Kommentar Münteferings Versprechen
"Merkel kann die Umzugskisten packen"
Foto: JENS MEYER/ APWahlkampf können wir sowieso besser, hat Franz Müntefering immer gesagt. War doch so: die Kampa 1998, die Wunderwaffe der SPD, die Gerhard Schröder ins Amt brachte. Dann 2002: mit fulminantem Finish Edmund Stoiber abgefangen. Der durfte sich am Wahlabend nur für ein paar Stunden als angehender Kanzler fühlen. 2005 hätte Schröder das Kunststück beinahe mit Angela Merkel wiederholt, als er einen großen Rückstand in den Umfragen fast noch wettgemacht hätte. Gefühlt war das beinahe ein Sieg.
Aus dieser Reihe machte Müntefering ein Naturgesetz. Die CDU begann schon, an dieses Naturgesetz zu glauben.
Jetzt zeigt sich, dass es dieses Naturgesetz nicht gibt. Jeder Wahlkampf ist neu. Einstmals gute Wahlkämpfer können patzen. Was früher funktionierte, muss nicht wieder klappen. Was einmal modern war, ist plötzlich muffig, peinlich.
Im Wahlkampf 2005 hat Franz Müntefering zweierlei behauptet: Angela Merkel kann es nicht. Und: Nach der Wahl werde es von ihr heißen: Sie tanzte nur einen Sommer.
Beides erwies sich später als falsch, aber erst einmal war es kess und traf einen Nerv. Zwischen zugespitzter Behauptung und der Einschätzung der Leute gab es einen Zusammenhang.
Im Wahlkampf 2009 sagt Müntefering, Merkel könne schon mal die Umzugskisten packen. Das soll wieder so kess sein wie damals, ist aber völlig entrückt, weil der Behauptung jeder Bezug zur Wirklichkeit fehlt. Es klingt wie der Sound aus einer anderen Zeit, als habe sich der Discjockey in einem Club vergriffen, weil er auf einen Hit setzte, bei dem früher die Tanzfläche kochte. Und nun leert sich der Saal bei dieser Nummer. Sie zieht nicht mehr. Sie ist out. Die Lichter flackern, der Bass wummert, und keiner tanzt.
Müntefering ist der Mann, der aus der Zeit gefallen ist. Die Fußballvergleiche ("Wir sind in der 80. Minute, und es steht 0:2") gehen längst auf den Wecker, das Münte-Deutsch ("Ich kann Partei") ist nicht mehr putzig, sondern grammatisch falsch, die Kunstpausen und Zigarillo-Rauchfäden sind nicht mehr cool, sondern blasiert.
Aber er macht weiter, er kann nur so, wie der gealterte Achtziger-Jahre-DJ. Merkel solle endlich aus ihrer Ecke rauskommen und sich dem Kampf stellen, ein Boxbild, immerhin. Aber es wendet sich gegen ihn, weil es mindestens in dem Maße die eigene Ohnmacht thematisiert wie die Feigheit der Kanzlerin.
Er sagt mehrmals, dass der Kanzlerin die Arbeitslosen egal seien, weil sie sich nicht auf ein konkretes Ziel festlegt. In Merkels Amtszeit ist die Zahl der Arbeitslosen von fünf Millionen auf drei Millionen gesunken. Selbst wenn sie von Schröders Vorarbeit profitiert hat, sind Merkel diese Zahlen schwer streitig zu machen - und die Attacke geht abermals am Gefühl der meisten Leute vorbei.
Nichts zieht, erste Panik kommt auf. Versuch, Irrtum, neuer Versuch, das ist der Wahlkampf der SPD. Die auffälligen Finanzhaie und Föhne mit Hemdkragen der Europawahl, des Präludiums für den Bundestagswahlkampf, sind nach der Niederlage verschwunden und durch altbackene Klientelsprüche ("Gesundheit darf kein Luxusprodukt werden") ersetzt worden.
Wahlkampf können wir sowieso besser - das stimmt nicht mehr. Ein Verdacht: Lag es all die Jahre vorher gar nicht an der Kampa, an Müntefering oder Kajo Wasserhövel, sondern an dem begnadeten Solisten Gerhard Schröder? Und der Rest war Mythos?
Das allein wäre eine schlimme Erkenntnis für die SPD. Aber es ist noch schlimmer. Müntefering macht nicht nur taktische Fehler. Er ist strategisch gescheitert. Denn dem Hauptsatz "Wahlkampf können wir sowieso besser" ging ein anderer voraus. Der ganze Satz lautete: Wir gehen jetzt in die Große Koalition, und Wahlkampf können wir sowieso besser. Im Grunde war es ein Kausalsatz: Weil wir Wahlkampf besser können, können wir in die Große Koalition gehen.
Große Koalition tut weh, aber sie geht vorbei, und es geht gut für uns aus. Mit diesem Versprechen hat Mose Müntefering die SPD in die Große Koalition unter Angela Merkel gelockt. Das Versprechen hieß ganz persönlich: Ich führe euch aus dieser Gefangenschaft als Wahlsieger wieder heraus.
Danach sieht es bisher, dezent formuliert, nicht aus. Und wenn es nicht klappt, werden sich viele in der SPD verraten und verkauft fühlen. Ganz persönlich von einem Mann, der schon für sich in Anspruch genommen hat, auf dem nächsten Parteitag unabhängig vom Wahlausgang wieder zum Vorsitzenden gewählt zu werden. Noch so ein Müntefering-Satz, der sich anhört wie das Echo aus einer vergangenen Zeit.