Pendelnde Studenten Zug um Zug zum Abschluss
Studenten im Zug: Jeden Tag eine kleine Bildungsreise
Wenn bei ihren Kommilitonen der Wecker klingelt, dann sind sie meist schon unterwegs. Wenn ihre Freunde abends noch Partys feiern, versuchen sie den letzten Bus zu erwischen. Deutschlands Pendler-Studenten.
Sie fahren täglich mit dem Auto, dem Bus oder der Regionalbahn zur Uni. Einige freiwillig, andere notgedrungen. Sie sitzen stundenlang in der Bahn, um morgens neben ihrem Liebsten aufwachen zu können. Sie frieren am zugigen Bahnhof, weil sie keine Wohnung gefunden haben. Ihre Motive sind unterschiedlich, aber eines verbindet die Pendler: Bus, Bahn und Auto sind mittlerweile ihr zweites Zuhause.
Es ist schwer zu sagen, wie viele Studenten in Deutschland jeden Tag pendeln müssen. Das Deutsche Studentenwerk geht aber davon aus, dass es zuletzt aufgrund der hohen Studienanfängerzahlen und der schwierigen Wohnsituation mehr geworden sind. Viele müssten ins Umland ausweichen.
Hier erzählen vier Studenten, warum sie das tägliche Pendeln hinnehmen wollen und müssen, was sie nervt und was ihnen manchmal auch gefällt. (Klicken Sie auf die Überschriften, um die Protokolle zu lesen.)
Arezo Ghafuri - "Leider geht oft das Studentenfeeling flöten"
Arezo Ghafuri, 22, studiert Publizistik und Soziologie im sechsten Semester. Sie pendelt mit der U-, S- und Regionalbahn zwischen Frankfurt am Main und der Uni Mainz. Pro Strecke dauert das eineinhalb Stunden.
"Ich pendle bereits seit meinem ersten Semester an der Uni Mainz. Ich wollte damals nicht aus Frankfurt wegziehen: Ich bin hier geboren und fühle mich als Lokalpatriotin in der Stadt zu Hause. Außerdem bin ich hier in Frankfurt auch in der Nähe von meiner Familie und meinem Freund. Das ist mir sehr wichtig.
Da ich schon im sechsten Semester bin, muss ich mittlerweile nur noch zwei- bis dreimal die Woche nach Mainz fahren. Ich versuche mir meinen Stundenplan so zu legen, dass es keine großen Lücken gibt. Am Anfang habe ich das nicht richtig hinbekommen und es war oft chaotisch - aber mit der Zeit lernt man aus seinen Fehlern.
Das ganze Studentenleben mit der Fahrerei zu vereinbaren, erfordert viel Koordination. Leider geht bei all der Planung oft dieses spontane Studentenfeeling flöten. Zum Beispiel muss ich mir bei Partys am Anfang genau überlegen, wie lange ich bleibe, ob ich die letzte Bahn nehme oder die erste, die wieder fährt.
Meist versuche ich meine drei Stunden Pendelzeit sinnvoll zu nutzen und Texte für die Uni zu lesen. Wenn ich aber sehr früh los muss, kann es passieren, dass ich einschlafe. Manchmal verpasse ich dann meine Station und muss wieder zurückfahren. Das ist echt ärgerlich!"
Florian Kienzler - "Als Pendler freut man sich schon über Kleinigkeiten"
Florian Kienzler, 29, studiert Deutsch und Englisch auf Lehramt im neunten Semester. Er pendelt mit dem Auto und der Bahn zwischen Gütenbach im Schwarzwald und Freiburg. Pro Strecke dauert das eine Stunde.
"Seit über fünf Jahren wohne ich wieder in meinem Heimatstädtchen in einem großen alten Bauernhof, der unserer Familie gehört. Normalerweise ziehen die Kinder irgendwann aus - bei uns war es lustigerweise andersrum: Meine Eltern haben sich getrennt und sind beide aus unserem Haus ausgezogen. Also haben meine jüngeren Geschwister und ich eine Art Familien-WG gegründet. Wir haben ziemlich viel Platz und genießen den Zusammenhalt.
Am Anfang meines Studiums habe ich eine Weile direkt in meinem Studienort Freiburg gewohnt. Da ich aber Horn unterrichte und meine Schüler in Gütenbach sitzen, musste ich sowieso zweimal die Woche nach Hause fahren. Außerdem bin ich bei uns im Fußballverein aktiv und habe immer noch viele Kumpels im Dorf. Das wollte ich nicht aufgeben. Auch finanziell lohnt sich ein Umzug für mich nicht: Unter 250 Euro bekomme ich in Freiburg keine Wohnung. Das Pendeln ist dank unseres Semestertickets für mich fast kostenlos.
Jeden Morgen steige ich in mein Auto und muss 25 Minuten zum nächstgelegenen Bahnhof fahren. Das muss ich genau timen, denn mein Zug fährt nur einmal pro Stunde. Das nervt! Bald wird der Fahrplan umgestellt, dann gibt es immerhin zwei Züge pro Stunde - als Pendler freut man sich schon über Kleinigkeiten.
Neben meinem Lehramtsstudium arbeite ich für einen Professor an der Uni. Mein Glück: Dort habe ich ein Büro und kann die Zeit zwischen Arbeit und Vorlesungen überbrücken. Im Zug zu lernen klappt bei mir nicht. Einen "Werther" für Deutsch lese ich zur Not schon mal. Aber ich bin eher ein kommunikativer Mensch und unterhalte mich gern auf der Fahrt. So habe ich übrigens auch meine Ex-Freundin kennengelernt. Wir haben beide auf einen Zug gewartet, der einfach nicht gekommen ist. Da blieb genug Zeit sich zu unterhalten."
Studenten im Zug: Jeden Tag eine kleine Bildungsreise
Verena Liebeck - "Ich bin Pendlerin wider Willen"
Verena Liebeck, 19, studiert Skandinavistik und Geschichte im ersten Semester. Sie pendelt mit dem Zug und der U-Bahn zwischen Düsseldorf und der Uni Köln. Pro Strecke braucht sie eineinhalb Stunden.
"Ich bin Pendlerin wider Willen. Derzeit wohne ich bei meinen Eltern in Düsseldorf. Wenn es nach mir gehen würde, wäre ich längst ausgezogen. Es ist aber nicht so leicht eine zentrale und vor allem bezahlbare Wohnung in Köln zu finden.
Wenn ich um 8 Uhr Vorlesung habe und pünktlich sein will, muss ich um 6.15 Uhr aus dem Haus. Dann laufe ich zum Bahnhof und warte frierend auf den Regionalzug, der oft zu spät kommt. Die schlimmsten Tage sind die im Winter, an denen ich im Dunkeln aus dem Haus gehe und im Dunkeln zurückkomme.
Besonders blöd finde ich, dass ich oft große Lücken zwischen den Uni-Veranstaltungen habe. Nach Hause zu fahren, wie es viele meiner Kommilitonen machen, lohnt sich für mich nicht. Ich gehe dann etwas essen, schreibe E-Mails oder lerne Schwedischvokabeln. Rückblickend würde ich mir heute meine Veranstaltungen besser legen, aber allzu viel Spielraum lässt das verschulte Bachelor-Studium nicht zu.
Die Kontrolleure in der Regionalbahn kenne ich mittlerweile schon ganz gut und auch die Mitpendler. Die Pendler-Urgesteine erzählen sich immer gegenseitig lustige Bahn-Geschichten. Langsam kann ich mitreden. Ich kenne zum Beispiel alle möglichen Gründe für Verspätungen: Das reicht dann von 'Störungen in der Oberleitung', 'Verzögerungen im Betriebsablauf', 'Ein anderer Zug blockiert die Weiterfahrt' bis hin zu 'witterungsbedingten Problemen'. Ab und an gibt es auch mal außergewöhnlichere Probleme wie etwa einen Notarzt- oder Polizeieinsatz. Auf den Bahnsteigen ist auf jeden Fall immer was los.
Das Pendeln sollte aber bald ein Ende haben. Spätestens im nächsten Semester will ich mir eine Wohnung in Köln suchen. Ich freue mich schon auf die viele Zeit, die dann für andere Dinge bleibt, wie Freunde treffen und abends ausgehen. Und ich hoffe, dass ich dann auch Köln entdecken kann - im Moment kenne ich von der Stadt hauptsächlich den Weg vom Bahnhof zur Uni."
Studenten bei den Eltern: Nie allein zu Haus
Tanja von Seebach - "Vor wichtigen Prüfungen nehme ich ein Hotelzimmer"
Tanja von Seebach, 25, studiert Steuerverwaltung im dritten Semester. Sie pendelt mit dem Auto und der Bahn zwischen dem hessischen Mörlenbach und der FH Ludwigsburg. Pro Strecke braucht sie bis zu zwei Stunden.
"Meine Reise beginnt jeden Morgen um 5.30 Uhr. Dann verlasse ich das Haus und fahre mit dem Auto zum nächst gelegenen Bahnhof, bei uns im Ort gibt es keinen. Um 8 Uhr sitze ich dann im Hörsaal. Das frühe Aufstehen ist das schlimmste am Pendeln und schlaucht schon manchmal.
Trotz des Zeitaufwands und dem frühen Weckerklingeln bin ich glücklich mit meiner Entscheidung. Zu Beginn meines Studiums habe ich eine Weile in meiner Unistadt Ludwigsburg gewohnt. Aber seit einiger Zeit bin ich verheiratet und mit meinen Mann in Mörlenbach zusammengezogen. Ich liebe es einfach morgens neben ihm aufzuwachen. Außerdem habe ich hier Familie und Freunde - und auch einen Hund und ein Pferd, um die ich mich kümmern will. Für all das nehme ich die Fahrerei gerne in Kauf!
Trotzdem: Gerade in den Prüfungsphasen könnte ich die stundenlange Fahrtzeit gut zum Lernen gebrauchen. Ich kann zwar im Zug ab und an ein paar Sachen erledigen, aber da wir im Studium viel mit Gesetzen arbeiten müssen, ist das im beengten Zug oft nicht drin. Und an Tagen vor wichtigen Prüfungen nehme ich mir seit kurzem ein Hotelzimmer in Ludwigsburg. Das spart Nerven. Insgesamt schaffe ich es ganz gut, das Pendeln und das Studium unter einen Hut zu bringen - meine Noten haben bisher noch nicht gelitten.
Außerdem gibt es auch schöne Dinge beim Pendeln. Morgens am Bahnhof sind wir mittlerweile eine eingeschworene Gemeinschaft von rund 15 Leuten, in der jeder jeden kennt. Wir unterhalten uns über den Tag, der vor uns liegt, und tauschen uns aus. Diesen Zusammenhalt habe ich so nicht erwartet."