Frag Anne Wie bremse ich meinen kontrollwütigen Chef?
Ich arbeite in einem Biotech-Unternehmen, das derzeit in einem Pilotprogramm weltweit eine neue Technologie ausrollt. Mein Chef leitet das Programm, ich verantworte eins von vier Ländern. Mein Problem: Obwohl ich mein Land voll im Griff habe und das Projekt innerhalb der vereinbarten Zeit- und Budgetlinie läuft, greift mein kontrollwütiger Chef aus der Distanz immer wieder mit schlauen Tipps in mein Tagesgeschäft ein. Das setzt mich unter Druck und stresst mich wahnsinnig. Auf Dauer das ist kein Zustand - was tun?
Arne, 34, Projektleiter
Als Beraterin und Coach kennt Anne Weitzdörfer sich mit Problemen im Büro bestens aus. Bevor sie sich selbständig machte, war sie einige Jahre in einer Strategieberatung tätig. Heute berät sie Unternehmen im Bereich Organisationsentwicklung.Jetzt mal ehrlich: E-Mail an Anne Weitzdörfer
Anne Weitzdörfer antwortet:
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie auf der Autobahn Strich 130 Stundenkilometer fahren, obwohl 120 erlaubt sind? Und dann hinter Ihnen einer auftaucht, der etwas zu nah auffährt und drängelt? Nicht übertrieben mit Blinker und Lichthupe, sondern subtiler - durch schlichtes Unterschreiten des richtigen Abstands, Ihrer Wohlfühlgrenze.
Sie befürchten, dass er gleich an Ihre Stoßstange rauscht. Obwohl Sie gerade eigentlich ganz ruhig Ihr Ding machen, schafft es einer, Sie in Millisekunden auf hundertachtzig zu bringen. Insofern klug, einmal innezuhalten und das Ganze kritisch zu hinterfragen.
Bei Ihrer Beschreibung entsteht der Eindruck, als hätte Ihr Chef direkten Zugriff auf Ihre Emotionen. Kaum kommt ein Ratschlag, steigt der Blutdruck und Sie sind gestresst - ich überspitze bewusst. Warum eigentlich? Könnte doch sein, dass er es gut meint. Er hat das weltweite Unternehmensprogramm im Blick, etwas mehr Distanz und grundsätzlich das gleiche Interesse wie Sie. Anmerkungen könnte man also genauso gut als Hilfestellung verstehen.
Wenn ich jetzt weiter davon ausgehe, dass Sie Erfahrung und Ihr Projekt im Griff haben, agieren Sie bestimmt souverän und selbstbewusst. Und distanzieren sich professionell von zu viel ungebetenem Rat: Danke, gut gemeint, aber ich mache es in meinem Verantwortungsbereich, wie ich es für richtig halte.
Nicht ständig Updates, aber gezielt
Vielleicht ist es aber auch so, dass an der Art des Umgangs etwas nicht stimmt. Kann es sein, dass Sie sich von der Art Ihres Chefs angegriffen fühlen? Was genau unternimmt er, dass es Sie aus der Bahn wirft? Stellt er Ihre Kompetenz in Frage, ist er gar bossig und macht Sie klein? Hier müssten Sie für sich einmal einzelne Situationen auseinandernehmen und genau beobachten, was passiert.
Ich vermute, dass Ihr Chef einfach für ein riesiges Programm geradesteht. Und vielleicht aus eigener Unsicherheit ein übersteigertes Kontrollbedürfnis hat. Wenn wir das als Arbeitshypothese stehen lassen, hat das wahrscheinlich nur wenig mit Ihrer Person zu tun. Was braucht es wohl, damit Ihr Chef ein besseres Gefühl bekommt? Mehr E-Mails? Sicher nicht. Aber vielleicht eine gezielte.
Ich empfehle Ihnen, zweimal die Woche ein kompaktes Update von wenigen Zeilen zu schicken: Ergebnisse der letzten Tage, offene Punkte und nächste Schritte - bei denen Sie ihn vielleicht sogar proaktiv um Rat fragen. Das führt dazu, dass er sich eng genug informiert sieht, ohne hundert E-Mails in Kopie zu erhalten. Sein Rat ist gefragt, und zwar an relevanten Stellen.
Mich würde das beruhigen. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Ihnen diese kleine Maßnahme hilft, den Drängler abzuschütteln und innerlich "rechts rüberzugehen".
Typologie der Bosse: Ich Chef, du nix