Bagels im Sonnenschein: Herbst kann auch schön sein
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELKochen ohne Kohle »Everything Bagels« mit »Schmear« – für 50 Cent das Stück
Im Sommer hatte ich das große Privileg, für einige Wochen durch die USA zu reisen. Als essensverrückter Europäer ist ein Besuch in den Staaten spannend, weil das Zusammenspiel von europäischen Auswanderern und amerikanischem Erfindergeist die Kulinarik der Welt stark verändert hat. So haben erst die an der Westküste lebenden Italienauswanderer dafür gesorgt, dass Pizza in der Welt berühmt wurde. »Bis zu den Fünfzigern kannte man sie nur in Neapel«, sagte Gastroforscher Alberto Grandi dem SPIEGEL . Für Grandis norditalienischen Vater sei Pizza sogar in den 1970ern noch »so exotisch wie Sushi« gewesen.
Neue Zubereitungsformen und fleischige Beläge aus den USA wurden nach dem Zweiten Weltkrieg auch im Ursprungsland beliebt. Diesen »Pizza-Effekt « kann man auch bei Nichtessbarem finden. So wurde etwa die grün gefärbte »St. Patrick’s Day Parade« von ausgewanderten Iren in den USA erfunden und erst viel später nach Irland zurückexportiert.
Auf meiner US-Reise habe ich mich aber weder in Pizza noch in den St. Patrick’s Day verliebt, sondern in Bagel. Auch die brachten Auswanderer nach Nordamerika, polnisch-jüdische genauer gesagt, und das schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ein rundes Gebäck namens »Beigel« kannte man in Osteuropa mindestens seit dem 16. Jahrhundert, es erreichte aber erst durch die Verfeinerung in den USA weltweiten Kultstatus und gilt vielen heute als typisches US-Gericht.
Insbesondere die Varianten »Schmear« (mit Frischkäse) und »Lox« (mit Räucherlachs) kann man in den USA in kleinen »Delicatessen« genannten, jüdischen Feinkost-Imbissen finden. Weil sich aber nicht jeder koscher ernähren will, ist auch die Variante mit Bacon, Ei und Käse vom Eckkiosk ziemlich begehrt – meist schmierig in Alufolie eingewickelt. In Kanada wiederum werden Bagels oft süßer gegessen und in Zuckerwasser gekocht.
Mir hat es besonders die »Everything«-Variante mit einer wilden Körnermischung angetan, die bei jeder Bäckerei etwas anders aussieht: Manche hatten zusätzlich zu Sesam und Mohn auch Zwiebel- oder Knoblauchflocken auf sich, andere überraschten mit kandiertem Bacon, Meersalz, Haferflocken oder Fenchel. Was ich mitgenommen habe: Man darf sich austoben – »Everything« heißt wirklich »Everything«. Leider musste ich für einen belegten Bagel in den USA gern mal zehn bis zwölf Dollar auf den Tisch legen.
Und zurück in Deutschland? Beim Bäcker sehe ich hier in Norddeutschland selten Bagels. Im Supermarkt gibt es sie nur knochentrocken und, wie ich finde, immer noch ziemlich überteuert dafür, dass es sich um einen einfachen Hefeteig handelt. Also habe ich probiert, sie selbst zu machen – und das war so leicht, dass ich das Rezept heute gern teilen möchte. Die einzige Besonderheit bei Bagels ist, dass die Teiglinge vor dem Backen ganz kurz in Wasser gekocht werden. Dadurch werden sie etwas zäher, was sich schlecht anhört, in diesem Fall aber eine gute Sache ist. Dreimal so lange wie sonst an seinem Brötchen kauen zu dürfen, ist beim Bagel nämlich der halbe Spaß.
Das benötigt man für acht Everything-Bagels mit Kräuter-Schmear
Ei und Milch benötigt man nur für die »Eggwash« genannte Glasur – Veganer:innen können auch Sojamilch mit Kurkuma nehmen.
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELFür die Bagels
500 g Weizenmehl, Type 1050
1 EL Zucker
1 TL Salz
1/2 Würfel frische Hefe (oder 1 Beutel Trockenhefe)
300 ml lauwarmes Wasser
100 g Saaten/Kerne, z.B. Leinsaat, Sesam oder Sonnenblumenkerne. Oder man rastet aus und wirft alles drauf, was man findet. Es gibt keine Regeln!
1 Ei und einen Schluck Milch zum Einpinseln, als vegane Alternative eignet sich Sojamilch mit einer Prise Kurkuma
Für den Schmear
300 g Frischkäse
4-5 Lauchzwiebeln
Frische Kräuter wie Dill, Petersilie oder Schnittlauch
Etwas Salz und Pfeffer
Komplett optional: Beläge wie rote Zwiebeln, Kapern, Tomaten, Radieschen, Gurken, Räucherlachs (oder die deutlich günstigere, vegane Alternative). Auch hier ist alles erlaubt.
Was kostet das? Etwa vier Euro für acht Stück – also 50 Cent pro Bagel. Noch günstiger wird es, wenn man nicht wie ich den teuren Kernemix nimmt und nur Sonnenblumenkerne verwendet.
Wie lange dauert das? Etwa 30 Minuten Arbeit plus mindestens eine Stunde Teigruhe und 20 Minuten Backzeit
So leicht macht man Bagels selbst
Bagels selbst gemacht
Die Hefe mit einer Prise Zucker in das warme Wasser einrühren und zehn Minuten aufwachen lassen.
Mehl, Salz, Zucker und das Hefewasser in einer Schüssel mit einer Gabel grob verrühren, bis kein Wasser mehr zu sehen ist. Dann mit den Händen oder einem Handrührgerät kurz durchkneten. Der Teig wird klebrig, aber das ist okay. Abgedeckt sollte er nun für eine bis eineinhalb Stunden bei Zimmertemperatur ruhen und gehen dürfen. Alternativ stellt man den Teig über Nacht in den Kühlschrank und macht die Bagels erst zum Frühstück. Dieser kalt geführte Teig hat eine etwas knackigere Kruste.
Die Lauchzwiebeln und Kräuter grob hacken und in den Frischkäse einrühren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und im Kühlschrank lagern.
Den aufgegangenen Teig auf die Arbeitsplatte geben und in acht etwa gleich große Stücke teilen. Diese mit der Hand zu Bällchen formen und noch einmal zehn Minuten ruhen lassen, am besten in einem angefeuchteten Geschirrhandtuch.
Einen großen Topf mit Wasser aufsetzen und den Backofen auf 190 Grad (Ober-/Unterhitze) vorheizen. Optional: Das Wasser leicht süßen, wenn man süßere Bagels möchte.
Ei und Milch in einem tiefen Teller oder einer Schüssel verrühren, die Körnermischung in einen weiteren tiefen Teller geben.
Die Teigbällchen in die Hand nehmen und mit Daumen und Zeigefinger ein Loch in die Mitte drücken, bis man durchgucken kann. Man kann die Teiglinge auch noch etwas auf den Fingern rotieren lassen, um das Loch zu vergrößern.
Die Teiglinge für zwei Minuten im heißen Wasser kochen. Nach der ersten Minute einmal umdrehen. Dann vorsichtig herausnehmen, auf ein mit Backpapier ausgekleidetes Backblech legen und kurz abkühlen lassen.
Nun die gekochten Teiglinge mit dem Eier-Milch-Gemisch einpinseln (oder einfach reintunken) und danach im Teller mit den Körnern wenden und dann zurück aufs Blech legen.
Die Bagels etwa 20 Minuten im vorgeheizten Backofen ausbacken, bis sie goldbraun sind. Vor dem Essen noch mindestens zehn Minuten im geöffneten Ofen auskühlen lassen, in der Zeit gart der Teig noch etwas weiter.
»Everything Bagels« selbst gemacht: Außen knusprig, innen fluffig
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELDie fertigen Bagels lassen sich zwei Tage aufbewahren, am besten geht das in einer Papiertüte oder einem Brotkasten. Man kann die Bagels nach dem Abkühlen auch halbieren und in einer Plastiktüte einfrieren. So lässt sich jeden Morgen genau einer zum Frühstück auftoasten. Viel Spaß beim Nachbacken!
Übrigens: Ich habe selbst polnische Wurzeln. Dass ich den bei meinen Vorfahren wahrscheinlich sehr bekannten Beigel erst in den USA für mich entdecken musste, ist mein ganz persönlicher Pizza-Effekt.
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Anmerkung der Redaktion: Ein Beutel Trockenhefe ist in etwa das Äquivalent zu einem halben Würfel Frischhefe. Wer, wie zuvor hier angegeben, nur eine halbe Tüte Trockenhefe verwendet, wird länger auf den Teig warten müssen. Wir haben die Stelle im Rezept korrigiert.