Bilanz Netzwelt 2009 Das war das Jahr in IT-Themen
Journalisten verstehen sich als Gatekeeper, was so viel wie Torwächter bedeutet: Die auswählende Entscheidung darüber, was aus der viel zu großen Flut der Nachrichten und Themen als relevant und wichtig präsentiert wird, ist eine der originären Aufgaben des Berufes. Das wird oft kritisiert, in der Regel aber ist es ein Dienst am Leser: Das Gros der vielen zehntausend Nachrichten, die täglich über die Ticker gehen, ist völlig unrelevant.
Was allerdings nicht bedeutet, dass wir Medienmacher dann immer richtig liegen. Manches vermeintliche Großthema entpuppt sich als Hype, als Blase: Auf kein Thema 2009 trifft das mehr zu als auf den anhaltenden Hype um Twitter. Die Echtzeit-Kommunikation ist ein Faszinosum für Journalisten, weil sie ein Werkzeug und eine potentielle Quelle darin entdecken. Sie, die Leser, sehen das völlig anders: Kein einziger Artikel über ein Twitter-Thema schaffte es auch nur in die Liste der erfolgreichsten 50 Artikel eines Monats. Selbst der Bericht über die spektakuläre Notwasserung eines Flugzeugs auf dem Hudson River und die damit verbundene vermeintliche Sternstunde von Twitter interessierte nur knapp 150.000 Leser.
Twitters Sternstunde: Breakings News per Zwitscherdienst
Auch die Entwicklungen der Social Networks sind eher für Finanziers oder Soziologen interessant, trotz ihrer medialen Dauerpräsenz. Otto Normalsurfer nimmt die längst als gegeben hin - was soll man noch darüber lesen, außer, sie verbummeln gerade wieder unsere Daten?
Meistens jedoch decken sich die Wahrnehmungen von Medienmachern und Konsumenten weitgehend. Wir wissen recht genau, welche Themen hoch in der Gunst der Leser stehen - und melden die vermeintlich trockenen, aber wichtigen Politik-Themen trotzdem. Denn natürlich wäre ein Artikel über die Aktivitäten von Paris Hilton populärer als einer über die von Ursula von der Leyen: Letztere setzte mit den so genannten Internetsperren gegen Kinderpornografie eines der ganz großen Netzwelt-Themen des Jahres.
"Bitte, jetzt nicht wieder alles von vorne", bat sie am Ende eines Interviews, in dem wir im Mai 2009 alles ganz genau von ihr wissen wollten. Wie wir inzwischen wissen, bat sie wohl vergeblich: Ihre Sperren, die viel zur Re-Politisierung des Internet und zum Überraschungserfolg der Piratenpartei beitrugen, wurden von der neuen Regierung erst einmal auf Eis gelegt. Ob sie in der geplanten Form je umgesetzt werden, ist inzwischen zweifelhaft, denn auch die SPD hat mittlerweile entdeckt, dass sie wie Grüne, Linke und FDP eigentlich immer schon gegen diese Sperren war, die sie so vehement auch gegen Kritiker in den eigenen Reihen mit durchgedrückt hatte.
Die Trendsetter unter den Großfirmen
Das zurückliegende Jahrzehnt wurde in den Medien dominiert von Google, die - durch diesen Erfolg verwöhnt - damit fortfahren, jede noch so marginale Code-Flatulenz als weltverändernde Schlagzeile in die medialen Kanäle zu pumpen, die dort dann mangels Masse als Bläschen verblubbern. Da fallen dann die tatsächlich bemerkenswerten Google-Themen mitunter kaum noch auf. 2009 produzierte Google deren Zwei, die das Zeug haben, die Branche auf Jahre zu beschäftigen: Das angekündigte Betriebssystem Chrome OS und die an Google-Maps geknüpften Navi-Anwendungen.
Von sich Reden machte wie üblich auch Apple. Inzwischen hat man sich daran gewöhnt, dass das grundsätzlich etwas Positives bedeutet - selbst, wenn der charismatische Firmenchef Steve Jobs, der im letzten Jahrzehnt aus der so lange defizitären Klitsche eines der profitabelsten Unternehmen der Welt gemacht hat, einmal auf längere Zeit ausfällt. 2009 war das so: Im Januar nahm Jobs, der bereits eine Krebserkrankung überlebt hatte, aufgrund neuer schwerer Erkrankung nach Ankündigung eine längere Auszeit. Dann folgten Monate Apple-typischer Funkstille. Im Sommer wurde bekannt, dass Jobs eine Lebertransplantation gebraucht hatte, im Herbst zeigte er sich erstmals wieder öffentlich.
Apple-Flachmann: Das Macbook Air
Als die Nachrichtenagentur Bloomberg Jobs im Sommer 2008 versehentlich für tot erklärte, gingen Apples Aktienkurse noch auf Tauchfahrt. Doch diesmal? Nichts, warum auch: Apple warf mit dem iPhone 3G die neue Generation seines Smartphones auf den Markt und machte damit mehr Profit, als der alte Marktführer Nokia mit allen seinen Geräten zusammen. Mit dem Macbook Air bewies Apple einmal mehr, dass die Firma nicht nur Computer bauen kann, sondern auch in Hinblick auf Technik und Design weiter Maßstäbe setzt - irgendwie ist seit Veröffentlichung des ersten iPod im Jahr 2001 jedes Jahr ein Apple-Jahr.
Revival eines Riesen
Das gilt für Apples alten Antagonisten nicht unbedingt. Um so überraschender, dass 2009 nicht zuletzt das Jahr von Microsoft war.
Das neue Betriebssystem: Google Chrome OS
Die ehemalige Gates-Company Microsoft zeigte, dass sie - obschon noch immer eines der Lieblings-Hassobjekte der Netzgemeinde - kräftig dazugelernt hat.
Nicht nur, dass die Außendarstellung der Firma inzwischen weit lockerer, mitunter sogar mit Selbstironie daherkommt. Microsoft konnte auch zum erstenmal seit langer Zeit mit Produkten punkten: Das in einer Testphase sogar auf Zeit verschenkte Windows 7 wurde zu einem schnellen Überraschungserfolg. Und das im Juni vorgestellte Bing (und nicht etwa das überbewertete Wolfram Alpha) wurde zum beherrschenden Thema im Bereich der Suchmaschinentechnik.
Als das ebenfalls in diesem Jahr vorgestellte neue Windows Mobile eher enttäuschte und von Micro-Chef Steve Ballmer höchstpersönlich öffentliche Tadel kassierte, war der Eindruck eines Imagewechsels perfekt: Bereitschaft zur Selbstkritik kannte man von Microsoft bisher nur, wenn gerade das Justizministerium die Firma mit Spaltung bedrohte. Microsoft ist am Ende der "Nuller-Jahre" offensichtlich ein anderes Unternehmen als zehn Jahre zuvor.
Windows 7: Das bessere Vista
Doch Einwirkungen auf die IT-Welt sind eine Sache, Auswirkungen der IT-Welt eine andere. Zu nennen sind in Bezug auf das IT-Jahr 2009 vor allem vier Großthemen, die man in künftigen Jahren in Chroniken wird nachlesen können:
- 2009 war das Jahr der Apps. Die als "Widgets" oder "Gadgets" in der PC-Welt lang schon populären Mini-Programme eroberten die Welt der mobilen Geräte. Neidisch auf den Erfolg der iPhone-Apps schielend bauen nun alle maßgeblichen Handy-Entwickler eigene App-Stores auf - natürlich in der Hoffnung, einen guten Teil ihres künftigen Geschäftes darauf gründen zu können.
- 2009 war das Jahr, in dem zum einen die Copyright-Kampagnen der Entertainment-Branchen zu teils spektakulären Schließungen in der P2P-Szene führte. Zum anderen aber bewegte gerade der Untergang der Pirate Bay noch weit mehr: Er ließ die politische Pirate-Bewegung international erstarken, spülte erste Vertreter in ein Landesparlament und ins Europaparlament, setzte die P2P-Themen auf die politische Tagesordnung. Die Industrie bediente die gewachsene Erwartungshaltung der Kundschaft nach kostenlosen Streaming-Angeboten stärker als bisher und lässt sich so langsam ein auf eine Umwälzung ihrer Geschäftsmodelle. Diese Strategie von Zuckerbrot und Peitsche beginnt zu wirken: Erstmals seit Jahren zeichnet sich Ende des Jahres eine Stabilisierung der Musikbranche ab.
- 2009 war das Jahr, in dem das E-Book begann, die Zellulose-Version des Uralt-Medienträgers zu beerben. "Welche Geschichten das Kindle braucht" glaubten wir im Februar herausgefunden zu haben. Dass das Lesegerät spätestens seit dem Kindle 2 attraktiv ist, wissen wir nun. Dass Amazon, wie nun im Weihnachtsgeschäft in den USA, aber mehr E-Books als Druckausgaben verkauft, wird in Deutschland so schnell nicht vorkommen: Woanders hat die mediale Zukunft vielleicht begonnen, Deutschland ist da aber noch Entwicklungsland.
- 2009 war das Jahr, in dem sich kein Medienunternehmer mehr die Branchenkrise schönreden konnte. Der Generationswechsel von Offline- zu digitalen und Onlinemedien wurde durch die aktuelle Wirtschaftskrise beschleunigt, der Kollaps der Werbemärkte stellt die Refinanzierungsbasis aller Medien in Frage. SPIEGEL ONLINE begleitet das Thema seit mehr als einem Jahrzehnt - und musste in diesem Jahr die Berichterstattung über den auch digital induzierten Umbruch der Medienwelt deutlich intensivieren. Das wird so bleiben, denn die Trends für das nächste Jahr sind schon gesetzt: Uns allen steht eine Debatte darüber bevor, ob und für welche Inhalte Medienkonsumenten bereit sind, zu bezahlen.
Doch all das ist nur die Sachebene, die an Ereignissen orientierte Facette der IT-Berichterstattung. Für Sie, unsere Leser, ist das Thema noch viel weiter gefasst - von Lebenshilfe bis zum Entertainment. Was bei Ihnen 2009 besonders gut ankam, haben wir auf der Folgeseite knapp zusammengefasst.
Lesercharts 2009 - die populärsten Netzwelt-Artikel des Jahres
Nachrichten sind der Kern des Angebotes von SPIEGEL ONLINE, und das gilt auch für die Netzwelt. IT-Nachrichten sind aber nicht jedermanns Sache: Wenn wir über Vorratsdatenspeicherung, Datenschutzprobleme, IT-Sicherheitslücken oder seltsame Planungen und Vorstellungen zu Internet-Sperren berichten, interessiert das vornehmlich den technisch interessierten Teil unserer Leserschaft. Die großen Entertainment- und Nutzwertthemen hingegen treffen auf breites Interesse.
Das spiegelt sich auch in der Liste der populärsten Artikel, die wir in diesem Jahr in der Netzwelt veröffentlichten. Sie lassen sich in fünf Gruppen sortieren, deren Publikums-Highlights wir hier noch einmal benennen. Alle genannten Artikel schafften es in die Gruppe der jeweils 50 populärsten Artikel bei SPIEGEL ONLINE im Monat ihrer Veröffentlichung - sie sind, wenn man so will, die Popularitäts-Charts unserer Leserschaft. Geordnet sind sie in ihrer jeweiligen Kategorie nach Erscheinungszeitpunkt vom Januar bis Dezember (Stand: 29.12.2009).
1. Die Netzwelt als "Programmie" und Tech-Feuilleton
- Extreme Web-Videos: "Menschen am Limit"
- Abseitige Web-Video-Erfolge
- Was macht Frauen online erfolgreich?
- Browserspiele: Spaß für Zwischendurch
- Easter Eggs im Web
- Die populärsten Web-Vidos aller Zeiten
- Inventur: Primitive Webseiten
- Beamer an, Hirn aus
- 10 Thesen: Warum die Dummheit des Internets ein Segen ist
- "Shining", der Familienfilm
- Die Untoten des Web
- Die Web-Wiedergänger
- Tragische Torten, komische Eltern
- Techno-Mix mit (Fehler-) Message
- Zeigefreude im Web: Grundrecht auf Blamage
- Lederrechner, VW-Computer und Konsolen vom Army-Ausrüster
- Verknallt in die Brillen-Bibliothekarin
2. Aktuelle Ereignisse, Tests und Produktveröffentlichungen
- Veröffentlichung des Internet Explorer 8
- Neue Netbooks auf der CES
- Die Fototrends der CES
- Apples letzte Macworld-Messe und...
- Apples neue Produkte
- Mac-Klone aus Deutschland
- iPhone 3G: Das kann Apples Highspeed-Handy
- Sommer der Smartphones
- Windows 7: Was der Umstieg bringt
- Windows-7-Test: Hasta la Vista
- Navi-Mammuts sind vom Aussterben bedroht
- Headsets: Fetter Sound, direkt ins Ohr
- Das kann Googles Chrome OS
3. Interaktiva: Der Leser quizt gern
4. Nachrichten
- Das Auftauchen des Conficker-Wurms
- Kino.to und Co: Abzockrisiko auf Streaming-Seiten
- Veröffentlichung von Wolfram Alpha
- Google Earth als Spionagetool
- Urteile: Die Rache des Textmonsters
- Geoutete Polizeigewalt: Faustschlag ins Gesicht
5. Nutzwerte: Workshops und Co.
- Wie Sie sich vor Google verstecken
- Wie man Google Earth zur Schatzsuche nutzt
- Foto-Workshop: So schön macht das Pixel-Skalpell
- Ist wirklich wirklich wirklich?
- So entstehen Photoshop-Schönheiten
- Ein neuer Hintergrund für die Dame in Blau
- Gegen das Datenchaos auf dem Heimrechner
- So gut sind Plasma- und LCD-TVs