Google-Jubiläum Die Weltmacht
Es begann mit einer Massage.
Angeblich konnten Larry Page und Sergey Brin einander erst mal nicht besonders gut leiden, als sie sich im Jahr 1995 trafen. Der 24-jährige Absolvent Brin war übers Wochenende an der Eliteuni Stanford zu Besuch. Der 23-jährige Page gehörte zu einer Gruppe von Studenten, die Besucher herumführen mussten. Der Legende nach stritten Brin und Page während der Führung ununterbrochen miteinander.
Irgendwann haben sie sich dann doch zusammengerauft.
Die erste Suchmaschine, die beide gemeinsam entwickelten, trug den Arbeitstitel "BackRub" (Rückenmassage) - weil sie im Gegensatz zu anderen zu dieser Zeit eingesetzten Suchtechniken auch "Backlinks" berücksichtigte, also Links, die auf die entsprechende Web-Seite verwiesen. Die Original- "Backrub"-Spezifikationen stehen heute noch im Netz - genauso ein frühes Paper von Brin und Page namens " Die Anatomie einer großen Hypertext-Web-Suchmaschine ". Schnell war klar, dass die beiden eine höchst effiziente Methode gefunden hatten, Web-Inhalte zu indizieren - und das in einer Zeit, in der viele Web-Suche noch für ein Nischengeschäft hielten.
Auch Brin und Page wollten eigentlich nicht mit einem Suchmaschinenunternehmen reich werden, sondern ihre Erfindung lieber schnell verkaufen.
Ein Büro mit Waschmaschine und Trockner
Doch keiner wollte die Technologie haben, die sie mittlerweile auf den Namen Google getauft hatten - nach dem Wort Googol, das für eine Eins mit 100 Nullen steht.
Unternehmen wie Yahoo winkten ab oder rieten zur Selbständigkeit. Brin und Page entschlossen sich entgegen ihren ursprünglichen Plänen, selbst ein Unternehmen zu gründen. Der Legende nach bekamen sie von Andy Bechtolsheim, einem der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar, ausgestellt auf Google Inc., dabei existierte ein Unternehmen dieses Namens zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.
Insgesamt brachten die beiden eine Anfangsfinanzierung von knapp einer Million Dollar zusammen - was reichte, um in der Garage eines Freundes in Menlo Park, Kalifornien, ein Büro einzurichten und einen Angestellten zu engagieren. Im September wurde das mit einer Waschmaschine und einem Trockner ausgestattete Büro eröffnet. Was heute als offizielle Geburtsstunde von Google betrachtet wird.
In Schönheit sterben?
Schon im Februar 1999 zog das rasant wachsende Unternehmen in ein richtiges Bürogebäude um. Inzwischen hatte es acht Mitarbeiter. Erste Firmenkunden bezahlten Geld für Googles Dienste, zum Beispiel die Linux-Firma RedHat. Am 7. Juni wurde eine zweite Finanzierungsrunde verkündet: Die Wagniskapitalgeber Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers schossen insgesamt 25 Millionen Dollar zu.
Noch im gleichen Jahr bezog das Unternehmen den "Googleplex", den Kern des heutigen Hauptquartiers in Mountain View, Kalifornien. Bis dahin war Google eine erfolgreiche kleine Suchmaschine mit vielen Fans, die durch einen klugen Algorithmus bessere Ergebnisse lieferte als die Konkurrenz - aber nicht mehr.
Vor allem eines war sie nicht: ein kommerziell erfolgreiches Unternehmen. Google gewann Preise, landete auf Bestenlisten - war aber vom gleichen Schicksal bedroht wie viele andere Dotcom-Unternehmen: In Schönheit zu sterben.
Der eigentliche Urknall des heutigen Imperiums liegt denn auch eher im Jahr 2000 - als Google das Geldverdienen lernte.
2000 bis '04 - AdWords oder wie man Geld verdient
Das Jahr 2000 muss als jenes gelten, in dem Google tatsächlich zu dem gemacht wurde, was es heute ist: der mächtigste Werbevermarkter im Internet.
Der Start eines "schlüsselwortgesteuerten Werbeprogramms" schuf die Basis für den gewaltigen kommerziellen Erfolg von Google. Man benutze "ein proprietäres Anzeigenverteilungssystem, um der Suchanfrage eines Nutzers eine sorgfältig angepasste Werbeanzeige beizugeben" - so erklärt die Pressemitteilung von damals das Prinzip.
Die Anzeigen konnten online auf sehr einfache Weise eingekauft werden. Das System AdWords war geboren und brachte sofort Geld ein.
Noch heute ist die Vermarktung der Textanzeigen auf der Suchseite die zentrale Säule des Google-Imperiums, die den Löwenanteil aller Umsätze ausmacht. Parallel wurden im Jahr 2000 neue Kunden gewonnen, die Google-Suche in ihre Angebote integrierten, darunter Websites aus China und Japan. Im gleichen Jahr wurde auch die Google Toolbar veröffentlicht, die es erlaubte, mit Google das Netz zu durchsuchen, ohne auf die Google-Webseite zu gehen.
Schon im Jahr 2001 machte Google Profit - was man von den meisten anderen Start-ups, die kurz zuvor noch die Phantasien der Börsenmakler beflügelt hatten, nicht behaupten konnte.
Um den Anforderungen eines rasant wachsenden Unternehmens gerecht zu werden, wurde Eric Schmidt im August 2001 zum Chief Executive Officer Googles ernannt. Er hatte zuvor schon führende Positionen in Firmen wie Novell und Sun Microsystems.
Seit 2002 verkauft Google auch Hardware - Suchlösungen für die Intranets von Unternehmen. Im September des Jahres wurde die Betaversion von Google News livegeschaltet, dem Nachrichtenaggregator, der bis heute für zuweilen böses Blut zwischen Zeitungen, Nachrichtenagenturen und den Suchmaschinisten sorgt. Ein Algorithmus sammelt Schlagzeilen und Bilder und komponiert daraus nach bestimmten Kriterien eine Übersichtsseite. Im Dezember startete zudem Froogle, eine mäßig erfolgreiche Produktsuchmaschine. Heute heißt Froogle schlicht Google Product Search.
AdSense ist die zweite wichtige Säule im Google-Anzeigenimperium. Im Jahr 2003 wurde der Dienst vorgestellt, der den Text auf Web-Seiten analysiert und daneben passende Werbeanzeigen plazieren soll. Das System bietet auch Betreibern kleiner Web-Seiten die Möglichkeit, ihre Angebote zu monetarisieren - die Einkünfte werden zwischen Seiteninhaber und Google aufgeteilt. Im gleichen Jahr kaufte Google Blogger, einen großen Blog-Hoster.
2004 - Picasa, GoogleMail, Bücher und ein Börsengang
Der Start des E-Mail-Dienstes GoogleMail (in den USA Gmail), wurde am 1. April verkündet, mitsamt der Nachricht, dass die Nutzer ein Gigabyte Speicherplatz zur Verfügung haben. Das klang geradezu fantastisch, doch wurde schnell klar, dass es sich nicht um einen Scherz handelte - und Google daran selbstverständlich verdienen will.
AdSense wurde von Anfang an eingesetzt, um E-Mails nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und mehr oder minder passende Reklame daneben einzublenden. Im Juli kaufte Google Picasa, ein Unternehmen, das sich auf die digitale Fotoverwaltung spezialisiert hatte. Heute ist Picasa ein On- und Offline-Angebot - Googles Antwort auf Flickr.
Am 19. April konnten man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert.
Mit dem neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford, der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Heute sind auch deutsche Büchereien im Boot - unter anderem die Bayerische Staatsbibliothek.
2005 - Maps und Earth: Die Vermessung der Welt
Im Jahr 2005 kam die Google-Maschinerie richtig in Schwung. In rasantem Tempo veröffentlichte das Unternehmen, das bis zum dritten Quartal auf fast 5000 Mitarbeiter angewachsen war, eine Anwendung nach der anderen. Die im Rückblick wohl wichtigste: Google Maps, der Kartendienst, der die Welt geografisch durchsuchbar machen sollte, und sogleich mit der bis dahin nur mäßig erfolgreichen lokalen Suche Google Local verschmolz. Die im Jahr zuvor angekaufte Satellitenkapazität kam nun zum Einsatz: Sie bot die heute beinahe selbstverständliche Möglichkeit, Satellitenfotos statt abstrakter Karten anzusehen.
Später im Jahr kam auch noch die Desktop-Software Google Earth, Googles Digitalglobus. Außerdem starteten:
- die "personalisierte Homepage", die heute iGoogle heißt,
- Googles Video- und Fotosuche,
- die Voice-over-IP- und Instant-Messaging-Lösung Google Talk,
- der bis heute ziemlich glücklose Kleinanzeigendienst Google Base,
- ein eigener RSS-Reader,
- und Google kaufte das Unternehmen Urchin und verwandelte dessen Webtraffic-Analysemethoden in sein Angebot Google Analytics.
Damit bot das Unternehmen nun erstmals die vollständige Dienstpalette einer Netz-Mediaagentur, eines Online-Werbevermarkters. Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Milliarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
2006 - Google Video, Web-Apps, YouTube - und viel Kritik
Anfang des Jahres stellte Larry Page bei einem Vortrag bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas Google Video vor - und Google Pack, einen ersten offenkundigen Angriff auf Microsoft, denn das Software-Paket enthielt diverse Anwendungen, die als Konkurrenzprodukte zu Microsofts Angebot gelten können. Gegründet wurde die Wohltätigkeitsorganisation Google.org, an den Start gingen außerdem der Finanzinformationsdienst Google Finance und die Paypal-Konkurrenz Google Checkout.
Vor allem aber ist 2006 das Jahr, in dem man bei Google ernsthaft damit begann, Office-Anwendungen ins Web zu verlegen. Neben dem Google-Kalender wurde am Jahresende auch Google Docs & Spreadsheets livegeschaltet. Zuvor hatte Google Upstartle gekauft, ein Unternehmen, das bis dahin das Online-Textverarbeitungsprogramm Writely hergestellt hatte - nur eine von mehreren Akquisitionen. Auch SketchUp (3-D-Gebilde für Google Earth) und die Wiki-Plattform JotSpot wurden 2006 ins Google-Reich integriert. (Im Jahr 2008 sollten die Suchmaschinisten dann ihrer Vision der Office-Welt im Web ein weiteres wesentliches Puzzleteil hinzufügen - den anwendungsorientierten Browser Chrome.)
Der prominenteste Ankauf des Jahres 2006 war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.
Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No luv 4 Google" (keine Liebe für Google) ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.
Ende 2006 hatte Google weit über 10.600 Angestellte.
2007 - Googlemail für alle, DoubleClick, Streetview
Im Februar wird Googles E-Mail-Dienst für alle geöffnet - bis dahin brauchte man eine Einladung, um seine E-Mails von AdSense nach Schlüsselwörtern durchsuchen zu lassen.
Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour, in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape aufgekauft, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, dann DoubleClick. Mehr als drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - er brachte eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.
Außerdem schickte Google 2007 seine Fotoautos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kameramobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.
Daneben beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.
Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.
Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
2008 - Knol, Chrome und kein Ende
Im laut offizieller Zeitrechnung zehnten Jahr seiner Existenz lässt die Suchmaschine im Tempo nicht nach. in den ersten acht Monaten des Jahres 2008 wurden bisher eine kollaborative Wissensplattform (Knol),eine 3D-Chat-Anwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte und der eigene Google-Browser Chrome gestartet.
Google ist heute eine Weltmacht, ein Milliardenkonzern, der Angstgegener vieler Unternehmen der alten wie der New Economy.
Googeln ist ein Verb, und eine Welt ohne Google ist für viele nicht mehr vorstellbar.
Zwar sind viele der Anwendungen und Dienste, die das Unternehmen im Laufe der Jahre bereitgestellt hat, Flops geblieben - doch der zentralen Rolle von Google für alles, was mit dem Internet zu tun hat, hat das keinen Abbruch getan.
In fast allen entscheidenden Märkten liegt das Unternehmen, was die Web-Suche angeht, uneinholbar vorne. Und der Börsenwert des Unternehmens ist heute trotz der globalen Krise fünfmal so hoch wie zum Zeitpunkt des Börsengangs - allen damaligen Unkenrufen zum Trotz. Das "Wall Street Journal" etwa schrieb 2005: "Noch mehr verkaufen, und zwar schnell. Bevor die Vernunft an den Kapitalmarkt zurückkehrt." Wer sich damals daran gehalten hat, wird sich heute mächtig ärgern.
Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Eben erst hat der Konzern angekündigt, man wolle nun auch die Zeitungsarchive dieser Welt digitalisieren - Google schickt sich weiterhin an, zum zentralen Einfallstor für alles zu werden, was Menschen jemals wissen wollen könnten.
Der Google-Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang.
Und die Beschreibung der eigenen Mission, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.