Mittagessen im Homeoffice: Nudeln gehen immer - DER SPIEGEL
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Katharina Hölter

meinung •Mittagessen im Homeoffice Nudeln gehen immer

Katharina Hölter
Eine Würdigung von Katharina Hölter
In der Kantine herrscht Abwechslung, in meiner Küche Eintönigkeit. Im Homeoffice esse ich Nudeln, Nudeln, Nudeln. Über das perfekte Lebensabschnittsessen.
Mittags muss es schnell gehen: Deshalb gibt es meist Nudeln
Mittags muss es schnell gehen: Deshalb gibt es meist Nudeln

Mittags muss es schnell gehen: Deshalb gibt es meist Nudeln

Foto: Katharina Hölter / DER SPIEGEL

Groß geworden bin ich dank deutscher Kartoffeln. Wenn ich aus der Schule kam, hatte Oma schon mein Lieblingsmittagessen gekocht: ein Kotelett und dazu Linda oder Annabelle – mit knusprigem Bratfett aus der Pfanne obendrauf. Es gab Gurkensalat als Beilage und eingeweckte Kirschen zum Nachtisch. Der Mittag schmeckte nach Geborgenheit.

Heute bin ich kein Kind mehr, meine Oma lebt nicht mehr und mir fehlt die Zeit zum Kartoffelschälen. Heute gehe ich die Hälfte der Woche in die Kantine und in der anderen muss ich mir schnell was selbst kochen. Heute schmeckt der Mittag, wenn es schlecht läuft, nach einer schnellen Nummer vom Bahnhofsimbiss – und wenn es gut läuft, ein wenig nach Italienurlaub. Heute esse ich jeden Tag im Homeoffice Nudeln.

Ich horte noch immer Pasta in meinen Küchenschränken wie in den schlimmsten Pandemiezeiten der leeren Supermarktregale. Nudeln gehen eben immer. Sie begleiten mein neues hybrides Arbeitsmodell wie einst die Kartoffel meine Schulzeit oder das Lahmacun mein Studium. Nudeln sind mein treuer Gefährte zwischen To-do-Liste, der Hoffnung auf kreative Einfälle und nicht enden wollenden Konferenzen. Kurz: Sie sind mein Lebensabschnittsessen.

Bin ich damit allein? Was kocht Deutschland? Ich frage Guido Ritter. Er ist Professor für Ökotrophologie, also für Haushalts- und Ernährungswissenschaft, an der FH Münster und im Vorstand des dortigen Instituts für Nachhaltige Ernährung. Er beschreibt einen Wandel der jüngeren Esskultur. »In der Pandemie haben wir Brot gebacken, regional gekauft, fermentiert und eingeweckt. Wir haben das Kochen zelebriert, Ernährung wertgeschätzt und auf Nachhaltigkeit geachtet«, sagt Ritter. Doch nun verfielen wir wieder in alte Muster. Die Zeit der Entschleunigung sei vorbei. »Der Trend zur Nachhaltigkeit schwächt sich ab. Wir stehen wieder kürzer in der Küche.« Getrieben durch die Inflation müsse es für viele vor allem günstig sein. Tiefkühlprodukte seien nach zwei schwächeren Jahren 2022  wieder angesagter gewesen.

Ravioli, Penne und Makkaroni

Statt Brot zu backen, habe ich während der Pandemie mal Nudeln selbst gemacht. Jetzt bin ich wieder zur Supermarktnudel zurückgekehrt – nur mit Tiefkühlpizza gehe ich nicht fremd. Ich habe Nudeln schon immer geliebt, aber nie so häufig gegessen wie jetzt. Sie sind genau das, worauf es gerade ankommt: günstig, leicht zu variieren und schnell zubereitet. Ich wechsle zwischen Ravioli, Penne und Makkaroni. Ich koche mir Spaghetti aglio e olio, manchmal eine Pilz-Sahne-Soße. Am häufigsten entscheide ich mich für Tomatensoße – dafür habe ich immer alles parat. Zwiebeln und Knoblauch in Würfel schneiden, passierte Tomaten dazu, frische Kräuter, einen ordentlichen Schuss Olivenöl, on top Parmesan und ein frisches Basilikumblatt. Das taugt mir und Instagram.

Zwiebeln, Knoblauch, passierte Tomaten und ein Basilikumblatt – fertig ist die Soße

Zwiebeln, Knoblauch, passierte Tomaten und ein Basilikumblatt – fertig ist die Soße

Foto: Katharina Hölter / DER SPIEGEL

Nur manchmal läuft es nicht gut zwischen der Nudel und mir. Etwa wenn am Ende der Kochzeit doch noch eine Anfrage im Chat mit den Kolleg:innen kommt und ich vergesse, den Topf rechtzeitig vom Herd zu nehmen. Das Ergebnis: das Gegenteil von al dente. An stressigen Tagen reicht es eben auch nur für die Tiefkühl-Spinat-Ravioli, an ganz stressigen für eine Fünf-Minuten-Terrine »Nudeln in Rahmsauce«. Den Italiener:innen bricht das Herz.

Kantinen machten sich im Übrigen weit mehr Gedanken über ihre Auswahl als ich, erklärt Ökotrophologe Ritter. Sie hätten die ungewollte Pandemie-Auszeit genutzt und ihre Konzepte auf den Prüfstand gestellt. »Es gibt einen deutlichen Trend hin zu weniger Fleisch und mehr pflanzenbasierten Alternativen«, sagt Ritter. Außerdem stellten sie sich darauf ein, dass die Angestellten auch im Homeoffice arbeiten, und böten Essen zum Mitnehmen an.

Angesichts dieser Entwicklung findet manch einer mein Mittagessen vielleicht uninspiriert. Ich finde Nudeln praktisch. Etwa 200 Essensentscheidungen  fällen wir durchschnittlich pro Tag, sagt Ritter. Zum Beispiel solche: Trinke ich nach dem Aufstehen lieber ein Glas Wasser oder Kaffee? Was soll ich nach Feierabend noch einkaufen? Welche Gewürze kommen in die Soße? Oder eben: Koche ich Reis oder Nudeln? Ich muss mir beim Job schon viele Gedanken machen, dann spare ich mir in meiner Pause gern einen. Außerdem: Ein Arbeitstag hält Unvorhergesehenes bereit, auf meine Mittagsnudel ist immer Verlass.

Am liebsten wäre mir natürlich immer noch eine kochende Oma nebenan. Ihren Rezepten widme ich mich mal wieder am Wochenende – mit mehr Zeit und Experimentierfreude. Ansonsten halte ich es weiter frei nach der italienischen Filmdiva Sophia Loren: »Alles, was Sie (an Arbeitsergebnissen) sehen, verdanke ich Spaghetti.«