Teil 6 - Europas Ideen für die Welt: Das Glück der Gemeinschaft - DER SPIEGEL
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Teil 6 - Europas Ideen für die Welt Das Glück der Gemeinschaft

Es begann in Kaffeehäusern und Modeläden: Im Zeitalter der Aufklärung entwickelte Europas Elite eine grenzübergreifende Kultur ­ als elegante Lebensart und als neues Wertesystem. Toleranz, Menschenrechte, Gedankenfreiheit setzten Maßstäbe für die moderne Gesellschaft. / Von Robert Darnton
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ie Ankunft des Euro wirft fundamentaleFragen auf: Wird die neue Währung Europa vereinigen? Washält Europa zusammen? Wie kann Europa als Gemeinschaftzusammenkommen? Als Erstes denkt man an Eroberer ­ an Caesar, Karl denGroßen, Napoleon, Hitler. Doch ihre Imperien zerfielen,ständig änderte sich die Geografie ­ einmal endete Europain den germanischen Wäldern, ein anderes Mal am Ural.Europa hatte keine natürlichen Grenzen, nicht einmal imWesten; noch heute heißt es bei den Briten, wir fahren nachEuropa, wenn sie mit dem Auto nach Frankreich übersetzen.

Tatsächlich ist Europa eine Geisteshaltung. Es begann alsMythos, mit der Entführung Europas, der Tochter von Agenor, dem König vonTyros, und entwickelte sich zu einem Lebensstil, der ausdem Gefühl entstand, einer gemeinsamen Zivilisationanzugehören. Diese Mentalité collective entstand direktdurch den Zivilisationsprozess, die gemeinschaftlicheErfahrung, mit dem römischen Recht, dem christlichenGlauben und der weltlichen Kultur zu leben, die sich imZeitalter der Aufklärung entfaltete.Diese gemeinsame Kultur zerbrach im 19. Jahrhundert, alsEuropa in Nationalstaaten zerfiel; ihre Prinzipien jedochüberdauerten. Philosophen von Immanuel Kant in Königsbergbis Gaetano Filangieri in Neapel hatten sie formuliert,1789 wurden sie in der Erklärung der Menschen- undBürgerrechte ausgerufen: "Die Menschen werden frei undgleich an Rechten geboren und bleiben es ... Diese Rechtesind die Freiheit, das Eigentum, die Sicherheit und derWiderstand gegen die Unterdrückung."Im Dezember 1948 wurden sie von den Vereinten Nationendurch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechtebesiegelt. Sie stehen festgemauert als Fundament einesEuropas, das am Ende des 20. Jahrhunderts sich von neuemaufschwingt.Henry Kissingers viel zitierter Spott ­ "Wenn ich Europaanrufen will, welche Nummer wähle ich dann?" ­ trifftdaneben, denn Europa ist Ausdruck für eine Reihe vonSymbolen und ein System von Werten. Der Euro gehört nundazu, aber sein Wert wird launisch schwanken. Die Werte derAufklärung jedoch sind fest in der Vergangenheitverwurzelt.In welcher, in wessen Vergangenheit aber? Während derletzten 200 Jahre hat sich Europa selbst zerrissen undfranst an den Rändern noch immer aus ­ in Irland, Russland,auf dem Balkan. Vieles hat zu dieser Auflösung beigetragen,nicht zuletzt die Industrielle Revolution und dieKlassenkämpfe. Doch die zerstörerischste Kraft, dieeinzige, die Massen mobilisieren und aufeinander hetzenkann, war der Nationalismus.Das viertel Jahrhundert Krieg, das 1792 begann, setztejenem Europa als gemeinsamer Lebens- und Denkweise einEnde, das von der gesamten Bildungselite getragen wurde. Uman die gemeinsame Vergangenheit anzuknüpfen, müssen dieEuropäer daher heute einen Salto rückwärts über das 19. und20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit dereuropäischen Dimension des Lebens im Zeitalter derAufklärung auseinander setzen.Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wieder auflebenlassen wollte ­ lebte doch damals die große Mehrheit derEuropäer im Elend. Die meisten Menschenöstlich der Elbe waren Leibeigene, diemeisten westlich davon befanden sich im Zustand geistigerLeibeigenschaft und waren unfähig zu lesen oder jeneMündigkeit zu erlangen, die Kant mit Aufklärunggleichsetzte.Die Aufklärung selbst war eine komplexe Bewegung vollerWidersprüche und Gegenströmungen. Weder stieß sie auf dieungeteilte Gegenliebe der Elite, noch war sie je mit demgesamten intellektuellen Leben des 18. Jahrhundertsgleichzusetzen. Doch sie vertrat die Werte, die heute dasHerzstück der Europäischen Gemeinschaft ausmachen, und dasin einer Form, die eine Alternative zum Nationalismusermöglicht: Die Aufklärung entwickelte eine paneuropäischeLebensweise, die damals als Kosmopolitismus verstandenwurde.Modernes Selbstverständnis wird so sehr durch nationaleIdentifikation bestimmt, dass wir uns Kosmopolitismus alsLebensstil kaum vorstellen können. Das 18. Jahrhundertliefert Beispiele für diese Art der Existenz wie denPrinzen Eugen von Savoyen ­ ein italienischer Franzose, derfür Österreich focht, dessen Unterschrift allein aus dreiSprachen bestand: Eugenio von Savoie. Preußens FriedrichII. sagte, mit Herren spreche er Französisch, mit PferdenDeutsch, während George I. sich seinen britischenUntertanen auf Deutsch mitteilte.Nationalität hatte kaum Bedeutung für diese Monarchen,ebenso wenig wie für Heerführer oder Diplomaten. Krieg warein Spiel mit der Machtbalance, eine Angelegenheit vonBelagerungen und saisonalen Feldzügen, die mehr daraufabzielten, strategische Positionen einzunehmen, alsNationen zu erobern.Es war ein königliches Spiel, gespielt im Namen vonDynastien: so der Spanische Erbfolgekrieg (1701 bis 1714),der Polnische Erbfolgekrieg (1733 bis 1738) und derÖsterreichische Erbfolgekrieg (1740 bis 1748). Armeenkannten weder gemeinsame Uniform noch Fahne. Die Fußtruppenbestanden großenteils aus Landfremden, und Offiziereidentifizierten sich eher mit den gegnerischen Offizierenals mit den Männern, die unter ihnen dienten. Wurden siegefangen genommen, tauschte man sie oft gegen ranggleicheGefangene der Gegenseite aus und schickte sie am Ende desSommers zurück, wenn das Kämpfen aufhörte und dieOpernsaison anfing.Natürlich erlitten die Armeen oft Verluste: Nach derSchlacht von Malplaquet (1709), dem blutigsten Gefecht vorBorodino (1812: 75 000 Tote), lagen auf zehn Quadratmeilen34 000 Männer tot oder verwundet. Jedoch kämpften sie wederfür eine Sache, noch um einen Feind zu vernichten ­ es gingum die spanische Krone.Und Zivilisten jubelten manchmal der Gegenseite zu.Voltaire gratulierte Friedrich II. zum Sieg über dieFranzosen bei Roßbach (1757), und Laurence Sterne bemerktein seiner "Empfindsamen Reise" (1768): "Ich hatte London(in Richtung Paris) dergestalt über Hals und Kopfverlassen, dass mirs auf Meilen lang nicht einfiel, dasswir mit Frankreich Krieg hätten." Die ersten nationalenGefühlsregungen kann man in England und Frankreich währenddes Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) entdecken, dochSamuel Johnson äußerte eine gängige Ansicht, als er in sein"Dictionary" (1747 bis 1755) schrieb, Patriotismus sei die"letzte Zuflucht eines Schurken".Zwischen 1648, als mit dem Westfälischen Frieden Religionals Grundlage internationaler Beziehungen an Bedeutungverlor, und 1792, als der Ausbruch der Revolutionskriegeden Beginn der Kriege zwischen Nationalstaatensignalisierte, legte die Kriegsgeschichte eine ideologischePause ein: In dieser relativ zivilen Zeit verstanden sichdie zivilisiertesten Leute alsEuropäer, ohne lange über Staatsgrenzen oder Pässenachzudenken. Sie unternahmen weite Reisen, die sie von London über Parisnach Rom, durch Amsterdam nach Wien oder nach Nordenführten. Unterwegs stiegen sie in Schlössern oderStadthäusern ab, wo sie von anderen vornehmen Leutenaufgenommen wurden, die dieselbe Sprache (Französisch)sprachen und denselben gesellschaftlichen Normen folgten ­das heißt, sie beherrschten nicht nur die Kunst derUnterhaltung, sondern auch die Körpersprache: Wie manzu Pferd sitzt, im Garten lustwandelt, einen Raum betritt,sich zu Tisch setzt (gar nicht so einfach, wenn man einSchwert trägt), ein Glas erhebt (am Stil, mit Daumen undzwei, nicht drei Fingern) und den Tee nimmt (in einigenkultivierten Kreisen aus der Untertasse, nicht der Tasse).Kosmopolitismus war Teil dieses sozialen Codex. Er hob dievornehmen Leute von der ungewaschenen Masse ab, derengeistiger Horizont gerade so weit reichte wie der Blick vomnächsten Kirchturm ­ daher Redewendungen wie "l'esprit declocher" und "Campanilismo" als Ausdruck fürBeschränktheit. Der Kosmopolit nahm ganz Europa, manchmalgleich die ganze Menschheit in sein Weltbild auf. DerBegriff konnte abwertend gemeint sein wie im Wörterbuch derAcadémie Française: "Kosmopolit. Jemand, der kein Vaterlandhat. Ein Kosmopolit ist kein guter Bürger." Prinz Eugen von Savoyen - Krieger des Kaisers Selbst die Encyclopédie des Denis Diderot vermerkte, dass"man diesen Begriff manchmal scherzhaft verwendet, um einenMann ohne festen Wohnsitz oder einen Mann, der nirgendwofremd ist, zu bezeichnen". Abenteurer wie Casanova,Cagliostro und Mesmer brachten den Kosmopolitismus inVerruf, denn sie kamen viel herum und schlugen sich nichtzuletzt auf Kosten ihrer leichtgläubigen Opfer durchsLeben.Nachdem Jean-Jacques Rousseau in seiner Jugend mit solchenumtriebigen Kavalieren Europa durchquert hatte, verdammteer den Kosmopolit in seinem "Gesellschaftsvertrag" alsjemanden, der "vorgibt, die ganze Welt zu lieben, nur umsich das Recht zu nehmen, niemanden zu lieben". Im Gegensatz dazu wie zu vielem anderen verkörperteVoltaire die positive Variante des Kosmopolitismus. SeinLandsitz in Ferney auf der Grenze zwischen Frankreich undGenf war die eindrucksvollste Station auf der Grand Tourder aufgeklärten Reisenden.Flankiert von Büsten von John Locke und Isaac Newton,empfing der Philosoph Gäste aus allen Winkeln desKontinents ­ und wenigstens 300 aus England: lauterweltliche Pilger, die auf eine Mahlzeit oder ein Bonmothofften, so dass er sich gar "den Gastwirt Europas" nannte.Für andere war er "der ungekrönte König Europas", weil erüber eine neue Art Macht gebot, die Fähigkeit nämlich,europaweit die öffentliche Meinung zu beherrschen.Natürlich war Voltaires Königreich eine Republik ­ dieRepublik des Geistes.Sie entfaltete sich überall und stand allen offen,wenigstens all denen, die mit Literatur zu tun hatten. MitPierre Bayles "Nouvelles de la République des Lettres"(1684 bis 1687) erhielt sie einen Anstrich, der sie vonihrer Vorgängerin, der Gelehrtenrepublik des 16.Jahrhunderts, unterschied: Bei Bayle propagierte sie denkritischen Einsatz der Vernunft, bei Voltaire engagiertesie sich für den Kreuzzug gegen "l'Infâme" ­ das heißt,gegen Intoleranz und Ungerechtigkeit im Allgemeinen und dieÜbergriffe der römisch-katholischen Kirche im Besonderen.Ab etwa 1760 also wurde die Republik des Geistes mit derAufklärung identifiziert.Sie hatte ihre Zentren: Kaffeehäuser, Freimaurerlogen,Salons und Akademien zu Dutzenden, bis hinauf nach SanktPetersburg, vernetzt durch Briefverkehr. An denKnotenpunkten des Systems residierten Schriftsteller ­ wieSamuel Formey, Sekretär der Berliner Akademie derWissenschaften, der ausgiebigst Botschaften verbreitete,und das mit bemerkenswerter Geschwindigkeit. Briefe kamenim 18. Jahrhundert manchmal schneller ans Ziel als heute.Voltaire allein verfügte über eines der effektivstenInformationsnetze aller Zeiten, und er nutzte es, um überall in Europa seineBeziehungen spielen zu lassen.Raffiniert dosierter Witz bewirkte Gelächter in allenPariser Salons und an jedem deutschen Hof. Sorgfältigorchestrierte Anprangerungen von Gräueltaten ­ derJustizmorde an politischen Gegnern der Herrschenden wieCalas, La Barre, Lally-Tollendal und Montbailli ­verwandelten das Gelächter in Empörung. Und direkte Appellean die Großen ­ Friedrich der Große, Katharina die Große(allein mit ihr wurden 187 Briefe gewechselt) ­ erbrachtenmanchmal direkte Resultate.Diese Art Aufklärung arbeitete von oben nach unten, konnteaber nur nach unten wirksam sein, wenn sie einige Nähe zurbreiten Kultur der gebildeten Europäerhatte ­ Kultur im weitesten Sinne, als Daseinsweise ansich. Wie später der deutsche Philosoph Norbert Eliasverstand Voltaire diese Kultur als Zivilisationsprozess aufeuropäischem Niveau: Europäer sind, was die Griechen einstwaren. Sie führen Krieg miteinander, doch mitten in diesenAuseinandersetzungen achten sie so sehr auf Anstand undHöflichkeit, dass, treffen ein Franzose, ein Engländer undein Deutscher zusammen, es scheint, als wären sie inderselben Stadt geboren. Höflichkeit war das Entscheidende, das die Aufklärung fürdie breite Öffentlichkeit anziehend machte. David Hume,Gotthold Ephraim Lessing, Cesare Beccaria, beinahe allePhilosophen außer Rousseau, identifizierten Höflichkeit mitder Überwindung von Aberglauben und Barbarei. Für sie wardas Christentum nicht nur unvernünftig, es war vulgär, derrohen Denkweise der alten Hebräer entsprungen. Kein Mannvon Welt konnte es ernst nehmen. Es war eine Beleidigungfür den guten Geschmack.Der Appell an den guten Geschmack, ein Schlüsselwort inAbhandlungen und Korrespondenzen der Philosophen, ergänzteden Appell an die Vernunft. Diese Doppelstrategie machtedie Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts äußersteinflussreich, denn damals begann der Weltmann allmählichden Aristokraten als idealen sozialen Typus zu verdrängen.Raum war für beide im gehobenen Verhaltenskodex, und beidekurbelten die Nachfrage im neuen Handel mit Luxusgütern an.Damen in London, Stockholm und Budapest erfuhren von denneuesten Trends, indem sie Puppen studierten, die monatlichaus den Schneiderwerkstätten der Rue Saint Honoréverschickt wurden.Allerorts bildeten sich Feinschmecker heran, dank derAbhandlungen über die neue Kunst der "Gastronomie", dankneuer Genüsse wie "Pralinen" (von der Tafel des Duc dePlessis-Praslin) und "Mayonnaise" (erfunden vom Leibkochdes Duc de Richelieu bei der Belagerung von Fort Mahon aufMenorca). Neuartige Möbel ­ die "Kommode", der "Sekretär" ­neuartige Frisuren, Porzellane und Innendekorationenverbanden die verschiedenen Eliten Europas in einergemeinsamen, materiellen Kultur.Gleichzeitig pflegten die Eliten eine gemeinsame Sprache.Zum ersten Mal ersetzte Französisch das Latein als Linguafranca der Diplomatie im Vertrag von Rastadt (1714). ImJahr 1774 verfassten sogar Russen und Türken einengemeinsamen Vertragsentwurf auf Französisch. Überall, vonSankt Petersburg bis Neapel, verbreiteten französischeTutoren die Sprache unter den Reichen, während die Armen,selbst mitten in Frankreich, durch endlose, wechselseitigunverständliche Mundarten getrennt blieben.Als Edward Gibbon Student in Lausanne war, erschien es ihmganz natürlich, Geschichte auf Französisch zu schreiben,"weil ich auf Französisch denke". Die gleiche Überlegungbewegte Alexander Puschkin, seine ersten Verse aufFranzösisch zu verfassen, für ihn "die Sprache Europas".Friedrich II., der sein Französisch unter der AnleitungVoltaires vervollkommnete, ordnete 1743 an, dass dieAbhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Berlin aufFranzösisch zu veröffentlichen seien, der "langueuniverselle". Als die Akademie 1782 ihren berühmtenEssay-Wettbewerb über die Universalität der französischenSprache auflegte, war Europa französisiert.Sprachlicher Kosmopolitismus bedeutete, dass man beiVeröffentlichung und Verkauf von Büchern europäisch dachte.Die Drucker druckten auf Französisch geschriebene Bücher inWerkstätten, die in London, Amsterdam, Hamburg, Dresden,Genf und vielen anderen Städten außerhalb Frankreichslagen.Die besten französischen Zeitungen ­ "La Gazetted'Amsterdam", "La Gazette de Leyde", "Le Courrier del'Europe" ­ entstanden gleichfalls außerhalb der Monarchie.Wenn deren Lektüre in dem resultierte, was deramerikanische Soziologe Benedict Anderson eine "imaginäreGemeinschaft" nennt, so war diese erst europäisch und dannnationalistisch. Wahrscheinlich bestätigten Voltaires Leserseine Gefühle: "Ich gehöre zu Europa." Giacomo Casanova - Abenteuerer und Schöngeist Alle Medien, auch das gesprochene Wort, trugen zu diesemkollektiven Bewusstsein bei. Die Kunst der Konversation warin den Pariser Salons des 17. Jahrhunderts perfektioniertworden. Überall in den eleganten Kreisen war sie Vorbildfür den Small Talk. Der Pariser SchriftstellerLouis-Antoine Caraccioli veröffentlichte 1777 das Buch"Modell der fremden Nationen oder das Französische Europa".Darin ruft ein französischer Marquis: "Italiener,Engländer, Deutsche, Spanier, Polen, Russen, Schweden,Portugiesen ... ihr alle seid meine Brüder."Brüderlichkeit war ein europäisches Phänomen, noch bevordie Revolution sie in die nationale Kultur Frankreichsintegrierte. Natürlich galt sie nicht unterhalb der Elite:Nur Männer von Welt fühlten sich einem gemeinsamenLebensstil verbunden, und ihre Zugehörigkeit zu einereuropäischen Zivilisation schloss die Zugehörigkeit zueinem regionalen Gemeinwesen nicht aus, dessen eigeneKultur sich in einem eigenen Idiom ausdrückte.Identität im 18. Jahrhundert war gestaffelt: Ein Kavaliergehörte zu einer Familie, einer Körperschaft, einer Stadtoder Region, und ebenso zu einem Land wie zu Europa. Wasdavon für ihn Priorität hatte, war von Fall zu Fallverschieden.Doch allmählich öffneten sich die Eliten für andere Ständeund nahmen im ganzen Westen an Zahl zu. Die neuen Reichentraten in mehr oder minder enge Tuchfühlung mit derbesseren Gesellschaft in den Ladengeschäften, wo sich eineneue Verbraucherkultur etablierte. Selbst Handwerksmeister kauften manchmal Uhrenund trugen Schwerter. Auch Dienstmädchen besaßen mehrereKleider aus oft bunt gefärbtem Kaliko, nicht mehr aus denschweren schwarzen oder braunen Wollstoffen der Dienstbotendes 17. Jahrhunderts.Einfache Leute konsumierten die neuen, aus dem Auslandimportierten Luxusgüter wie Kaffee, Tee, Schokolade, Zuckerund Tabak. Der gesellschaftliche Mittelstand verbrachteeinen Teil seiner neuen Muße in den Kaffeehäusern undverbrauchte einen Teil seines neuen Reichtums an diesenOrten, die jedem offen standen, der sie sich leistenkonnte.Nach seiner Erfindung im Jahre 1554 zu Konstantinopelverbreitete sich das Kaffeehaus im 17. Jahrhundert in ganzEuropa. Das erste entstand 1660 in London. 1663 gab es dort82 Kaffeehäuser, 1734 waren es schon 551. Weil dort freiund kunstvoll parliert wurde, nannte man sie"Klatschuniversitäten". Sie dienten auch als Treffpunktpolitischer Zirkel, denn dort gab es nicht nur Kaffee,sondern auch Pamphlete und Zeitungen.Das erste Londoner Tagblatt kam 1702 heraus ­ lange nachErscheinen der ersten Tageszeitung in Deutschland (Leipzig,1650), doch lange vor der ersten in Frankreich (Paris,1777). Die Kombination aus Gedrucktem, Gesprächen undKaffee ließ überall in Europa eine starke neue Machtaufsteigen: die öffentliche Meinung ­ und die öffentlicheMeinung wurde in allen großen Städten zunehmend radikal. Sie hatte viele Gestalten und entstammte vielen Quellen,doch alles lief auf einen Leitgedanken zu, der überallWiderhall fand: das Glück. Langsam kamen die Europäerdahinter, dass sie das Leben auf Erden genießen und nichtnur ertragen sollten, um nach dem Tod ins Paradies zukommen. Das allseits expandierende Wirtschaftsleben machte dieneuen Konsumgüter für viele mittlere Einkommenerschwinglich. Selbst Bauern erfreuten sich bessererBedingungen: Ein wärmeres Klima folgte auf die "kleineEiszeit" des 17. Jahrhunderts; neue Feldfrüchte ­ weiße undrote Rüben, Kartoffeln ­ linderten die chronischenHungersnöte; und wahrscheinlich legte die Lebenserwartungzwischen 1700 und 1800 um zehn Jahre zu. Natürlich schossendie Ideen nicht aus dem Boden wie jene Rüben, doch verbesserteLebensbedingungen und ein sonnigeres Meinungsklima ließenauch die breite Bevölkerung an den Gedanken der Aufklärungteilhaben. Denis Diderot - Enzyklopädist der Aufklärung Was die Elite betraf, so waren ihre Glücksvorstellungen vonden kühnen Gedankenexperimenten der "Esprits forts" und"Libertins" des 16. und 17. Jahrhunderts ausgegangen. DieWelt erschien in den Werken von Giordano Bruno, RenéDescartes und Baruch Spinoza mehr als vernünftige Ordnungund Quelle möglicher Vergnügen denn als Jammertal. Im nächsten Heft lesen Sie:]]> SERIE (7) - DER EUROPÄER NAPOLEON In der Verbannung auf St. Helena träumte Napoleon noch immer von einer europäischen Ordnung, wie er sie als französischer Empereur in einer Folge blutiger Kriege errichten wollte. Doch was blieb, war eine Stärkung der nationalen Einzelstaaten.

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