Machtwechsel in Berlin Auferstanden aus Ruinen
Berlin - Wem die Stunde schlägt: Auch das Beschwören der von den Alliierten gestifteten Freiheitsglocke, dem Freiheitssymbol Berlins, änderte nichts mehr an dem historischen Machtwechsel in der Hauptstadt. Mit Unterstützung der PDS stürzten SPD und Grüne am Samstag den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen vom Thron und wählten Klaus Wowereit (SPD) und einen rot-grünen Senat an die Macht.
"Das ist ein trauriger Tag für Berlin", lautete die Bilanz des CDU-Fraktionschefs Frank Steffel. "Die Hauptstadt bekommt ihren Neuanfang in einer nun auch in Berlin gelebten Wiedervereinigung", erklärte der grüne Fraktionschef Wolfgang Wieland.
Die Ereignisse in Berlin an dem Tag waren überfrachtet von Symbolen, Rückblicken, Visionen und Emotionen. Jede Geste, jeder Satz wurde gewogen. Vor der entscheidenden Abstimmung gegen Diepgen steuerten der tragische Held und sein langjähriger Freund und Wegbegleiter Klaus Landowsky zufällig gleichzeitig auf die Anwesenheitsliste vor dem Plenum zu. Als Diepgen das registrierte, ging er langsamer, die Kameras gingen schon in Position, um ein letztes Mal das Duo abzulichten, das Berlins politische Landschaft jahrelang dominiert hatte.
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Jetzt mied Diepgen seinen Studienfreund, der mit einer Spendenaffäre im Januar und einem Rückzug in Raten von der Macht die Lawine ausgelöst hatte, die nun das Ende der Ära Diepgen markierte. Diepgen trat erst an die Unterschriftenliste, als Landowsky sich schon wieder abwandte. Kein Wort, kein Blick, kein Gruß.
Diepgens Ende war kurz und schmerzlos. Ohne Aussprache wurde gleich als erster Tagesordnungspunkt über das Misstrauensvotum gegen ihn abgestimmt. In den Reihen der SPD wich die Angst vor zu vielen Abweichlern, die nicht mit der PDS paktieren wollen, der Erleichterung als das doch knappe Ergebnis bekannt wurde. 89 von 85 nötigen Stimmen erreichten rot-rot-grün, die eine theoretische Mehrheit von 92 Stimmen besaßen.
Diepgen, äußerlich ungerührt, trat ans Rednerpult, dankte, dass er für die Stadt arbeiten durfte und erklärte seinen Rücktritt. Das war das Ende von 16 Jahren Diepgen in Berlin, denn in der CDU geht kaum noch jemand davon aus, dass er bei Neuwahlen noch mal antritt. Vor dem Saal hielt der Verlierer sich weiter bedeckt. "Ich erkläre mich am Sonntag." Punkt.
Vor der Sitzung hatten sich die verbliebenen CDU-Senatoren darauf geeinigt, nicht geschlossen zurückzutreten, sondern sich einzeln abwählen zu lassen. Sie wollten die SPD so oft wie möglich vorführen, immer und immer wieder zeigen, dass die Sozialdemokraten nun mit der PDS paktieren.
Die Freiheitsglocke läutet für jeden anders: Lesen Sie weiter im zweiten Teil!