Ratschläge bei Kreuzschmerzen Jeder weiß, wie Rücken geht
Das Aufstehen war wieder mal ein Fehler. Da bewegt man sich schon in Zeitlupe, tastet mit der Zunge vorsichtig nach den pelzigen Zotten, die der Rotwein über Nacht vom Gaumen hat wachsen lassen, da fährt plötzlich dieser Blitz ins Kreuz. Verdammt.
Ich schleppe mich in die Küche, auf der verzweifelten Suche nach Mitgefühl. "Hexenschuss, ganz normal für dein Alter und deinen Zustand", sagt Mona und rennt mit einem Wärmepflaster hinter mir her. Ich kugele ins Bad, schließe mich ein und wühle nach Schmerztabletten. Ich finde drei Farben Kinesiotape, die ich mir um die Hüfte klebe. Hilft nicht, macht aber schlank.
Rücken ist nach Burnout und vor Marathon die häufigste aller deutschen Beschwerden. Ich leide an allen dreien, habe aber nur für zwei eine wirkungsvolle Therapie. Ausgebranntsein kann man mit Ausflügen nach Brandenburg prima heilen. Die Aussicht, drei Monate lang mitten im Wolferwartungsgebiet in eine Klinik mit Klangschalenterror und Walking-Meditationen eingelagert zu werden, sorgt für Blitzheilung. Marathon wiederum kann man durch Schwänzen kurieren. Aber was ist mit Rücken ? Drei Experten, vier Meinungen, keine Hilfe.
Basisch fasten, zum Osteopathen oder dynamische Massagen?
Wärmepflaster und Pillen wirken jedenfalls nicht, wie ich nach 48 Stunden weiß. Monas Freundin Sigrid sagt, Rücken sei ein klarer Fall von saurem Magen. Ich müsse zwei Wochen basisch fasten und meinen unstillbaren Kohlenhydrathunger in militante Carbophobie umformen. Okay, ja, danke, mach ich dann mal nächstes Jahr.
Kuddel aus der Laufgruppe schwört auf seinen Osteopathen. Kenne ich schon: ziehen am kleinen Finger an Räucherstäbchenqualm. Man steht auf, zahlt 100 Euro und fängt draußen wieder an zu humpeln. Das sei bestimmt ein neues Problem, sagt der Therapeut, das alte habe er ja kuriert. Jetzt müsse man erst mal abwarten. Immerhin keine neue Rechnung.
Vielleicht doch die dynamische Massage, zu der Monas Freundin Gudrun rät. Klingt anspruchsvoll, ist aber nichts anderes als anhaltendes Durchgewackel des unteren Rückens und der sich daran anschließenden Großmuskeln. Da kann ich mich auch auf die Waschmaschine setzen.
Rücken ist wie Politik und Bundestrainer - kann jeder
In der Laufgruppe wissen natürlich alle, was mit meinem Rücken los ist. Rücken ist wie Politik und Bundestrainer - kann jeder. Mein Laufstil sei schuld, sagen die Sportsfreunde, da fehle einfach die Körperspannung. Frühpensionierte mit Tagesfreizeit raten mir zu Stabilisationsübungen, jeden Morgen. Aber da schlafe ich ja noch. Und dann muss ich für die Rente der anderen rackern. Die Liegestütze letzte Woche haben mir eh schon den Rest gegeben.
Zum Glück hat Mona noch mehr esoterische Freundinnen. Shakra, die früher mal Renate hieß, attestiert mir ein kulturelles Verspannungsproblem. Manche Diagnosen stimmen immer. Shakra trägt Flatterkleider, ist Tantra-Lehrerin und lokalisiert jede Krankheit in der Gegend des Beckenbodens. Wahrscheinlich habe ich meinen Schließmuskel zu oft zu hart angespannt, sagt sie, das sei ein typisch deutsches Problem, ließe sich aber gezielt wegatmen. Nächstes Wochenende beginnt ein passendes Seminar. Nee, klar, versteh ich total, versuch ich sofort nach dem basischen Fasten, total lieben Dank, du.
Als Fan der Schulmedizin lasse ich mir von unserem Hausarzt eine Spritze ins Kreuz jagen. Was denn da drin sei, will ich wissen. Der Medicus grinst geheimnisvoll und versichert, dass er ausschließlich Naturprodukte verabreiche. Mist, dann will ich das Zeug nicht.
Nerven sind wie Handy-Akkus, zumindest ein wenig
Klaus-Heinrich erzählte mir am Wochenende, dass sein Arzt ihm alsbald die Nervenenden im Rücken veröden wolle. Klar, der Herr Privatpatient hat mal wieder eine exklusive Therapie. Nerven hätten eine Memory-Funktion, so wie Handy-Akkus, referiert Klaus-Heinrich, sie spüren früheren Schmerz, auch wenn es keinen aktuellen Anlass gebe. Frische Nerven hätten diese Erinnerungsfunktion nicht, behauptet der Arzt, behauptet Klaus-Heinrich. Prima. Ich lass mich von Kopf bis Fuß veröden. Platz schaffen für unverdorbene neue Nerven. Memory scheint im Trend zu sein: frühester Termin im September 2015.
Was bleibt? Klassische Physiotherapie, dieses herrliche Wienerschnitzel-Gefühl. Man liegt nackig rosa rum und wird plattgeklopft. Zur Physiotherapeutin habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Na gut, sie ist herrlich brutal und bestraft mich mit jedem Handgriff für mein widerwärtiges Mannsein - angewandter Feminismus. Andererseits sind mir meine Schreie peinlich.
Nach einer Woche Rückentherapie geht es mir zwar nicht besser, dafür bin ich deutlich ärmer und habe 20 Stunden mit Experten vertrödelt, von denen jeder an seine Religion glaubte: Muskel, Psyche, Kohlenhydrate, Wirbel oder historisch bedingte Verspannungen - klar, dass Linderung nur zufällig eintritt.
Gestern morgen habe ich wieder mal versucht, aufzustehen. Ein Wunder: Mein Rücken fühlte sich an wie neu. Meine Geheimtherapie: ausschlafen. Lasse ich mir sofort patentieren.
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