Wahlsieger Kretschmann Solider Hoffnungsträger
Wahlverlierer Mappus, Kretschmann: Wegweisende Wahl im Musterländle
Foto: Peter Kneffel/ dpaVater und Sohn könnten sie sein. Professor und Assistent. Vorstandschef und Referatsleiter. Winfried Kretschmann, 62, und Nils Schmid, 37.
Jetzt wird der Ältere aller Voraussicht nach Ministerpräsident, der jüngere seine Vize - in der ersten grün-roten Landesregierung, die es in Deutschland gibt. Kretschmann sieht einen großen Vertrauensvorschuss durch viele Menschen, die erstmals grün gewählt haben und er verspricht noch am Wahlabend: "Wir werden den versprochenen Weg in die Bürgergesellschaft gehen."
Man traut beiden eine gemeinsame Landesregierung zu - aber sie könnten auch eine Sparkassenfiliale auf der Schwäbischen Alb leiten. Kretschmann, eisgrauer Bürstenschnitt und randlose Brille, wirkt mindestens so bieder wie der Nette-Schwiegersohn-Typ Schmid, ein promovierter Einser-Juristen. Wenn der einstige Ethik-, Biologie- und Chemielehrer Kretschmann im Landtag ans Rednerpult tritt, steigt in der Regel das intellektuelle Niveau, die Stimmungskurve im hohen Stuttgarter Haus dagegen sinkt. Aber gerade mit seinem bedächtigen, ernsthaften Wesen hat der langjährige Oppositionspolitiker auch in konservativen ländlichen Regionen Vertrauen gewonnen.
Ganz anders sein Widersacher Stefan Mappus. Der abgewählte CDU-Ministerpräsident hatte mit seiner polterigen Art und Zick-Zack-Politik viele Wähler im Land verschreckt.
Rückblende: Im Wahlkampf schaut Grünen-Spitzenkandidat Kretschmann in Calw vorbei. Programmpunkt: "Besuch von Einzelhändlern". Hermann Hesses Geburtsstadt am nordöstlichen Rand des Schwarzwalds hat schon bessere Zeiten erlebt, das Rathaus wurde wegen Einsturzgefahr vor Jahren evakuiert, in der Fußgängerzone steht mancher Laden leer. "Wir brauchen dringend Geld - egal von welcher Landesregierung", sagt der Bürgermeister. Immer öfter wollen die Stadtoberhäupter in diesen Tagen mit Kretschmann sprechen, wenn er irgendwo zu Besuch ist. In einem Schwarzwald-Kaff kam neulich sogar der OB der Kreisstadt angefahren, um dem Grünen-Politiker seine Aufwartung zu machen. Man will sich gutstellen mit dem, der künftig das Sagen in Baden-Württemberg haben könnte.
"Das Amt muss zum Mann kommen"
Immer noch fremdelt Winfried Kretschmann ein bisschen mit dieser Vorstellung. "Ich habe großen Respekt vor dem Ministerpräsidentenamt", sagt er. Kretschmanns Lieblingssatz zu diesem Thema stammt von Erwin Teufel. "Das Amt muss zum Mann kommen."
Nach dem Willen der Wähler ist es nun an Kretschmann herangerückt. Und die Grünen in der gesamten Republik jubeln über ihren ersten Ministerpräsidenten - ein Hoffnungsträger, eine Symbolfigur, ein innerparteilicher Machtfaktor.
Seit 36 Jahren ist Kretschmann mit einer Grundschullehrerin verheiratet. Die beiden haben drei erwachsene Kinder - zwei Söhne und eine Tochter. Er geht in der Freizeit gerne mit seiner Frau auf der Schwäbischen Alb wandern, wo er "jeden Felsen kennt". Noch heute empfindet Kretschmann nach eigenen Worten eine tiefe Liebe zur Natur, die ihn vor mehr als 30 Jahren zu den Grünen gebracht hat. Im kleinen Ort Laiz bei Sigmaringen wohnt er in einem ehemaligen Bauernhaus, gehört dem Kirchenchor und dem Schützenverein an.
Kretschmann gehörte schon der ersten grünen Parlamentsgruppe an, die 1980 in Stuttgart ins Parlament eines Flächenlandes einzog. Seither drücken die Grünen die harten Oppositionsbänke. In seiner studentischen Sturm- und Drangzeit hatte sich Kretschmann auch mal in maoistische Gruppen verirrt, sie aber wegen ihrer autoritären Grundhaltung bald wieder verlassen. "Vom Linksextremismus bin ich geheilt", sagte er kürzlich mit Blick auf die Linkspartei.
Kretschmann und SPD-Spitzenkandidat Schmid kennen sich seit vielen Jahren, beide sind Finanzpolitiker. Über seinen möglichen Koalitionspartner sagt der Grünen-Spitzenkandidat: "Seit der Schmid SPD-Chef ist, hat sich bei denen eine Menge verändert." Kretschmann hält große Stücke auf Schmid, was ihm mit vielen anderen Sozialdemokraten im Ländle nicht so geht. Ein Bündnis mit der SPD ist keine Herzensangelegenheit für den Grünen-Politiker, so viel ist klar. Für die Sozialdemokraten wiederum kommt es einer historischen Zäsur gleich, einen grünen Regierungschef wählen zu müssen.
Aber die Achse Kretschmann-Schmid wird wohl eine Menge aushalten.