Genfer Autosalon 2010: Hybrid, wohin man sieht - DER SPIEGEL
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Autosalon Genf: Europa legt nach

Genfer Autosalon 2010 Hybrid, wohin man sieht

Hurra, wir leben noch: Bei den großen Automessen fehlten in den vergangenen Jahren etliche Hersteller - der 80. Automobil-Salon in Genf meldet jetzt wieder volle Hallen. Der wichtigste Trend der Messe sind serienreife Hybridautos.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zukunft hat schon begonnen, angeblich. Glaubt man den Veranstaltern, dann ist der Genfer Salon diesmal ganz besonders grün. Als Beleg wird angeführt, dass "allein 16 Premieren mit Elektro- oder einem anderen alternativen Antrieb ausgestattet" seien. 16 grüne Autos bei insgesamt 100 Premieren - das ergibt eine Quote von nicht gerade berauschenden 16 Prozent. Aber immerhin: Die Autoindustrie steuert um, wenn auch nur langsam.

Erkennbar wird das in Genf vor allem an den Neuheiten mit Hybridantrieb. Mehr als zehn Jahre nach dem Debüt des Hybrid-Pioniers Toyota Prius sind nun auch die europäischen Hersteller mit dieser Technik am Start, die Verbrennungs- und Elektromotor kombiniert, um Kraftstoff zu sparen und den Schadstoffausstoß zu senken. Seit einigen Monaten wird das Oberklassemodell Mercedes S 400 Hybrid verkauft, und auch BMW hat seit kurzem Hybridversionen in den Baureihen 7er und X6 im Angebot. Nun rollen weitere Autos mit elektrisch aufgerüstetem Antrieb heran.

Die zunehmende Verbreitung eines Extra-Elektromotors

VW zum Beispiel stellt in Genf die zweite Generation des großen SUV-Modells Touareg vor, der auch mit Hybridantrieb angeboten wird. Gleiches gilt für den technisch eng verwandten Porsche Cayenne, dessen zweite Auflage auf Wunsch ebenfalls mit der identischen Kombination aus V6-Benziner und Elektromotor ausgerüstet werden kann. BMW wiederum enthüllt in Genf eine Variante der neuen Mittelklasse-Limousine der 5er-Baureihe mit Reihensechszylinder-Benziner, der je nach Fahrsituation von einem 54 PS starken Elektromotor unterstützt wird.

Von Audi hört man, dass auf dem Messestand unter anderem das neue Oberklassemodell A8 mit Hybridantrieb zu sehen sein wird - doch viel Aufhebens wird darum wahrscheinlich nicht gemacht, denn im Zentrum der Ingolstädter Marke steht der neue Kleinwagen A1. Für den wird eigens US-Popstar Justin Timberlake eingeflogen. Mit dem A1 soll der Raum in der Kleinwagenklasse abgeschöpft werden. Audi versucht das zu wiederholen, was BMW mit dem Mini bereits beispielhaft gelungen ist: ein Modemobil zu kreieren, das praktisch nur noch als Ausdruck des Lebensstils wahrgenommen wird und kein bisschen mehr als Gebrauchsgegenstand zur Sicherstellung der Alltagsmobilität.

Hybridtechnik als Krücke für noch mehr Leistung

Die Hybrid-Festspiele in Genf sind aber damit noch nicht vollständig. Suzuki zeigt den Kleinwagen Swift mit Hybridantrieb und Honda mit ebendieser Technik das Sportcoupé CR-Z, das noch in diesem Jahr auf den Markt kommen wird. Sogar bei Ferrari, berichten Insider, soll während der Pressekonferenz am Dienstag um 14 Uhr ein Hybridmodell enthüllt werden und zwar auf Basis des Extremrenners 599 GTB.

Damit wäre die Technik, die eigentlich zum Spritsparen und Schadstoffsenken gedacht war, endgültig in der Logik der PS-Branche angekommen: Nämlich als eine weitere Möglichkeit, Autos noch schneller zu machen. Porsche ist in dieser Disziplin ganz vorn dabei, in Genf in Form des Rennautos 911 GT3 R Hybrid, das im Mai beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring zum Einsatz kommen soll. Der Clou dieses Fahrzeugs ist, dass die Energie für die zwei jeweils 80 PS starken Elektromotoren an den Vorderrädern nicht in einem Akku gespeichert wird, sondern kinetisch in einem Schwungradspeicher auf dem Beifahrerplatz. Maximalleistung des Renners: 640 PS.

Trotz Premierenrummel lahmt der Absatz und die Gewinne schrumpfen

Begleitet wird der Marketingtrubel um Premieren wie den Opel Meriva, den Mini Countryman oder den VW Polo GTI von eher gedämpften Tönen aus den Vertriebsabteilungen. Während aktuelle Prognosen den weltweiten Autoabsatz in diesem Jahr auf über 55 Millionen Fahrzeuge taxieren, was im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von knapp sechs Prozent wäre, sieht es in Westeuropa eher mau aus. Nach dem Abwrack-Hype des vergangenen Jahres, der in Deutschland die Zahl der Neuzulassungen auf 3,8 Millionen trieb, rechnen Fachleute in diesem Jahr mit lediglich 2,8 Millionen verkauften Neuwagen.

Hinzu kommt, dass der Trend zu Hybrid- und Elektroautos die Hersteller viel Geld kostet. Mehrere verschiedene Antriebskonzepte vorzuhalten, bedeutet zunächst einmal höhere Kosten. Das dürfte die Situation für die hiesigen Autobauer nicht einfacher machen. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey ermittelte, dass insbesondere die sogenannten Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes unter Druck stehen. Deren Gewinne seien von 6,85 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf 550 Millionen Euro im vergangenen Jahr abgeschmolzen - ein Minus von 92 Prozent.