Feindliche Übernahmen Klar zum Entern
Hamburg - Arnaud Humblot vom Fusionspezialisten Dealogic erwartet, dass 2004 das Jahr mit dem höchsten Volumen an Fusionen und Zukäufen (Mergers & Acquisitions) seit dem Boomjahr 2000 wird. Damals betrug die Gesamtsumme aller Deals weltweit 3,4 Billionen Dollar. "Wenn man Comcast und das Angebot Vodafones für AT&T Wireless miteinbezieht, dann haben wir in den ersten sechs Wochen dieses Jahres schon ein größeres Dealvolumen als in den ersten drei Monaten des Jahres 2003", so Humblot.
Statt dem Kleinklein der vergangenen Jahre geht es neuerdings wieder um Riesensummen. Der französische Pharmakonzern Sanofi Synthélabo möchte den Konkurrenten Aventis schlucken. US-Kabelkonzern Comcast plant, sich Walt Disney einzuverleiben. Softwarehersteller Oracle versucht seit längerem, den Mitbewerber PeopleSoft zu kapern.
Einige dieser - allesamt feindlichen - Übernahmeversuche könnten Geschichte machen: Der Comcast-Disney-Deal brächte es mit einem Volumen von über 50 Milliarden Dollar nach Berechnungen von Dealogic in die Top Ten der feindlichen Übernahmeangebote (siehe Tabelle). Das 68-Milliarden-Dollar-Angebot Sanofis ist die viertgrößte feindliche Offerte aller Zeiten.
Die fünf größten feindlichen Offerten
| Wert (Dollar, Mio.) | Stand | Bekanntgabe | Übernahmeziel | Angreifer |
|---|---|---|---|---|
| 172.163,609 | Abgeschlossen | 14.11.1999 | Mannesmann | Vodafone Airtouch |
| 111.791,602 | Abgeschlossen | 04.11.1999 | Warner-Lambert Co. | Pfizer |
| 69.126,961 | Zurückgezogen | 04.10.1999 | Sprint Corp. | BellSouth Corp. |
| 68.700,391 | Läuft noch | 26.01.2004 | Aventis | Sanofi Synthélabo |
| 63.102,414 | Abgeschlossen | 05.07.1999 | Elf Aquitaine | TotalFina |
Woher kommt der neue Heißhunger auf Übernahmen? Als wichtigste Gründe nennen Experten die Erholung des Aktienmarkts und die Konjunkturbelebung. Übernahmen werden häufig mit Aktien bezahlt - so bietet etwa Comcast jedem Disney-Aktionär 0,78 Comcast-Anteile für jede Maus-Aktie. Da die wichtigen Börsenindizes wie Dow Jones Industrials und Dax in den vergangenen Monaten stark gestiegen sind, können kaufwillige Unternehmen ihre Anteile wieder als Akquisitionswährung verwenden. Positiv für potenzielle Zukäufer sind außerdem die immer noch sehr niedrigen US-Zinsen. Fremdkapital zur Finanzierung eines großen Deals ist vergleichsweise billig zu bekommen.
Frühere Zukäufe verdaut
Nach dem Platzen der Börsenblase waren viele Unternehmen zunächst damit beschäftigt, Kosten zu senken, zu restrukturieren und ihre zahlreichen Übernahmen aus der Boomzeit zu verdauen. Dieses Lecken der Wunden ist jetzt bei vielen abgeschlossen, strategische Überlegungen treten wieder in den Vordergrund. Aufgrund der konjunkturellen Belebung sind vor allem US-Firmen wieder wesentlich positiver für die Zukunft gestimmt und peilen Zukäufe an. Europäische Firmen sind zurückhaltender.
Das zeigt sich auch in den Zahlen. Nach Daten von Thomson Financial kauften im Jahr 2003 US-Firmen europäische Unternehmen im Gesamtwert von 75,4 Milliarden Dollar. Die Europäer erwarben in den USA hingegen nur für 13,5 Milliarden Dollar Vermögenswerte - das ist der tiefste Stand seit einem Jahrzehnt.
US-Firmen unter Zeitdruck
Don Meltzer, M&A-Experte von Credit Suisse First Boston, ist davon überzeugt, dass amerikanische Firmen bei Zukäufen unter Zeitdruck stehen. Erstens dürften die Zinsen bald wieder steigen, zweitens könne der Dollar gegenüber dem Euro noch weiter fallen. "Wenn man ein US-Unternehmen ist und Vermögenswerte in Europa kaufen will und eine Währung hat, die weiter an Wert verliert - dann sollte man eher früher als später zuschlagen", so Meltzer gegenüber dem "Wall Street Journal".
Neben Konjunktur und Börse haben auch die Wirtschaftsskandale der Jahre 2001 und 2002 dafür gesorgt, dass große Deals lange Zeit den Beigeschmack von Größenwahn und Maßlosigkeit hatten. Viele der Unternehmen, die wegen Bilanzproblemen auffielen - AOL Time Warner, Tyco, WorldCom - waren in den späten Neunzigern durch eine oder mehrere Megafusionen entstanden beziehungsweise groß geworden. Inzwischen hat sich das Geschmäckle verflüchtigt und die Exzesse sind fast vergessen.
Nur einer wird vor allem M&A-Bankern noch lange im Gedächtnis bleiben: Dennis Kozlowski, unter dessen Führung das US-Konglomerat Tyco entstand. Der an der Wall Street als "Deal-a-month-Dennis" bekannte Amerikaner verleibte dem Mischkonzern Ende der Neunziger an die 200 Unternehmen pro Jahr ein.