Micha Klotzbier "Der Marathon wird doppelt so geil"
Micha Klotzbier beim StadtLauf Berlin
Foto: Michael KlotzbierIch zähle die Tage. Der Countdown läuft. Am 25. September erfüllt sich hoffentlich mein Traum. Ich werde beim Berlin-Marathon nach 42,195 Kilometern durchs Ziel laufen (oder wanken) und mir mein größtes Geschenk selbst machen: mein erster Marathon. Noch dazu an meinem Geburtstag.
42 Kilometer sind eine irrsinnig lange Strecke, doch mein Weg war um einiges länger. Im Januar 2015 wog ich rund 160 Kilo. Ich war ein Klops, extrem träge und ultrafaul. Acht Monate später hatte ich mich bereits um 50 Kilo erleichtert - indem ich das tat, was die meisten schon die ganze Zeit tun: einigermaßen gesund essen und sich bewegen.
Seitdem tut sich gewichtstechnisch wenig. Die Waage schwankt zwischen 105 und 110 Kilo. Seit rund einem Jahr nehme ich nicht mehr signifikant ab. Die angepeilte Grenze "unter 100 Kilo" habe ich bislang nicht erreicht. Mission verfehlt. Aber das macht mir mittlerweile wenig aus. Mir geht's körperlich fantastisch, ich bin fit und stark wie lange nicht mehr und auch geistig fühle ich mich frisch. Nur ein bisschen mehr Schlaf könnte ich gut gebrauchen.
Neulich war ich das erste Mal bei einer Mentaltrainerin. Ich bekam eine Massage und entspannte mich durch den Duft ätherischer Pflanzenöle. Es war alles ein wenig esoterisch, aber ich bemühte mich, offen zu sein. Mich zu entspannen. Und da, in diesem intensiven Austausch mit der Trainerin Jasmin Bühler und mit mir selbst, wurde mir klar, dass ich nicht mehr der Alte bin. Ich bin nicht mehr der 160-Kilo-Koloss.
Ich weiß, es klingt komisch, aber ich spürte meine Hüftknochen, zum ersten Mal seit 20 Jahren. Mir wurde klar, dass mein Körper sich zwar massiv verändert hatte, aber mein Denken noch stark geprägt war von meinen "fetten Jahren".
Regelmäßige Gedankenhygiene
Jasmin sagte den schönen Satz: "Wir können nur das sein, was wir in unserem Kopf zulassen." Es sei wichtig, dass ich neben Laufeinheiten, Ernährungstagebuch auch regelmäßige Gedankenhygiene betreibe. Unsere Gedanken wirkten sich auf unsere Emotionen und auf unseren Körper aus. "Du bist, was du isst und du bist, was du denkst".
Jahrelang haben mir Menschen gesagt, wer ich bin und was ich tun soll. Jetzt spüre ich langsam, wer ich sein will und was ich tun möchte. Daher laufe ich den Marathon, entgegen der Meinung der Ärzte, Kollegen und Familienmitglieder. Ich tue, was ich für richtig halte. Nicht aus sturer Eitelkeit (na ja, vielleicht ein bisschen), sondern mit gesundem Selbstbewusstsein. Dafür kämpfe ich schließlich. Es ist mein Leben, es sind meine Entscheidungen, meine Fehler - und ganz wichtig - auch meine Erfolge. Ich will immer das Lob der anderen, viel wichtiger und nachhaltiger ist aber der Stolz auf die eigene Leistung. Das muss ich noch lernen.
Klotzbier: "Gelungene Generalprobe"
Foto: Michael KlotzbierEhrlicherweise muss ich sagen, dass ich die mediale Anteilnahme, das Lob von außen und die bewundernden Gespräche mit Fremden genieße. Aber ich weiß auch: Irgendwann ist das vorbei und dann bin ich wieder mit mir allein.
Generalprobe für den Marathon
Am vergangenen Sonntag bin ich meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Es war die Generalprobe für den Berlin-Marathon. Sie lief perfekt. Nach 2:03:21 Stunden kam ich ins Ziel. Mit der Zeit bin ich zufrieden, auch wenn ich gerne die Unter-zwei-Stunden-Marke geknackt hätte. Aber als ich im Rennen hochschalten wollte, zwickten die Waden und ich schaltete wieder runter. Lieber nichts riskieren. Insgesamt habe ich mich in meinem Tempo wohlgefühlt. Ich hätte noch weiter laufen können.
Nach dem Rennen fasste ich meine Emotionen eloquent wie eh und je zusammen. "Ist das geil", rief ich meinem Trainer Piet von gotorun.de zu. Er antwortete nur lapidar. "Und der Marathon wird doppelt so geil."
Es ist leider aber auch die doppelte Strecke. Aber diese Herausforderung nehme ich an. Ich bin so weit gekommen, ich will nicht wieder umdrehen. Ich will das Doppelgeile-Gefühl im Ziel. Das Risiko ist es wert. Es wird das größte Geburtstagsgeschenk sein, das ich je bekommen habe. Und es kommt von mir selbst. Darauf kann ich stolz sein.
Jetzt darf ich nur die Bodenhaftung nicht verlieren. Wobei: Man wird doch wohl ein wenig fliegen dürfen, oder?