Arbeitskampf Lufthansa zog den Streikern einige Zähne
Pater Walter Maader ist ein erfahrener Geistlicher. Seit mehr als 30 Jahren leitet der grauhaarige Mann mit dem freundlichen Grinsen und der zu großen Brille die Flughafenseelsorge des Rhein-Main-Airports in Frankfurt. Maader hat viel gesehen: Abschiebungen, Trennungsschmerz oder einfache Flugangst. Mit dieser Erfahrung im Rücken lässt er sich von einem Streik wie am Donnerstag gar nicht erst aus der Ruhe bringen. "Man muss immer das Gute in den Dingen sehen", predigt er vor den paar Gläubigen, die sich in seiner kleinen Kapelle gesammelt haben.
Nach dem gleichen Prinzip hielt es denn auch der eher weltliche Lufthansa-Konzernsprecher Klaus Walther. Gegen 16 Uhr, als die Hochphase des ersten 24-stündigen Streiks vorüber war, trat er vor die Kamera und hatte eigentlich nur eins zu sagen: "Unser Notfallplan hat noch besser funktioniert, als wir dachten." Wer von Walther eine ernste Miene erwartete, wurde enttäuscht - der Sprecher strahlte mit seiner Referentin um die Wette, breiter als es in jedem PR-Lehrbuch steht.
Teilerfolg für die Lufthansa
Immerhin: Mehr als 160 Flüge konnten die Kranichlinien-Manager noch in die Luft und mehr als 15.000 Passagiere doch noch ans Ziel bringen. Besonders bei den für den Global Player Lufthansa wichtigen Interkontinentalverbindungen konnten Ausfälle verhindert werden. Crews aus allen noch verfügbaren Ecken wurden gesammelt, und jeder Manager, der noch eine gültige Fluglizenz hatte, musste wieder ans Steuer. Mit den Piloten, die nicht bei der Vereinigung Cockpit organisiert sind, brachten sie so wenigstens noch einige Jets vom Boden hoch.
Für Sprecher Walther ein voller Erfolg des Managements. Natürlich vergaß er dennoch nicht, die Kunden für die Unannehmlichkeiten um Absolution zu bitten und zu sagen, dass an allem die Piloten der Vereinigung Cockpit Schuld sind. "Sie haben die Forderung nach mehr Lohn auf den Schultern unserer Kunden ausgetragen", sagte Walther.
Cockpit hat sein Ziel mit fast 1000 gestrichenen Flügen erreicht
Die Streiker hingegen interpretierten die Zahlen naturgemäß ganz anders. "Der Streik war ein voller Erfolg", konstatierte der Sprecher der Piloten, Georg Fongern, schon nach wenigen Stunden Arbeitskampf. Man habe der Lufthansa gezeigt, dass man entschlossen sei, mit allen Mitteln die Forderungen durchzusetzen. Konkret heißt das für Fongern, dass man bis zum Ende des Streiks die Zielmarke der 1000 gestrichenen Flüge erreicht.
Also beide Seiten zufrieden nach einem 24-stündigen Streik mit allen Folgen? Nicht ganz. Jeder der beiden hat aber einen kleinen Erfolg errungen. Einerseits haben die Piloten natürlich gezeigt, dass es ohne sie nicht geht - was nicht gerade überraschend ist. Trotzdem haben sie den Flughafen Frankfurt in eine große Wartehalle mit Bahnanschluss verwandelt und besonders die ausländischen Reisenden mal wieder tüchtig mit deutschen Tugenden des Arbeitskampfes bekannt gemacht. Ganz abgesehen von den etwa 50 Millionen Mark Schaden, die sie ihrem Arbeitgeber Lufthansa bescherten.
Viele Reisende waren vorbereitet
Nur das von den Streikern und in den Medien gern herbei beschworene Chaos blieb aus. Geschäftlich Reisende hatten bereits vorher einen Bogen um alle Flughäfen gemacht oder die Alternativen wie Deutsche BA oder Eurowings gebucht oder waren gleich mit Bahn oder gechartertem Lear-Jet gereist. Alle anderen hatten Pech, regten sich aber nicht auf, denn sie wussten ja, worum es geht und dass die schlecht bezahlten Boden-Crews nichts dafür können. Ausländische Gäste nahmen die Streichungen fast gleichgültig hin, denn so etwas kommt halt auch mal bei ihnen zu Hause vor.
Am schmerzlichsten für die Lufthansa-Chefs dürfte hingegen der Vorführeffekt gewesen sein. Die Bahn konnte so vielen Business-Reisenden ihre neuen Züge nach Berlin oder Hamburg quasi gratis vorstellen. Die erfahrenen Meilensammler bei Lufthansa könnten die Vorzüge - nämlich die Verlässlichkeit und im Gegensatz zu der Airline relative Pünktlichkeit der Bahn - nach Meinung von Pessimisten bei Lufthansa zu sehr geschätzt haben und in Zukunft immer häufiger nutzen.
Lufthansa will vorerst kein neues Angebot vorlegen
Doch genau das ausgebliebene Chaos ist der Erfolg der Lufthansa. Der Notflugplan funktionierte. Das Signal der Kranich-Manager: Wir sind zwar abhängig von den Cockpit-Piloten, aber dem Kunden sagen wir auch, wer an den gestrichenen Flügen Schuld ist. Und auch ohne die Streiker sind wir nicht ohnmächtig.
Genau wegen dieser Teilerfolge wollte dann auch der Konzernsprecher nicht von neuen Angeboten an die Streiker reden. Man habe ein "akzeptables Angebot" vorgelegt, über das man nun weiter sprechen wolle.
Auch Cockpit signalisierte Dialogbereitschaft. "Bisher sondieren wir zwar nur, aber natürlich werden wir weiter verhandeln", kündigte Fongern am Abend an. Vermutlich jedoch saßen die Verantwortlichen zu dem Zeitpunkt längst wieder am Tisch.
Verhandlungen gehen weiter
Beide Seiten gehen mit einem Trumpf in der Hand in die weiteren Diskussionen, auch wenn die Lufthansa weiß, dass sie sich einen weiteren Streiktag am kommenden Donnerstag nicht leisten kann. Trotzdem können die Manager erhobenen Hauptes an den Tisch zurückkehren.
Einen Vorteil haben die Tarifverhandlungspartner jedoch und zwar beide gemeinsam: In den kommenden Tagen können sie wenigstens mit dem Flugzeug zu den weiteren Tarifgesprächen anreisen. Mit ein bisschen Glück sogar pünktlich.