Moskau Der Kreml ist überall
Um Mitternacht sehe ich Moskau wieder. Nach 13 Jahren und einer Epoche. Das Gepäck noch im Kofferraum, fahre ich im Taxi eine verrückte Stunde lang durch die Stadt, die illuminiert ist, als hätte sie sich zurechtgemacht für ein Casting, das entscheidet, wer die Hauptrolle als Weltstadt bekommt. Vom Belorussischen Bahnhof die Twerskaja runter, die mal Gorkijstraße hieß. In die nächtliche Stille zog es damals niemanden, mit Ausnahme der Milizionäre auf der Suche nach Betrunkenen. Jetzt sind die Bürgersteige voller Menschen, die was erleben wollen. Den trutzigen Gebäuden hat man Maßanzüge aus Licht verpasst. Sie streichen die Vorzüge heraus und lassen die Nachteile im Dunkel.
Alles, was Moskau zu bieten hat, glänzt und glitzert, gibt an und lädt ein. Die Kreml-Türme, die nach wie vor Sowjetsterne aus rubinrotem Glas auf den Spitzen tragen, die Kreml-Paläste, das Telegrafenamt. Das Hotel "Ukraina", das Außenministerium - zwei von Stalins sieben Kathedralen. Die Stadt, die kein Nachtleben kannte, ist eine Nachtschönheit geworden; auch der Lubjanka-Platz strahlt, als hätte es am Sitz des KGB nie etwas zu verbergen gegeben. "Im Kreml ist noch Licht", rühmte der deutsche Emigrant Erich Weinert und meinte die Schreibtischlampe des blutigen Josef Wissarionowitsch. Heute leuchtet das ganze Zentrum, Stalins Lampe würde nicht mehr auffallen.
Putin wohnt gar nicht im Kreml, sagt der Fahrer, der fährt jeden Abend auf seine Datscha und morgens wieder zurück in den Kreml, der Arbat ist dann gesperrt und keiner weiß wann. Das Taxi rast über den Neuen Arbat, der bei meinem letzten Besuch noch Kalinin-Prospekt hieß. Hier wird die Lichtregie von den Besitzern der Spielcasinos und Discotheken übernommen, wüste Neonreklamen zucken fiebrig um ihr Leben, Las Vegas kann nicht unerbittlicher sein.
Irgendwann halten wir vor dem Hotel "Baltschug". Mein Zimmer hat Kreml-Blick. Vor dem Fenster steht der Erlöser-Torturm, ich lasse die Vorhänge auf, und so fallen die Lichter einer Großstadt ins Zimmer, wie es sie vor 13 Jahren noch nicht gab.
"Komm zu mir, Bruder, nach Moskau"
Damals, alle zwei Jahre im Juli, wohnte ich gegenüber, im Hotel "Rossija", diesem labyrinthischen Bettenklotz, der einst das turbulente Zentrum der Internationalen Moskauer Filmfestspiele war und jetzt abgerissen werden soll. Ein Problem im "Rossija" war das Haarewaschen. Man konnte sich die Haare nicht trocknen, weil die Steckdosen von der europäischen Norm abwichen. Ich ging zur deschurnaja, der Etagen-Wächterin, die machtvoll hinter ihrem Schreibtisch präsidierte und bat sie um ein Zwischenstück für den Fön. Sie gab es nicht raus, njet, ich solle mir bei ihr auf dem Flur die Haare fönen. So saß ich da mit kläglich nassen Flusen mitten auf dem Gang, begafft von vorübereilenden Festivalgästen, aller Intimität beraubt. Dafür sah ich aus meinem Fenster auf die Losung "Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung". Und auf den Kreml.
Der "Blick auf den Kreml" ist allgegenwärtig. Auch die ihn nicht sehen können, blicken auf ihn. Zarenresidenz, Herz des Kommunismus, Putins Palast. Angefangen hat alles mit Dolgoruki. Der Fürst entdeckte den hübschen Hügel an der Moskwa und baute dort eine Burg aus Eichenstämmen. "Komm zu mir, Bruder, nach Moskau", schrieb er an einen Freund, der Brief gilt als erste Urkunde für den Namen Moskau. Das war 1147. In den folgenden Jahrhunderten entstand dieses eigensinnige Areal aus Kathedralen und Palästen, Gräbern und Denkmälern, das für die Welt Russland bedeutet. Nikita Chruschtschow hievte 1961 noch den Kongresspalast in den Kreml, einen gläsernen Parteitagskasten, der wie ein Elefant in den Porzellanladen des byzantinisch-italienischen Zarenwerks trampelte.
Auf dem Kreml-Gelände ist es still, der Lärm des rubelrollenden Moskau ist nur noch ein fernes Rauschen. Ein Areal von aufgeräumter Unwirklichkeit, glatt gefegt wie das Fürstentum Monaco, bloß ohne Palmen. Wenn Sauberkeit Unschuld bedeutete, wäre der Kreml so innozent wie die 72 Jungfrauen, die im Himmel auf islamische Selbstmord-Attentäter warten.
Die goldenen Kuppeln der Kirchen verbreiten sonnig heiteren Glanz. Fremdenführer berichten im warmen Licht der mit Heiligenbildern tapezierten Kathedralen von den Krönungen und Begräbnissen der Zaren. Sie weisen auf den Betstuhl von Iwan dem Schrecklichen, der seinen Sohn erstach und Russland einte. Die Touristen staunen. Samtene Kutschen, Kronen aus Pelz und Edelsteinen, diamantene Fleischschüsseln.
Es irrlichtern die Schatten der Ahnen
Die Prunksäle sind nicht zu besichtigen. Es sei denn, man ist Staatsgast wie dazumal Margaret Thatcher, die ganz baff gewesen sein soll, als Gorbatschow ihr vom anderen Ende des 1250 Quadratmeter großen prachtvollen Georg-Saals entgegenschritt. In den achtziger Jahren, als man in Moskau vor den Restaurants anstand, um ein kotlety po kijewski zu bekommen, war ich auch mal in dem Saal, beim Abschlussempfang der Filmfestspiele. Das Buffet in seiner draufgängerischen Fülle verblüffte mich mehr als die Schönheit des Palasts. Lachs vom Baikalsee, feinster Stör, schwarzer Kaviar, Krim-Sekt in silbernen Kühlern. "Pflanzt euer rotes Banner der Arbeit / Auf jeden Acker, auf jede Fabrik / Dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft / Die sozialistische Weltrepublik." - Für alle hat es dann doch nicht gereicht. Ich habe damals ein blaues geschliffenes Glas eingesteckt, meine Kreml-Reliquie. Hin und wieder rollt eine schwarze Limousine mit Gardinen über die geharkten Kreml-Höfe. Dann scheucht die Trillerpfeife des Milizionärs die Besucher aus der musealen Beschaulichkeit. Die Gegenwart ist unter Verschluss, der politische Teil des Kreml bleibt ein Geheimnis hinter gelbweißen Fassaden: das Blut und die Tränen, die Triumphe, Intrigen und heimlichen Racheakte, der Verrat des Lieblingsleibwächters.
Es irrlichtern die Schatten der Ahnen: Schlaflos grübelt Lenin über Staat und Revolution. Stalin summt leise sein Lieblingslied: "Sucht ich ach das Grab meiner Liebsten". Chruschtschow, Andropow, Molotow, Mikojan, Breschnew und all die anderen Kreml-Kämpfer mit dem heiseren Hauch des Kalten Krieges in der Kehle - schon vergessen. Jelzin veranstaltet im Rausch kommender Macht ein Saufgelage in Gorbatschows Arbeitszimmer, und der gedemütigte Patron der Perestroika verkündet am nächsten Tag das Ende der Sowjetunion. Er holt Hammer und Sichel vom Dach, hisst die russische Fahne und übergibt das Land seinem Rivalen Jelzin, dem korrupten Rebellen, der gern Peter der Große sein wollte.
Jetzt ist Putin Herr im Haus. "Es fand sich ein Mensch, der der Angst Einhalt gebot", sagte Trunkenbold Jelzin über seinen abstinenten Nachfolger. Der neue Monarch soll Raubtierkapitalismus und Mafia zügeln, kann Judo und kennt die Geheimdienste. Nach seiner Amtseinführung im Großen Kreml-Saal lässt sich der Neue in der Krönungskirche der Zaren den Segen des Patriarchen geben. Er ist beliebt, eine Girlie- Band singt: "Ich will einen wie Putin / einen, der nicht trinkt / einen wie Putin / der mich nie verlässt...." Am Roten Platz haben sich ärmlich gekleidete Gestalten unter Fahnen mit Hammer und Sichel versammelt. Manche sind taubstumm, auffällig viele tragen eine Augenklappe. "Jelzin und Gorbatschow ins Gefängnis!" steht auf ihren Transparenten und: "Dserschinskij muss wieder auf den Lubjankaplatz!" Greisinnen halten selbst gepflückte Blumen in der Hand, eine presst einen Strauß vertrockneter, weißer Rosen an die Brust.
Der Kreml zeigt, was Macht ist
Der dünne Redner mit den langen grauen Haaren bemüht sich um jugendliche Verwegenheit, eine Hand zittert in der Hosentasche, die andere ist zur Faust geballt. Er beendet seinen Vortrag mit einem "Hoch auf Dschugaschwili", auf Stalin. Vier alte Komsomolzinnen in geblümten Sommerkleidern gehen auf das Podest und jubeln mit hohen Stimmen "rodina moja"; das von der Geschichte gebeutelte Publikum singt mit: "rodina moja" - mein Vaterland. "Im Kreml ist noch Licht", jedenfalls für die, denen kein anderes Licht mehr scheint.
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Dem Kreml ist in Moskau nicht zu entkommen. Nicht seinem Glanz, nicht seiner Gewalt. Seinem Größenwahn auch nicht. Der Kreml zeigt, was Pracht ist, der Kreml zeigt, was Macht ist, der Kreml ist überall. Sein Gold, sein Marmor, seine Säulen, seine Deckenmosaiken. In den Metrostationen, im Delikatessenladen Jelissejew, im Jugendstil-Schwitzbad, der Sandunowski-Banja. In Stalins sieben Hochhäusern aus den dreißiger bis fünfziger Jahren, im Kaufhaus GUM; selbst das neue, direkt unter den Platz der Manege gebaute Einkaufscenter Ochotnyi Rjad hat Kreml-Geschmack. Es zählt der große Wurf oder gar keiner. Die reichen "Neuen Russen" statten ihre Eigentumswohnungen mit Whirlpool und Wolkenstores aus, mit Dachterrassen und Heiligenbildern. Im Dom Literatorow, dem ausschweifend luxuriösen Club der Dichter, wo ein dekolletiertes Damenorchester zu sibirischen Pelmeni Mozart spielt, fühle ich mich wie im Zarinnengemach.
Wenn es nach der melancholischen Nadeschda Krupskaja gegangen wäre, hätte man ihren Mann seinem Wunsch gemäß auf einem richtigen Friedhof neben seiner Mutter beerdigt. Der Führer der Oktoberrevolution aber wurde ins Mausoleum verbannt. An die 80 Jahre ist er nun schon zu beschauen, jeden Tag drei Stunden lang, montags gar nicht, regelmäßig wird er zum remont geschleppt, zur Überholung.
Lesen Sie im 2. Teil: Die Leiche Lenins ist beleuchtet wie eine Wurst an der Fleischtheke eines Supermarkts.
Früher standen die Gläubigen ab morgens um vier Schlange, um ihn sehen zu dürfen, den Heiligen der Revolution, nun reicht eine Stunde. Ein schmächtiger Wachsoldat mit großer Mütze kontrolliert meine Tasche. Er zeigt angeödet auf den Fotoapparat und schickt mich aus der Reihe. Fotoapparate sind verboten, doch nirgends findet sich ein Hinweis. Der fiese kleine Wachsoldat verrät auch nicht, dass es einen Schalter gibt, an dem man Fotoapparate hinterlegen kann.
Am nächsten Tag bin ich wieder in der Schlange, zwischen japanischen Senioren, die sich beim Warten gegenseitig massieren. Eine weiße Sonne steht über dem Roten Platz. Endlich dürfen wir runter zu Lenin. Die Dunkelheit blendet, ich sehe die Treppen nicht mehr, muss aufpassen, nicht zu stolpern auf den mit schwarzen Gummimatten ausgelegten Stufen. Die andächtigen Blicke der Mausoleums-Wächter deuten die Nähe der Mumie an. Es sind nicht ihre eigenen Blicke, sondern ererbte, es sind die Blicke ihrer Väter und Großväter, die in Lenin den Erlöser sahen, Blicke von gestern.
"Pscht, Pscht", zischen die Japaner sich zu. Vor der Hülle Lenins verstummen sie, werden ganz still, weil eine düstere Neugier uns erfasst angesichts der Leiche, die beleuchtet ist wie die Wurst an der Fleischtheke des Supermarkts, rosaorange. Die Mumie tut mir Leid, wie sie da so liegt mit bleicher Faust und kahlem Puppenkopf, verflucht zu dauernder Präsenz, zum ewigen Striptease einer verendeten Hoffnung.
Moskau boomt
Woran glaubt Moskau jetzt? "Sehen Sie in die Augen der Leute auf der Twerskaja, und Sie werden alles begreifen", rät mir Alexander, ein junger Unternehmer. "Früher lebten die Moskauer nicht, sie versuchten, das Leben zu überleben." Mittags esse ich an einem Imbiss auf der Twerskaja eine mit Bohnen gefüllte Kartoffel. An der Häuserwand hockt eine Frau mit graublauen Augen. Ihr Mantel ist ebenfalls graublau und sehr schmutzig. Als ich die Pappe mit den Schalen wegwerfe, steht sie auf, klaubt sie aus dem Müll und isst meine Reste.
Moskau boomt. Es gibt italienische Restaurants, Coffee-Shops mit Stuckdecken und Nachtclubs mit Parkettfußboden. Alte Stadtpaläste werden restauriert und an Aufsteiger vermietet, die ihr Geld mit Öl, Gas oder Immobilien verdienen. Das "Piramida" ist der Treffpunkt der "Goldenen Jugend" zu Füßen der alteingesessenen Iswestija-Redaktion , teuer und hastig. Das ganze Lokal scheint aus Eisen zu sein, die Musik auch.
"Hier schlägt das Herz der Finsternis", sagt mein Begleiter. Kahl geschorene Männer mit breitem Gang chauffieren magersüchtige Mädchen in überlangen Schlaghosen wie schicke Limousinen vor sich her, Mädchen mit Körpern "von europäischer Qualität" wie neuerdings die Waren im GUM. In so jemand könnte ich mich nicht verlieben, nur wegen dem Geld, sagt Carlotta, eine junge Frau aus Berlin. Durch den Lärm hindurch streiten wir über die Abhängigkeit der Liebe vom Zeitgeist.
Unter der Schminke verbirgt sich eine altmodische Schönheit
Man verliebt sich in diesem wilden Moskau nicht in das Geld an sich, sondern in die Fähigkeit, Geld zu verdienen. Wie man sich früher in das Talent verliebt hat, zu dichten wie Jewgenij Jewtuschenko oder rebellische Songs zu singen wie Wladimir Wissozki. Jede Zeit hat ihre Helden. Heute bewundern Mädchen die Jewgenijs und Wolodjas, die schnell sind, clever, riskant. Die es verstehen, frei von Rücksicht und Ideologie, einfach nur reich zu werden. Wir wollen alles sofort! ist die Losung, das alte "sawtra budjet, sawtra" - "morgen, morgen", ist vorbei. Moskaus Jugend setzt auf Gewinn, Verluste inklusive. Aus einem Auto vor dem "Piramida" schallt der Song: "Im Höllenfeuer stirbt ein fliederfarbener Junge".
In der Kasaner Kathedrale am Roten Platz sehe ich die Neuen Russen sich bekreuzigen und niederknien, Abbitte leisten für die Sünden schnellen Reichtums. Er im langen Nappaledermantel, sie im lila Seidenkleid, tiefschwarz gefärbt der Pagenkopf. Die Hingabe der beiden übertrifft die Frömmigkeit der alten Frauen mit den Kopftüchern. Gott und Geld - die Gesänge der Popen in den goldenen Talaren geben dem Roten Platz seine uralte Melodie zurück.
In der Unterführung zur Twerskaja spielen Straßenmusiker Vivaldi. Als hätte sich ein Streichorchester vom Konzertsaal in die Metro verlaufen, sieben Männer und zwei Frauen. Eine blonde Geigerin steht mit entschlossener Miene in der ersten Reihe; an Können mangelt es ihr auf keinen Fall, an Anmut noch viel weniger. Dass sie hier steht, muss andere Gründe haben. Die Passanten verharren, obwohl es zugig ist, Verzückung liegt auf den Gesichtern. Plötzlich erscheint die Dollar-Stadt in treuherziger Unschuld, und man ahnt, dass sich unter der Schminke eine altmodische Schönheit verbirgt.
Aus dem "Merian"-Heft "Moskau", Januar 2003
Von Jutta Voigt