Automobile Mode Edle Formen aus Turin
Das Herz der Autowelt mag in Detroit, Tokio, Wolfsburg oder Stuttgart schlagen. Doch wenn es um Design geht, kommt an Turin kaum einer vorbei. Schließlich gibt es dort mehr bedeutsame Blechschneider als irgendwo sonst auf dem Globus. Vor allem die unabhängigen Designstudios haben Turin zur Welt-Hauptstadt der automobilen Mode gemacht.
Unter den rund 200 Spezialfirmen für Design, Entwicklung und Prototypenbau gibt es fünf Unternehmen, die es mit ihren Entwürfen zu Weltruhm gebracht haben. Den größten Bekanntheitsgrad hat sicherlich Pininfarina.
Das vor 70 Jahren von Battista, dem kleinen ("Pinin") Farina, gegründete Unternehmen steht vor allem für die schönen Formen vieler Ferrari-Modelle und feiert seinen runden Geburtstag deshalb mit einer weiteren Sportwagenstudie aus Maranello - dem sportlichen Spider "rosso" auf Basis des Ferrari F 550.
Auch mit Peugeot arbeitet Pininfarina seit 50 Jahren zusammen. So stammen das Design des 205, des 306 Cabrios und des 406 Coupés aus Turin. Den größten Umsatz macht Pininfarina nach eigenen Angaben heute mit der Auftragsproduktion von jährlich rund 40.000 Autos wie dem Fiat Coupé, dem Lancia Kappa Station Wagon oder dem europäischen Ableger des Mitsubishi Pajero. Von den 2600 Mitarbeitern sind nur noch 15 direkt als Designer tätig.
Die Nummer Zwei unter den Turiner Blech-Couturiers ist Bertone. Zu den bekanntesten Entwürfen des 1200 Mitarbeiter großen Hauses zählen Alfa Giulietta Sprint, Fiat 850 Spider und Lancia Stratos - aber auch der Audi 50 und sein Wolfsburger Bruder VW Polo sowie der Citroën XM stammen aus den Federn der knapp 20 Bertone-Designer.
Zuletzt hat Bertone mit dem Slim für Aufsehen gesorgt - einer neuen Interpretation des Kabinenrollers mit zwei hintereinander angeordneten Sitzen. Doch streng genommen sind das nur Fingerübungen. Das meiste Geld verdient auch Bertone mit der Produktion von vornehmlich deutschen Fahrzeugen. So laufen neben dem BMW-Roller C1 auch das Opel Astra Coupé vom Band.
Einen starken Hang nach Deutschland hat auch Giorgetto Guigiaro, dessen Firma Italdesign vor allem mit Arbeiten für VW bekannt wurde. Schließlich hat der stilistische Vater des ersten Golfs mit seinen rund 750 Mitarbeitern die Blechkleider um die vielzylindrigen Motoren von Konzernchef Piëch geschneidert - erst Coupé und Roadster für das W12-Aggregat und dann einen Bugatti für den 18-Zylinder.
Doch die Italiener haben sich auch mit Massenware zufrieden gegeben und Autos wie den Renault 19, die Fiat-Modelle Panda, Uno und Punto oder den Lexus GS 300 in Form gebracht. Zusammen mit dem BMW M1, dem Maserati Bora oder dem Lotus Esprit rollen nach Angaben von Italdesign auf den Straßen mehr als 30 Millionen Autos aus der Feder Guigiaros. Doch auch fernab vom Straßenverkehr ist Guigiaro vertreten: So kommen etliche Fotokameras und sogar diverse Nudel-Varianten aus der Designschmiede.
Jüngstes Mitglied der Turiner Designer-Elite ist das 1978 von Franco Mantegazza gegründete IDEA Institute of Development in Automotive Engineering. So entwickelten die Italiener nicht nur Modelle wie Fiat Tipo, Alfa 155 und Lancia Dedra, sondern auch den Nissan Terrano II, den Daewoo Nubira und die Mercedes V-Klasse.
Die Ideenschmiede wurde 1915 von Giacanto Ghia gegründet und 1955 mit dem bei Karmann realisierten Käfer-Coupé Karmann Ghia berühmt. Später folgten der Maserati Ghibli und der De Tomaso Pantera, bevor das Unternehmen 1970 an Ford verkauft wurde und jetzt nur noch als Ideen-Lieferant und Ausstattungs-Name fungiert. Was Ghia kann, zeigt der Prototyp Streetka, der einen Ausblick auf einen kleinen Roadster aus Köln geben soll.
Thomas Geiger, gms