Oktober: Die Hauptstadt wird rot - DER SPIEGEL
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Oktober Die Hauptstadt wird rot

Der Sozialdemokrat Klaus Wowereit gewinnt die Wahl zum Regierenden Bürgermeister und riskiert ein Bündnis mit der PDS.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Arme vor der Brust verschränkt, auf den Fußspitzen leicht wippend, ein Siegerlächeln auf den Lippen ­ so steht Klaus Wowereit (SPD), Berlins Regierender Bürgermeister, in der letzten Reihe der Besucher im Preußischen Landtag, dem Berliner Abgeordnetenhaus.

Vorn, inmitten der Gäste, bemüht sich Christdemokrat Eberhard Diepgen, sein Vorgänger, zu seinem 60. Geburtstag ein fröhliches Gesicht zu machen. Ein Knabenchor singt "Happy birthday to you". Klaus Landowsky, "der Pate" Berlins, als lang gedienter Banker und CDU-Frontmann Diepgens oberster Strippenzieher, macht eine Miene wie auf einer Beerdigung. Frank Steffel, der neue CDU-Fraktionschef, wenige Wochen zuvor (mit minus 17 Prozent) vernichtend geschlagen, spricht, als wäre er auf einem Kindergeburtstag. Zu jedem Buchstaben aus Diepgens Namen hat der Raumausstatter Steffel eine Eigenschaft ausgewählt ­ etwa E wie Edelmut oder D wie Demut. Artig, aber ungelenk trägt er das vor und erinnert ein wenig an Egon Krenz, den glücklosen Nachlassverwalter Erich Honeckers.

Umständlich bedankt sich Diepgen für die Glückwünsche, brummelt ein paar Ermahnungen. Hinten steht Wowereit, verzieht das Gesicht und sagt: "Der hat noch immer nüscht begriffen." Besonders eilig, dem Jubilar persönlich die Hand zu schütteln, hat er es auch nicht.

Ob er einfach noch ein paar Sekunden Bedenkzeit braucht, um zu begreifen, was vor sich geht, dass nicht Diepgen, sondern er hier der Regierende Bürgermeister ist? In solchen Augenblicken, bekennt der Polit-Aufsteiger des Jahres freimütig, da könnte er sich schon "noch einmal selber kneifen".

Ja, es ist wahr, ein kleines Wunder ist im Jahr 2001 in der Hauptstadt geschehen und noch dazu gleich ein doppeltes ­ denn das politische ging mit einer Art Kulturrevolution einher.

Am 21. Oktober, wenige Sekunden nach 18 Uhr, als nach den ersten Hochrechnungen die Freudenschreie der Sozialdemokraten und die Klagerufe der Christdemokraten durch das Abgeordnetenhaus hallen, ist Wunder Nummer eins perfekt: Die SPD mit ihrem neuen Hoffnungsträger an der Spitze ist stärkste Fraktion Berlins geworden ­ nach 26 Jahren. Wowereit, den am Anfang des Jahres die Mehrheit der Berliner noch nicht einmal kannte, hatte erreicht, was viele Berliner Sozialdemokraten nicht mehr zu träumen gewagt hatten. Er führte die SPD Ernst Reuters und Willy Brandts erst aus der Gefangenschaft der Großen Koalition und dann auch noch zum Wahlsieg.

Im Juni hatte er ein Vabanquespiel mit ungewissem Ausgang riskiert: Wowereit stürzte mit Hilfe der Abgeordneten von Grünen und PDS Diepgen, ließ sich selbst im Parlament zum Regierenden Bürgermeister wählen, erzwang Neuwahlen und ließ seinen rot-grünen Senat einstweilen von der PDS tolerieren.

Dabei schienen Berlin und Diepgen unzertrennlich ­ bis zu jenen Tagen im Februar, als aufflog, dass Freund Landowsky von einem Kreditkunden seiner Bank eine Parteispende entgegengenommen hatte. Die Bankaffäre kratzte am Unionslack, der Beweis für das "System Landowsky" war erbracht. Aber würden die Berliner es gutheißen, dass der freundliche Dauerregent Diepgen einfach so mir nichts dir nichts aus dem Amt gejagt wird?

Auch der Schulterschluss mit den Postkommunisten war ein Tabubruch in der Ost-West-Metropole. Bislang hatten die Sozialdemokraten lediglich in einigen Berliner Bezirken mit der PDS paktiert. Aus Sorge vor Protesten in den eigenen Reihen war ein Bündnis mit den SED-Nachfolgern im Roten Rathaus jedoch bislang ausgeschlossen worden. Würden die West- und Ost-Berliner 40 Jahre nach dem Bau der Mauer den Tabubruch hinnehmen? Oder könnte die Union noch einmal mit den alten Ängsten vor den Mauerbauern auf Stimmenfang gehen?

Und noch etwas schien ungewiss: Kann Wowereit, der ehemalige Bezirksstadtrat, der trockene Haushaltsexperte der SPD-Fraktion, sich gegen den PDS-Star Gregor Gysi behaupten, der sich von seinen Genossen zur Spitzenkandidatur drängen ließ?

Wowereit hat es geschafft. Die SPD gewinnt die Wahl mit 29,7 Prozent, die CDU kommt auf 23,8 Prozent. Die PDS holt 22,6 Prozent, die FDP mit Spitzenmann Günter Rexrodt 9,9 Prozent. Die Grünen mit Fraktionschefin Sibyll Klotz fühlen sich mit 9,1 Prozent noch ganz gut bedient. Nun ist Wowereits Partei in einer Situation wie sie sein Förderer Gerhard Schröder so sehr liebt ­ mit vielen Optionen. Schröder war es auch, der seine Berliner Genossen zu Koalitionsverhandlungen mit FDP und Grünen drängte. Das Rote Rathaus sollte ihm als Experimentierwerkstatt für 2002 dienen.

Doch es wuchs nicht zusammen, was nicht zusammengehört. Nach vier Wochen hatten sich Grüne und Liberale nichts mehr zu sagen. Der Weg für Verhandlungen zur Bildung einer Koalition von SPD und PDS war frei. Das politisch spannendste Unternehmen seit der Wiedervereinigung in der Werkstatt der Einheit Berlin konnte beginnen.

Ob es gelingen kann? Gysi und Wowereit und deren so unterschiedliche Genossen müssen eine Stadt mit knapp 80 Milliarden Mark Schulden sanieren. Ob sie die drastischen Einsparungen gegen die Gewerkschaften, gegen ihre eigene Klientel und ihre eigenen Traditionen durchsetzen werden? Wenigstens eine Art Kulturrevolution ist Wowereit schon gelungen. Denn der Kontrast zwischen dem alten und dem neuen Stadtoberhaupt könnte kaum größer sein. Zeigte sich der Preußen-Fan Diepgen in seiner Freizeit gern mit Gattin vor dem Ferienhaus in der Lüneburger Heide, fliegt Genießer "Wowi" lieber zum Golfen nach Dubai, schwingt das Tanzbein auf fast jedem Ball der Stadt und wird ­ mit einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung ­ wenige Wochen nach der Wahl zum "Regierenden Partymeister" Berlins ausgerufen.

Sein Outing ("Ich bin schwul, und das ist auch gut so") hat ihn nicht nur bekannt, sondern sogar beliebt gemacht. Ganz selbstverständlich präsentiert er der Berliner Gesellschaft nach der Wahl seinen Lebensgefährten.

So wie Diepgen zur Mauer- und Beamtenmetropole passte, verkörpert Wowereit den Aufbruch des neuen Berlin, der flippigen Hauptstadt mit Love Parade und Christopher Street Day.

"Berlin ist und bleibt gewissermaßen auffällig, um nicht zu sagen exzentrisch", sagt Wowereit. Und er fügt hinzu, als würde er über sich selbst sprechen: "Exzentriker werden, wie Sie wissen, geliebt oder verabscheut."

STEFAN BERG