In Constance Debrés autofiktionalem Roman »Play Boy« verlässt die Erzählerin den sicheren Hafen der Ehe und datet Frauen. Sie beschreibt das Begehren ungefiltert sinnlich als fundamentale menschliche Sehnsucht.
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Ach, die Franzosen und die Autofiktion, seufzt man zunächst, wenn man die ersten Seiten von Constance Debrés »Play Boy« liest. Aber es wäre ein Fehler, dieses Buch frühzeitig wegzulegen. Ja, gewiss, kaum ein literarisches Genre war in den vergangenen Jahren so präsent wie die Autofiktion. Sie erhebt das eigene Leben zur literarischen Methode, verwandelt Erfahrung in Analyse und Ich-Erzählung in Gesellschaftsdiagnose. Zum Trend ist Literatur, die unter diesem Label firmiert, vor allem durch französische Autorinnen und Autoren wie Annie Ernaux oder Édouard Louis geworden, die ihr den Nimbus einer moralisch-intellektuellen Übung verliehen, die behauptet: Wer über sich schreibt, legt zugleich die sozialen Machtverhältnisse offen, die das eigene Leben geformt haben.
Autorin Debré
Foto:Johannes Äng / DN / TT / picture alliance; Alexandra Polina / DER SPIEGEL
Diese Haltung kann faszinieren, doch sie birgt auch die Gefahr der Erstarrung. Wenn Erzählerinnen sich schon in den ersten Sätzen als »bourgeois«, »aristokratisch« oder »aus der Provinz« einordnen, verwandelt sich das Ich in eine Figur soziologischer Exemplarik. Es geht dann weniger um Menschen als um Modelle: Pappkameraden, die politische Theorien abhandeln. Die seit 1789 scheinbar unheilbare französische Obsession mit der eigenen Klassengesellschaft kann einem dann schon mal auf den Geist gehen.
Constance Debrés Roman »Play Boy« steht einerseits mitten in dieser Tradition. Die Autorin – wie ihre Figur ursprünglich von Beruf Anwältin – verlässt den sicheren Hafen der Ehe mit einem Mann und beginnt, Frauen zu daten. Dabei verbindet sie autobiografische Selbstbefragung mit einer scharfen Beobachtung sozialer Milieus. Doch dort, wo das Buch am stärksten ist, verlässt es das Soziologische. In seinen besten Momenten beschreibt »Play Boy« das Begehren – als fundamentale menschliche Sehnsucht und Erfahrung – ungefiltert sinnlich.
Die Platzierungen
»Wie gehst du mit deinem Verlangen um?«, schreibt Debré etwa. »Zeig es mir. Und wie gehst du mit der Angst um und mit der Zärtlichkeit und mit dem Hass und der Langeweile? Zeig es mir. Meine Nase auf deiner Haut, deine Augen auf meinen, sind wir wirklich zu allem fähig, was wir so behaupten? Ich mag dich zynisch und brüderlich. Halt nicht meine Hand, sag mir nicht, dass du mich liebst. Sieh, wie ich mir auf die Lippen beiße, verschämt lecke ich deine Brüste.« Debré gelingt es, jene Grenzbereiche des Erlebens freizulegen, in denen Literatur mehr wagt als Analyse: Sie zeigt, wie Zärtlichkeit und Scham, Macht und Hingabe ineinander übergehen. Das Vulgäre wird in diesem Moment zum Medium der Wahrheit.
»Play Boy« provoziert eine produktive Irritation. Es hält der französischen Gegenwartsliteratur einen Spiegel vor, indem es die eigenen Verfahren übertreibt. Autofiktion wird hier zum Experimentierfeld: Wie lässt sich Authentizität behaupten, wenn jede Erfahrung längst als sozial codiert gilt? »Play Boy« verhandelt das Begehren als letzte Bastion des Individuums. Wo Klasse, Geschlecht und Identität alles bestimmen, bleibt der Körper der Ort einer noch möglichen Freiheit – oder wenigstens eines Aufbegehrens. Diese Freiheit ist jedoch gefährdet, weil immer schon reflektiert.
Der Freiraum von Literatur und ihr Trost liegt darin, dass in ihr ein von der Welt berührtes, betroffenes, bedrängtes Subjekt denkt und einen daran teilhaben lässt. Vielleicht braucht die französische Literatur tatsächlich wieder mal wieder einen Camus. Jemanden, der über individuelle Erfahrung schreibt, über unsere Einsamkeit als einzelne Menschen – und diese Perspektive hochhält gegen alle abstrahierten Kollektive und ihre Herrschaftsansprüche. Aber bis dahin bleibt Debrés Versuch, aus der eigenen Erfahrung heraus zu denken und zu schreiben, ein wichtiger Beitrag. Denn dort, wo sie die theatralische Inszenierung der immer gleichen sozialen Rollenschemata verlässt und dem Empfinden vertraut, besitzt ihre Sprache – und damit ihr Werk – eine immense, unmittelbare Kraft. Die Autofiktion ist tot, es lebe die Autofiktion.
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