Achilles Verse: Flüche des Frühlings - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Flüche des Frühlings

Kaum ist der Frühling da, schon gibt es was zu meckern: Nervige Schönwetterläufer, die geliebte Strecken blockieren oder meinen, modisch glänzen zu müssen - und Mona, die die Jahreszeit am liebsten fastend startet. Eine Abrechnung von Frühlingshasser Achim Achilles.
Eine Gruppe Nordic-Walker: "Hauptsache, sie bewegen sich."
Eine Gruppe Nordic-Walker: "Hauptsache, sie bewegen sich."

Eine Gruppe Nordic-Walker: "Hauptsache, sie bewegen sich."

Foto: Uli Deck/ picture-alliance/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hach, war die trübe Kühle schön: Ruhe für Körper, Auge, Geist. Doch kaum sprießen die Krokusse, drängeln sich hormonpralle Gelegenheitssportler auf den Laufwegen, um mit Leistungsdruck, Modevergehen und Dichtestress zu nerven.

Der Speckfluch

Solange Temperaturen um null herrschten, war das Gewicht des Athleten egal. Die an der Hüfte angebrachten Reservetanks waren in mehrlagiger Textilhülle verborgen. Der Winterläufer durfte sich einbilden, dass der Winterspeck für Wärme sorgt, Notvorrat für einsame Stunden im einsamen Wald. Und jetzt? SchrecklicheWärme bringt das wappende Elend ans Licht. Die Produkte der Stretch-Industrie helfen nur bedingt. Irgendwo flutscht das Gammelfleisch doch immer wieder ins Freie.

Der Schneuzfluch

Mit einer soliden Erkältung ließ sich prima rennen. Die Nase lief nach bekannten Mustern, der halbgefrorene Rotz war nach absolvierter Laufrunde problemlos von der Wundermembran zu pellen oder klumpenweise von der Nase zu schlagen. Kaum aber startet der Pollenflug , sind die Körperausscheidungen kaum mehr zu kontrollieren. Die Augen tränen, die Nase ist mal dicht, mal nass, nichts friert, überall Sabber, der sich mit Schweiß vermischt. Eklig.

Der Modefluch

Unter den Harten, die bei Nieselnebel durch die Botanik hechten, gilt ein Ehrenkodex: Klamotten egal, Hauptsache funktional. Sieht ja eh keiner. Doch nun herrscht wieder Modeterror. Kaum lockt die Wärme den Schönwetterläufer vom Sofa, blinken die Modefarben des Frühjahrs balzend durchs Unterholz und sorgen auch bei Nichtallergikern für tränende Augen. Wie in jedem Frühjahr gilt die Maxime: Nicht schnell, dafür hässlich, aber garantiert in der falschen Größe. Huschhusch, zurück in die Großraumdisco.

Der Dichtefluch

Wir lieben unsere Gelegenheitsbeweger, solange sie in Shoppingmalls bleiben, sich beutelweise Powergel in die Eingeweide drücken, Trainingspläne ausdrucken und Ernährungsbücher verschlingen. Doch wehe, sie gehen wirklich an die frische Luft. Dann wird plötzlich auf den Inlinern rumgeeiert, die Radrennstrecke mit prallen Satteltaschen blockiert und der Rest der Grünanlage mit öldruckgedämpften Walking-Prügeln zugestellt. "Hauptsache, sie bewegen sich", sagt Mona. Aber sie bewegen sich ja gar nicht, sondern stolpern nur 600 Meter weit zum nächsten Biergarten, um sich gegenseitig ihre gespeicherten Heldentaten vom Smartphone vorzulesen, während sie sich den Sporttanga unter die Achseln reißen.

Der Wettbewerbsfluch

Unerbittlich naht der erste Wettkampf, den wir mit eifrigem Mentaltraining so tapfer in weite Zukunft gedacht hatten. Erste Tempotests bringen verheerende Ergebnisse und das Knie knarzt schon wieder, während technisch-koordinativ Minderbemittelte locker überholen. Sollte man sich vielleicht doch an Trainingspläne halten ? Nein, es ist natürlich eine Frage des Materials. Also ab in die Shoppingmall und gucken, was die Gelegenheitsjogger übriggelassen haben.

Der Hungerfluch

Frühlingszeit - Fastenzeit. Seit Aschermittwoch hat Mona mal wieder das Ernährungsregime übernommen. Dieses Frühjahr lässt mir die Gattin Basenfasten angedeihen, weil "das letztes Jahr so reinigend war, für Geist und Seele." Ach, war's das? Kann mich gar nicht erinnern. Gedächtnislücken in Folge von Alkoholmissbrauch sind schon schlimm, aber Amnesie aufgrund Abstinenz ist noch viel ärger. Noch mindestens eine Woche Mangold-Terror. Die Darmreinigung spare ich mir bis ganz zum Schluss. Mit dem Schuss durch die Eingeweide lässt sich immerhin das Wettkampfgewicht optimieren. Wann wird's mal wieder richtig Herbst? Unbändige Vorfreude auf Grünkohl, Marzipankartoffeln und leeren Wald.