Gesundheitsexperte über das perfekte Timing beim Training So nehmen Sie beim Joggen am meisten ab
Jogger in Hannover: »Eine feste Trainingszeit kann dazu beitragen, dass Sport zur Gewohnheit wird«
Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpaSPIEGEL: Sie haben untersucht, unter welchen Bedingungen körperliches Training besonders effektiv zur Fettverbrennung führt. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Willis: Übergewichtige oder stark übergewichtige Erwachsene, die zuvor körperlich inaktiv waren, haben zehn Monate lang ein Programm mit fünf Trainingseinheiten pro Woche absolviert. Pro Training haben sie bis zu 600 Kilokalorien verbrannt. Die insgesamt 88 Teilnehmer durften es sich aussuchen, wann sie trainierten. Unsere Analyse hat ergeben, dass sich drei Gruppen herausbildeten: früh (mehr als 50 Prozent des Trainings zwischen 7 und 12 Uhr), spät (mehr als 50 Prozent zwischen 15 und 19 Uhr) oder sporadisch (eine Mischung aus früh und spät).
SPIEGEL: Gab es Unterschiede bei der Gewichtsabnahme?
Willis: In der Tat. Früh-Trainierende verloren etwa vier Prozent mehr Körpergewicht als Spät-Trainierende und etwa zwei Prozent mehr als die Sporadisch-Trainierenden. Und das, obwohl es bei der Kalorienaufnahme allenfalls minimale Unterschiede gab.
SPIEGEL: Wie groß war der Effekt in absoluten Zahlen?
Willis: Mitglieder der Früh-Gruppe verloren in den zehn Monaten im Durchschnitt 6,2 Kilogramm Körpergewicht. Testpersonen, die lieber abends trainierten, nahmen nur 2,2 Kilogramm ab. Und von den Frühsportlern schafften es 81 Prozent, das Körpergewicht um fünf Prozent zu senken – die Vergleichszahl in der Spät-Gruppe lag lediglich bei 36 Prozent.
SPIEGEL: Was folgt daraus, wenn man abnehmen will?
Willis: Man sollte eher morgens joggen. Allerdings hat unsere Analyse ergeben, dass nicht 100 Prozent der Trainingseinheiten am Morgen durchgeführt werden mussten. Viele der Frühsportler absolvierten nur 70 Prozent ihrer Trainingseinheiten am Morgen und hatten dennoch gute Effekte. Und die Sporadisch-Trainierenden absolvierten bloß 40 Prozent der Trainingseinheiten am Morgen und verloren immerhin noch fünf Kilogramm.
SPIEGEL: Man darf also durchaus flexibel sein?
Willis: Wenn man die Trainingswoche plant, dann muss nicht jede Einheit am Morgen stattfinden, um die Vorteile bei der Gewichtsabnahme zu haben. Aber es scheint eine Verknüpfung zu geben: Je mehr Sporteinheiten am Morgen stattfinden, desto größer ist der Gewichtsverlust.
SPIEGEL: Wie lässt sich das erklären?
Willis: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Sport im nüchternen Zustand, wenn man nach dem Fasten in der Nacht noch keine Nahrungskalorien zu sich genommen hat, könnte metabolische Vorteile haben: Fettreserven aus dem Körperspeck werden beim Trainieren und danach besonders effektiv verbrannt. Eine andere Erklärung: Manche Probanden berichten, sie hätten sich nach dem Frühsport den ganzen Tag über satter gefühlt und weniger gegessen.
SPIEGEL: Was spricht noch für Frühsport?
Willis: Bewegung am Morgen lässt sich besser einhalten. Das klingt zunächst einmal banal, kann aber entscheidend sein. Im Laufe eines Tages tauchen ja erfahrungsgemäß ungeplante Aufgaben auf, sodass man etwa eine abendliche Laufrunde häufiger mal verschieben muss. Eine stets gleiche Trainingszeit erhöht aber generell die Wahrscheinlichkeit, dass der Sport tatsächlich stattfindet. Darüber hinaus kann eine feste Trainingszeit dazu beitragen, dass daraus eine Gewohnheit wird.
SPIEGEL: Wie sollte man seine Ernährung umstellen, um den Trainingseffekt zu optimieren?
Willis: Es gibt nicht die eine Diät, die auf jeden passt. Am wichtigsten ist es, sein Verhalten so zu verändern, dass die Qualität der Ernährung besser wird: mehr Obst und mehr Gemüse und weniger extrem verarbeitete Lebensmittel.
SPIEGEL: Inwiefern beherzigen Sie selbst das Ergebnis Ihrer Studie?
Willis: Zurzeit habe ich keine Zeit, morgens zu trainieren, also mache ich meine Workouts nachmittags. Das ist vielleicht nicht perfekt für die Gewichtskontrolle, aber Studien zufolge hat es viele andere Vorteile. Bewegung macht gute Laune, beugt Krankheiten vor und verlängert das Leben.