Kritischer Agrarbericht: Gegen TTIP, für bäuerliche Landwirtschaft - DER SPIEGEL
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Kritischer Agrarbericht Sehnsucht nach der Idylle

Viele Konsumenten lehnen industrielle Landwirtschaft ab und wünschen sich Alternativen zur Massenproduktion. Aber selbst Ökobauern hadern noch mit der Frage, was eigentlich bäuerlich sein soll, auch im Kritischen Agrarbericht 2015.
Nostalgie-Heuernte in Brandenburg: Wie geht "bäuerliche Landwirtschaft"?
Nostalgie-Heuernte in Brandenburg: Wie geht "bäuerliche Landwirtschaft"?

Nostalgie-Heuernte in Brandenburg: Wie geht "bäuerliche Landwirtschaft"?

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa
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Hamburg - "Bauernhöfe statt Agrarfabriken", der Slogan der Biobauern ist eingängig, und tatsächlich scheint es ganz einfach, in der Landwirtschaft zwischen Gut und Böse zu entscheiden: Massentierhaltung ist schlecht, artgerechte Kleingruppenhaltung ist gut. Großflächiger Einsatz von Dünger, Herbiziden und Pestiziden ist schlecht, kleine Felder sind gut. Lange Transportwege sind schlecht, Regionalität ist gut. Wie eine "bäuerliche" Landwirtschaft in der hoch industrialisierten Welt von heute aussehen soll, können aber nicht einmal Biobauern schlüssig beantworten - sie machen es aber zum Schwerpunktthema des Kritischen Agrarberichts (KAB) 2015.

Der KAB wird vom Agrarbündnis  herausgegeben, einem Zusammenschluss von zwei Dutzend Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt- und Naturschutz und Verbraucherpolitik. Das mehr als 300 Seiten starke Werk wurde am Donnerstag in Berlin vorgestellt. In diesem Jahr schwingt in der üblichen Kritik des Berichts an Agrarindustrie, Massentierhaltung und Gentechnik die Grundfrage mit, wie sich die Mitglieder des Agrarbündnisses die "bäuerliche Alternative" eigentlich vorstellen.

"Die Industrialisierung der Landwirtschaft schreitet in vehementen Schritten voran", klagt Frieder Thomas, Geschäftsführer des Agrarbündnisses und Mitautor des Berichts. Das Bedürfnis nach Einfachheit, Überschaubarkeit und Bauernhofidylle komme aus der Mitte der Gesellschaft. "Wenn 'Landlust', 'Landspiegel', 'Mein schönes Land' und andere Zeitschriften mit ähnlichen Titeln höhere Auflagen zu verzeichnen haben als 'Spiegel', 'Focus' und 'Stern' zusammen, dann ist das ein Trend", heißt es im Kritischen Agrarbericht. Dieses romantische Bild habe mit der Realität aber wenig zu tun, sagt Thomas: "Wir müssen aber selbst noch einmal nachdenken und darüber diskutieren, was bäuerliche Landwirtschaft heutzutage sein kann."

Zwang zu sozialerem Wirtschaften

Die Ökobewegung in der Landwirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die Nachfrage nach Bioprodukten übersteigt das Angebot. Mit dem Boom wachsen aber auch die Probleme: Viele Biobetriebe unterscheiden sich in ihrer Größe und Struktur kaum noch von konventionellen Höfen. "Natürlich kann ich in unserem marktwirtschaftlichen System dem einzelnen Betrieb nicht vorwerfen, dass er rationalisiert", sagt Frieder Thomas. Um zur "bäuerlichen Landwirtschaft" zurückzukommen, sei deshalb vielleicht ein "äußerer Zwang zu sozialerem Wirtschaften" nötig, sagt der Agraringenieur. "So wie man die Ökokriterien einhalten muss, so muss es vielleicht auch Vorgaben für bäuerliche Landwirtschaft geben."

Wie Regelungen aussehen könnten, ist allerdings unklar. "Nur die Quadratmeterfläche Auslauf für Freilandhennen festzulegen, reicht nicht als Definition der bäuerlichen Landwirtschaft", räumt Thomas ein. Auch wer über die Vorgaben entscheiden soll, ob beispielsweise in Brüssel oder Berlin Gesetze erlassen oder die Verbände sich - wie schon für die ökologische Landwirtschaft - eigene Regeln geben sollen, ist noch nicht entschieden.

Mehr "heimisches Bio", Widerstand gegen TTIP

Die Forderungen der im Agrarbündnis zusammengeschlossenen Verbände werden aber konkreter, und alle beziehen sich auf das Grundthema "bäuerliche Landwirtschaft" gegen Agrarindustrie. Der Anbauverband Bioland fordert von der Bundesregierung, "heimisches Bio" stärker zu fördern. Schließlich steige die Nachfrage nach regionalen Bioprodukten, während die Zahl der Bauern, die auf Bio umstellen, stagniere. Nur gut sechs Prozent der Agrarfläche in Deutschland würden ökologisch bewirtschaftet, klagt der Verband und fordert auch vom Handel mehr regionale Biosortimente.

Auch der Bauernprotest gegen die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA passt zum Thema: Der Widerstand richtet sich dem KAB zufolge gegen "die weitere Ausdehnung des agrarindustriellen Produktionsmodells nach amerikanischem Vorbild (inklusive Gentechnik)". Auch die Umsetzung der EU-Agrarreform in Deutschland steht in der Kritik: "Anders als einige unserer Nachbarländer nutzt Deutschland diese Möglichkeiten zur Stärkung einer bäuerlichen Landwirtschaft nicht", schreiben die Autoren, Nutznießer seien dagegen erneut die "großen Wachstumsbetriebe". Hier müsse die Politik nachbessern.

Für dieses Ziel ruft das Agrarbündnis gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Organisationen am kommenden Samstag in Berlin zur Großdemonstration unter dem Motto "Wir haben es satt" auf.