Schmiergeld-Affäre: Siemens-Boss gibt den Aufräumer - DER SPIEGEL
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Schmiergeld-Affäre Siemens-Boss gibt den Aufräumer

Der Schmiergeld-Skandal bei Siemens erreicht eine neue Dimension – doch der neue Konzernchef Peter Löscher zeigt sich bester Stimmung. "Stolz, fantastisch, exzellent" fühlt er sich – und zeigt sich markig in der Rolle des Chef-Aufklärers.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Ganz wunderbar findet es Peter Löscher bei Siemens  . Im Juli erst ist der ehemalige Pharmamanager als Vorstandsboss des deutschen Traditionsunternehmens mit der 160-jährigen Geschichte installiert worden. Der gebürtige Österreicher Löscher kam von außen. Das hatte es bei Siemens so noch nicht gegeben.

Und jetzt, nach vier Monaten, fühlt er sich schon "fantastisch". Sagt er zumindest auf der Jahres-Pressekonferenz in München. Stolz sei er darauf, "in diesem fantastischen Unternehmen" Verantwortung zu tragen, "unheimlich stolz, Teil dieser wunderbaren Organisation zu sein". Ja, es gehe ihm "wirklich exzellent".

Fantastisch, wunderbar, exzellent - die Löscher-Befindlichkeit scheint der Siemens-Nachricht des Tages zu widersprechen: Im laufenden Schmiergeldskandal hat das Unternehmen nach internen Untersuchungen heute die Summe von weiteren 857 Millionen Euro an dubiosen Zahlungen für die Jahre 2000 bis 2006 veröffentlicht. Diese müssen noch zu den bisher feststehenden 449 Millionen in der früheren Telekommunikationssparte Com hinzugerechnet werden.

"Keine Fehler mehr machen, das muss sitzen"

Heißt: Rund 1,3 Milliarden Euro Schmiergeld - im Firmen-Sprech: steuerlich nicht abzugsfähige Zahlungen - sind geflossen, meist unter dem Deckmantel von Beraterverträgen. Das soll es dann aber auch gewesen sein. Löscher heute: "Das Volumen der steuerlich nicht abzugsfähigen Zahlungen steht nahezu fest."

Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser beziffert die bisherigen Gesamtkosten der Affäre dann noch auf rund 1,4 Milliarden Euro. Darin eingerechnet seien etwa die Kosten für die Untersuchung durch externe Berater (etwa 1,7 Millionen Euro pro Arbeitstag), die aufgelaufenen Steuerschulden sowie jene 201 Millionen Euro Geldbuße , auf die sich Siemens im Oktober mit der Münchner Staatsanwaltschaft für die Schmiergeldzahlungen in der einstigen Com-Sparte geeinigt hatte. Im Grunde habe Siemens "jeden Beratervertrag der vergangenen Jahre untersucht". Kaeser: "Das sind gewaltige Aufwendungen, man darf jetzt wirklich keinen Fehler mehr machen, das muss sitzen."

Allerdings ermitteln noch immer Strafverfolger in der Schweiz, Italien, Griechenland, Ungarn, China, Indonesien, Norwegen, Israel und Russland gegen ehemalige und aktive Siemens-Manager. Besondere Gefahr droht von der US-Börsenaufsicht SEC, Siemens ist seit 2001 in New York börsennotiert. Die Behörde ist bekannt für saftige Millionenbußen, betroffenen Managern blüht die persönliche Haftung - sogar mehrere Jahre Gefängnis sind drin.

Um dies zu vermeiden treibt der neue Konzernchef Löscher die Aufklärung voran. In Kürze wird er die Ergebnisse der eigenen Untersuchung an die SEC übermitteln. Die Compliance, also die unternehmensinterne Korruptionsbekämpfung, ist seit Amtsantritt und besonders heute in München sein ständiger Begleiter: "Es gibt Korruption auf der Welt", sagt Löscher - und macht eine lange Pause, in der er seine linke Hand hebt, um dann deren Kante krachend neben das Tisch-Mikro fallen zu lassen: "Aber für uns sind nachhaltige Geschäfte nur saubere Geschäfte."

Löscher sagt das sehr markig, sehr fest. Sein Blick ist hart: "Wir müssen die besten und sauberen Geschäfte bekommen und machen." Und: "Wir müssen von bestimmten Geschäften Abstand nehmen." Siemens sei "nur interessiert an sauberen Geschäften, immer und überall, das ist die Devise nach vorne", sagt er mit einem finalen Handkantenschlag.

Löscher könnte vom Skandal profitieren

Peter Löscher gibt den Aufräumer. Und ganz offensichtlich ist ihm das ernst. Im Oktober erst hat er mit dem US-Amerikaner Peter Solmssen einen neuen Chefjustiziar installieren lassen, der im Vorstand für den Bereich Compliance zuständig ist. Solmssen kam von General Electric   - auch so ein Externer. Bei GE arbeitete er schon einmal unter Löscher. Jetzt sitzt er gemeinsam mit Finanzvorstand Kaeser vor den Journalisten an Löschers Seite. Das mag ein Zeichen sein, auch an die SEC in Amerika.

Nun ist verständlich, warum sich Löscher so "exzellent" und "fantastisch" fühlt. Das hat nicht nur mit den trotz der Affäre guten Zahlen zu tun - immerhin stieg der Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr um zwölf Prozent auf 72,5 Milliarden, der Gewinn um 21 Prozent auf vier Milliarden Euro. Nein, Löscher könnte auch davon profitieren, dass der Schmiergeldskandal den Riesen Siemens beweglicher macht. Es ergeben sich Spielräume zur Veränderung, die zuvor nicht gegeben waren.

Da ist vor allem die Umstrukturierung. Zeichnete sich das Siemens-Organigramm bisher durch seine unklaren Verästelungen und Verantwortlichkeiten aus, so will Löscher die Geschäfte klar in drei Sektoren unterscheiden: Industrie, Energie, Gesundheit. Jeder Sektor solle in Zukunft "von einem operativ verantwortlichen Vorstandskollegen nach dem CEO-Prinzip geführt werden, das heißt, an der Spitze jedes Sektors steht kein Gremium, sondern eine verantwortliche Person", so Löscher. Seine Pläne wird er Ende November dem Aufsichtsrat vorlegen.

Bei seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden wurde Peter Löscher von manchen noch als Frühstücksdirektor und Notnagel des mächtigen Siemens-Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme geziehen. Ein paar Monate später stellt der Mann aus Österreich per Handkantenschlag sein ambitioniertes Reformprogramm vor.

Dass er daneben auch die hohe Kunst der Diplomatie beherrscht, zeigt sich am Rande. Natürlich würden die Veränderungen auch "Auswirkungen auf die Zentralen hier in München, in den Regionen und operativen Einheiten haben". Da meldet sich der Berichterstatter aus Erlangen, der "Siemens-Stadt" schlechthin, rund 30.000 Angestellte hat das Unternehmen am Traditionsstandort: Ob denn all das Gesagte auch Verlagerungen weg von Erlangen bedeuten könnte?

Und Löscher, der Externe, kann nun zeigen, dass er um die Tabu-Themen der insgesamt 465.000 Siemensianer weiß: "Erlangen ist die Seele von Siemens", sagt er. Es gebe "keinerlei Überlegungen zu irgendwelchen Verlagerungen". Vielleicht hat der Aufräumer von außen nun ein paar interne Anhänger mehr.