Verhandlungen bis in die Nacht: "Die Gegenseite zermürben" - DER SPIEGEL
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Schlaflos verhandeln "Die Gegenseite zermürben"

Feilschen bis der Morgen graut: Gerade wichtige Verhandlungen dauern oft sehr, sehr lang. Das kann strategische Vorteile haben, verrät Sozialpsychologe Jan Häusser. Auch wenn schlaflose Manager häufig wie Betrunkene agieren.
Von David Krenz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
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Foto: Universität Hildesheim

Der Sozialpsychologe Jan Häusser (Jahrgang 1981) arbeitet an der Universität Hildesheim und untersucht Entscheidungsfindungen in Gruppen. Auf die Frage, welche Rolle Schlafmangel bei Verhandlungen spielt, stieß er im Jahr 2010 - durch Medienberichte über einen Griechenlandgipfel.

KarriereSPIEGEL: Herr Häusser, welche Lösungen für Griechenland hätten uns die Europolitiker präsentiert, hätten sie ihre Entscheidungen nicht in einer durchgemachten Nacht getroffen, sondern noch vor Einbruch der Dunkelheit?

Häusser: Die Frage wird sich leider nicht klären lassen, wir haben ja keine Vergleichsgruppe, die tagsüber verhandelt hat. Bei Schlafmangel leidet die Reaktion und die Konzentrationsfähigkeit, aber Untersuchungen zufolge greift in solchen Verhandlungsrunden das "group monitoring": Die Wachen ziehen die Müden mit. Andere Studien zeigen, dass übermüdete Menschen risikoaffiner werden.

KarriereSPIEGEL: In einer eigenen Studie haben Sie Teilnehmer eine Nacht lang vom Schlaf abgehalten.

Häusser: Dann haben wir ihnen Aufgaben vorgesetzt und dafür Tipps erteilt. Die Übermüdeten waren empfänglicher für Ratschläge als die Kontrollgruppe. Andere Studien zeigen, dass damit auch die Bereitschaft zu unmoralischem Verhalten steigt. Interessant wäre das gerade bezogen auf den politischen Betrieb und die Lobbyisten.

KarriereSPIEGEL: Nach Studien in den USA schleppt dort ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung eine Schlafschuld mit sich herum. Die besteht dann, wenn man über mehrere Wochen lang weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft. Wie sieht es mit der Schlafschuld der Deutschen aus?

Häusser: Bei uns wird es wohl ähnlich sein. Quer durch Berufsgruppen und Hierarchieebenen.

KarriereSPIEGEL: Auf welche Tätigkeiten wirkt sich Schlafmangel besonders stark aus?

Häusser: Zum Beispiel im Flugzeugcockpit oder in der Steuerung eines Kraftwerks, wo es auf das schnelle Reagieren und die Langzeitaufmerksamkeit eines Einzelnen ankommt. Gruppenentscheidungen sind im besten Fall recht wenig betroffen. Es gibt aber eine Reihe von Befunden, die dafür sprechen, dass übermüdete Entscheidungen nicht so sinnvoll sind.

KarriereSPIEGEL: Warum?

Häusser: Es gibt in Gruppen das "social loafing", also: Ich lehne mich zurück und lasse die anderen machen. Der Effekt wird offenbar nicht nur von der Größe der Gruppe, sondern auch vom Schlafmangel beeinflusst.

KarriereSPIEGEL: Wie können Vorgesetzte, die spätabends ein Meeting für ihre Mitarbeiter einberufen, diesen Ermüdungserscheinungen entgegenwirken?

Häusser: Indem er alle animiert, sich einzubringen, zum Beispiel jeden Teilnehmer auffordert, eigene Ideen zu notieren und vorzustellen.

KarriereSPIEGEL: Und was kann der Einzelne tun, um auch mit kleinen Augen noch wache Entscheidungen zu treffen?

Häusser: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Schlaf und Koffein.

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Büroschlaf: Wo sich Arbeitnehmer schlafen legen

KarriereSPIEGEL: Nach dem EU-Gipfel war wieder mal vom Verhandlungsmarathon die Rede. Ist eine Verhandlungsrunde so erschöpfend wie ein 42-Kilometerlauf?

Häusser: Die Politiker sind am Ende solcher Termine jedenfalls sicher nicht so fertig, wie Sie oder ich das wären. Leute, die in Politik und Wirtschaft in hohen Verhandlungspositionen stehen, kommen besonders gut mit Entscheidungsdruck unter Schlafentzug zurecht. Es gehört zur Legendenbildung über Politiker wie Bill Clinton oder Margaret Thatcher, dass sie mit wenigen Stunden Schlaf auskamen.

KarriereSPIEGEL: Der Normalschläfer, der seine acht Stunden Nachtruhe braucht, hat also keine Chance auf einen Platz in der großen Politik oder in der Unternehmensspitze. Oder kann man trainieren für Verhandlungsmarathons?

Häusser: Neben der Konstitution zählt die Erfahrung. Insbesondere für Gruppensituationen wie am Sonntag gilt: Man verhandelt immer mit den gleichen Leuten. Ich weiß also, dass mein Gegenüber immer um Mitternacht einen Hänger hat und frühmorgens wieder eine starke Phase. Darauf kann man sich einstellen.

KarriereSPIEGEL: Lässt sich dieses Wissen um die Schwächephasen des anderen ausnutzen?

Häusser: Ja. Anders als Krisensitzungen nach Reaktorkatastrophen, wo man schnell reagieren muss, sehe ich keinen vernünftigen Grund, warum Koalitionsverhandlungen oder Tarifverhandlungen über Nacht laufen. Da kann es darum gehen, die Gegenseite zu zermürben. Aber auch darum, der Öffentlichkeit zu signalisieren: Wie reiben uns auf für euch.

KarriereSPIEGEL: Nach Ansicht von Schlafforschern lassen sich die Auswirkungen eines Schlafentzugs mit denen eines leichten Alkoholrauschs vergleichen: Euphorie, Probleme bei der Wortfindung, Aussetzer im Kurzzeitgedächtnis. Macht es für meine Arbeitsleistung keinen Unterschied, ob ich übermüdet ins Büro komme oder mit Prosecco im Blut?

Häusser: Der Unterschied liegt darin, dass wir Entscheidungen von alkoholisierten Politikern oder Managern für absolut verantwortungslos hielten, während für nächtliche Verhandlungsrunden eine große Akzeptanz besteht. Solche Leistungen werden verstanden als Aufopferung. Ob Entscheidungsfindungen in der Nacht eine gute Idee sind, wird gar nicht hinterfragt.

KarriereSPIEGEL: Selbst schon dumme Entscheidungen getroffen, weil Sie übermüdet waren?

Häusser: Ständig. Vor sechs Wochen wurde mein zweites Kind geboren, da bin ich gerade mit einer permanenten Schlafschuld unterwegs.


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KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.