TV-Jahresrückblick: Im Angesicht der Super-Events - DER SPIEGEL
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TV-Rückblick 2010: Furiose Flops, höllische Hits

Foto: ARD/Julia von Vietinghoff

TV-Jahresrückblick Im Angesicht der Super-Events

Mal furiose Flops, mal höllische Hits - aber immer ein Spektakel. Das deutsche Fernsehprogramm verschrieb sich 2010 voll und ganz dem Trend zum Event. Zappen Sie sich durch die Höhe- und Tiefpunkte: von verliebten Polizisten über Supertalente bis zu Wanderhuren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

War das tatsächlich die Stunde Null des deutschen Ereignisfernsehens? Als Thomas Gottschalk am 4. Dezember wegen eines schweren Unfalls seine Samstagabendshow "Wetten, dass..?" abbrechen ließ, sahen viele darin die Katastrophe, aus der das hiesige Fernsehen endlich geläutert und geheilt hervorgehen könne. Der Schrecken, mit dem es jetzt vorbei sein sollte, hatte einen Namen: Event-TV. In das gute alte Massenmedium sollte endlich wieder jene Gediegenheit einkehren, die es früher hatte. Am besten gleich wie in jenen Tagen, als es noch nicht das anrüchige Privatfernsehen gab.

Doch solche Forderungen nach einer neuen Beschaulichkeit im dualen deutschen Rundfunksystem sind nicht nur naiv - sie verstellen auch die Sicht auf die Möglichkeiten des Mediums. Gerade im ausklingenden Jahr zeigte sich, welches Potential die oft verdammte Eventisierung parat hält. Man muss es nur nutzen.

Zugegeben, das Ringen um Quote in der Aufmerksamkeitsökonomie des immer stärker aufgesplitterten deutschen Fernsehmarktes brachte 2010 auch ein paar besonders grandiose Scheußlichkeiten hervor. Wie ausgiebig uns zum Beispiel Sat.1 Monate vor Sendestart den striemengezeichneten Rücken von Alexandra Neldel präsentierte, weil der Sender damit für seinen Programmhöhepunkt "Die Wanderhure" warb, einen S/M-Szenario in pittoresker Mittelalterpuppenstube - gruselig! Und wie lange vorab uns RTL mit immer neuen parapsychologischen Insiderinfos zum Barschel-Tod versorgte, um auf den Tischruckel-Schund "Das Medium" aufmerksam zu machen - schaurig!

Volkspädagogik at it's best

Ja, im privaten Eventfernsehen scheint das Mittelalter einen späten Sieg errungen zum haben; die Aufklärung ist da ganz klar auf dem Rückzug. Gleichzeitig aber führte das öffentlich-rechtliche Fernsehen unter dem Druck, der Eventisierung der Konkurrenz zu begegnen, durchaus das Informations-TV zu neuen Höhen. Sich thematisch und marketingtechnisch breit aufzustellen, kann durchaus der Bildung und der anspruchsvollen Diskussion dienen.

Das bewies zumindest die ARD im vergangenen Jahr einige Male. So lief im Anschluss an das Sektendrama "Bis nichts mehr bleibt" eine Diskussion mit Frank Plasberg über Scientology, die das Religionsunternehmen klug, unpolemisch und hochspannend unter die Lupe nahm. Und das mit Sensationsquote. Tadellos in diesem Sinne auch die ARD-Themenwoche "Essen ist Leben", bei der zwischen den unvermeidlichen Promi-Mampfereien und Spenden-Kaspereien anspruchsvolle, ja anstrengende Dokumentationen gestreut waren. Volkspädagogik at it's best.

In unserem Rückblick haben wir für Sie noch mal die besten und die schlimmsten Momente des TV-Jahres zusammengestellt. In einer ausführlich kommentierten Fotostrecke (siehe oben oder Link hier) lassen wir die Bizarrerien und Perlen der Nischenprogramme genauso Revue passieren wie die Entgleisungen und Highlights der Primetime. Soviel steht fest: Ohne Events könnte das deutsche Fernsehen nicht existieren.

Schade nur, dass ausgerechnet die ARD, die 2010 doch mit einigem Geschick Aufklärung als trommelfreudiges Aufmerksamkeitsfernsehen betrieb, im nächsten Jahr seine Strategie gefährlich variiert. Gleich fünf Moderatoren werden künftig zu attraktiven Sendezeiten Debatten leiten; Dokumentationen und Reportagen schiebt man dafür noch weiter ins Off des Nachtprogramms. Aber was nützt der Moderator als Ereignis, wenn die zur Diskussion nötigen Informationen nicht da sind? Nur Event, kein Inhalt - da sehnt man sich im kommenden Jahr dann vielleicht tatsächlich nach einer Stunde Null des deutschen Ereignisfernsehens.