Neuer "Bodenatlas": Moderner Kolonialismus
Neuer "Bodenatlas" Landnahme mit katastrophalen Folgen
Hamburg - Boden scheint unerschöpflich. Doch das ist er nicht. Guter, fruchtbarer Boden ist rar. Er wird weltweit zur Mangelware. Vielerorts wird bereits um ihn gekämpft: Kleinbauern in Südamerika und Indonesien etwa werden verdrängt von Konzernen, die Soja, Zuckerrohr oder Palmölpflanzen anbauen.
Nutznießer dieser Entwicklung ist vor allem Europa: Kein anderer Kontinent konsumiert derart auf Kosten anderer Länder wie die Europäische Union. Ihr "Land-Fußabdruck" beträgt pro Jahr gut 640 Millionen Hektar - eineinhalb mal so viel wie die Fläche aller 28 Mitgliedstaaten.
Allein für den Fleischkonsum in der EU werden in Lateinamerika Futtermittel auf einer Ackerfläche angebaut, die so groß ist wie England. Entsprechende Daten enthält der neue "Bodenatlas", den die Heinrich-Böll-Stiftung, der BUND und das Potsdamer Nachhaltigkeitsinstitut IASS heute in Berlin präsentieren. (Hier finden Sie Grafiken aus der Publikation.)
Es sind Zahlen, die eine Art modernen Kolonialismus spiegeln. "Sie zeigen, wie sehr unser Konsumverhalten auf Kosten der Lebensverhältnisse von Menschen in anderen, oft ärmeren Erdteilen geschieht", so IASS-Exekutivdirektor Klaus Töpfer. Allein Deutschland verbrauche etwa das Doppelte seiner Landfläche. "Wir nutzen Flächen anderer Staaten, die oft ihre eigenen Bürger nicht mit Grundnahrungsmitteln versorgen können." In Paraguay etwa, einem der großen Lieferanten für Futtermittel wie Soja, liege der Anteil Unterernährter bei gut 22 Prozent. Das sei nahezu eine Verdopplung im Vergleich zu 2004, so Töpfer.
Jeder EU-Bürger, darunter ganz vorn die Deutschen, verbraucht gemäß den ermittelten Zahlen pro Jahr 1,3 Hektar Land, sechsmal so viel wie ein Einwohner aus Bangladesch. Viel mehr Grund zur Aufregung als über einen Veggie-Day bietet unser Fleischkonsum: Würde jeder Erdbewohner so viel Fleisch verzehren wie ein durchschnittlicher Europäer, müssten 80 Prozent des weltweit verfügbaren Ackerlandes nur für die Fleischproduktion genutzt werden. Nur ein Veggie-Tag wirkt angesichts solcher Zahlen geradezu naiv.
Darüber hinaus scheint auch die hochgezüchtete heimische Landwirtschaft an Grenzen des Wachstums zu stoßen. Jahrzehntelanger Einsatz von Hochleistungsdünger und entsprechenden Pflanzenschutzmitteln haben zwar die Produktion gesteigert, den Böden aber vielerorts stark zugesetzt: Der Humusgehalt nimmt ab, die Böden verdichten sich, können Regen und Wind kaum mehr absorbieren.
Schon heute sind bereits rund 150 Millionen Hektar EU-Land durch Erosion geschädigt. Dass große Agro-Konzerne auch deswegen abwandern und sich in armen Regionen der Welt Land sichern, hält der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger für absurd. "Auch die Bundesregierung", so Weiger, "muss dieser Landnahme endlich Grenzen setzen."