meinung •Newsletter »SPIEGEL läuft« Laufen hält jung, sexy und macht klüger!
Eigentlich bin ich lange genug Redakteurin, um zu wissen, dass vermeintlich harmlose Überschriften Großes auslösen können. Auch, wenn man nicht damit rechnet.
»Überhole NIE einen Mann!«, hatte ich meinen ersten Newsletter überschrieben. Damit hatte ich Bezug auf meine laufbegeisterten Kollegen genommen, die händeringend eine Frau suchten, die ihnen die (Lauf-)Welt erklärt. Die Fragen beantworten sollte, warum etwa Frauen beim Joggen nicht grüßen. Warum Läuferinnen sich auf die Sommerzeit freuen. Warum Frauen eher einen Bogen um Männer als um Hunde machen.
Und eben: Warum man Männer NIE, aber auch wirklich NIE überholen darf.
Die Reaktionen waren interessant.
Da gab es die freundlich-wohlwollenden Zuschriften. »Mich überholen andauernd Frauen, und es gibt grüßmäßig etwa so viele Grußmuffelinnen wie Grußmuffel. Vielleicht existieren ja diesbezüglich Unterschiede zwischen dem Rheinland und der hanseatischen Sphäre?«, schrieb mir etwa ein Leser aus Düsseldorf.
Eine andere Leserin (1,60 Meter groß und damit nach eigener Aussage eine »kleine Frau«) schilderte ihre Erlebnisse mit männlichen Läufern: »Immer wenn ich sehr nah an ihn rankam, legte er plötzlich einen Zahn zu und rannte wieder weg, damit ich ihn ja nicht überholen kann. Dann wurde er wieder langsamer, das Spiel begann von vorn. Sehr nervend und total absurd.«
Es gab inhaltlich-interessierte Reaktionen, mit Themenvorschlägen: Wir sollten uns doch mal mit der Frage beschäftigen, warum es für viele Frauen nach der Geburt schwierig sei, wieder mit dem Laufen anzufangen. Eine transsexuelle Lauftrainerin schrieb sehr differenziert über das unterschiedliche Trainingsverhalten von Männern und Frauen. Und eine Kollegin ertappte sich selbst bei der Frage, warum es für sie nur ein Problem sei, wenn eine Frau sie überhole.
Tja, und dann gab es die Reaktionen, die wahrscheinlich am ehesten der Kategorie »emotional« zuzuordnen sind. Wäre ich ein Mann, würde ich sofort von meiner Stelle entfernt werden, schrieb mir ein Leser. Der mir auf meine freundliche Nachfrage, was genau ihn so erzürnt habe, nicht mehr antwortete. Wenn man »richtig laufe«, interessierten einen solche Fragen nicht, schallte es mir auf einer Familienfeier entgegen. Was auch immer »richtig laufen« genau bedeutet.
Ich hatte eigentlich gar nicht vor, über die Unterschiede von Frauen und Männern zu schreiben. Das machen andere viel besser, etwa mein geschätzter Kollege Markus Deggerich. Der hat neulich auf wunderbare Art und Weise erklärt, warum Männer häufig dick und doof sterben und warum man bzw. frau ihnen auf keinen Fall Tipps geben darf, wie sich das vermeiden ließe.
58 Gründe, warum man mit dem Laufen anfangen sollte
Aber wenn etwas so diametral entgegengesetzte Reaktionen auslöst, werden Journalistinnen und Journalisten neugierig. So ticken wir. Ich habe mich also gefragt: Wenn meine Leserinnen und Leser so unterschiedlich reagieren, scheint es ja viele Gründe zu geben, warum jemand laufen geht. Und tatsächlich: Wer die einfache Frage »Warum gehen Menschen joggen?« in eine Suchmaschine eingibt, landet schon nach zwei Klicks bei »mindestens 58 Gründen«, warum man mit dem Laufen anfangen sollte. Und die sind zumindest vielfältig:
Man kann es immer und überall machen.
Laufen ist ein günstiges Hobby.
Laufen bedeutet Freiheit.
Laufen baut Stress und Aggressionen ab.
Laufen ist ein Kalorienkiller.
Beim Laufen überwindest du immer wieder deine Grenzen.
Wegen der Verpflegung nach dem Wettkampf.
Laufen stärkt Knochen, Gelenke – und die Disziplin (!).
Laufen hält dich jung, sexy und macht dich klüger.
Läufer sind die besseren Liebhaber und haben einen eisernen Willen.
Ich erspare Ihnen die ganze Liste. Sie werden schon wissen, aus welchem der genannten Gründe Sie laufen.
Mir hat »Laufen gehört zum Leben dazu« am besten gefallen. Weil es etwas Versöhnliches hat. Und der Vielfalt der Läuferinnen und Läufer gerecht wird. Ich persönlich laufe nicht, um fit und gesund zu bleiben. Das ist, finde ich, einfach ein praktischer Nebeneffekt. Ich laufe, weil ich dadurch an der frischen Luft bin. Weil es mich entspannt. Weil ich die Alster bei jedem Wetter schön finde (okay, vielleicht bis auf den Hagelschauer). Weil beim Laufen zu zweit eine sehr intime Gesprächsatmosphäre entsteht. Weil ich, wenn ich allein laufe, auch wirklich allein bin.
Und jetzt sind Sie, liebe Leserin und lieber Leser, dran: Warum laufen Sie? Ich würde mich freuen, wenn Sie mir Ihren persönlichen Grund schreiben (susanne.amann@spiegel.de ). Und natürlich auch gerne, warum Sie nicht laufen – allerdings müssen Sie damit rechnen, dass ich Ihnen in der nächsten Kolumne erkläre, warum dieser Grund kein Grund ist.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Ich werde allein laufen gehen, meine Lauffreundin vergnügt sich auf einem Campingplatz. Was sicher auch ein Thema ist, zu dem es sehr unterschiedliche Meinungen gibt.
Und damit auf bald!
Ihre Susanne Amann