Anfang ihrer Arbeit befindet. Die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen müssten "erst noch gestaltet" werden. Der Gewerkschafter verspricht sich deshalb von der anstehenden Gründung eines Betriebsrats in Deutschlands größter Multimedia-Schmiede Pixelpark eine Signalwirkung.
Tarifverträge werden in der Multimedia-Branche anders aussehen als in traditionellen Unternehmen, stellte Werneke fest. Gehaltssteigerungen seien ähnlich wie in der IT-Branche nicht so wichtig wie in der Old Economy. Stattdessen werde es darum gehen, die Rahmenbedingungen für lebenslanges Lernen der Mitarbeiter zu schaffen.
Dabei ist sich Werneke nicht sicher, ob der Prozess so schnell ablaufen wird wie etwa im privaten Rundfunk, wo die Mitbestimmung der Arbeitnehmer innerhalb von fünf Jahren etabliert wurde. Die Dienstleistungsgewerkschaft verstehe sich dabei in erster Linie als Plattform für die Beschäftigten. "Es geht nicht darum, die Branche zu erobern", sagte Werneke. Verdi trete als Moderator der Arbeitnehmer-Interessen auf und bediene eine Nachfrage der Beschäftigten.