Die Gewinner der Krise "Stärker als je zuvor"
Ottobrunn - Leicht hätten die Anschläge von 11. September auch für Farhad Farassat zur Katastrophe werden können. Die seit Monaten andauernde Krise im Halbleiter-Markt hatte seiner Firma F & K Delvotec als Zulieferer der großen Chiphersteller schon vorher zu schaffen gemacht. Jetzt aber blieben die Bestellungen erst einmal aus.
Hinzu kam die Unsicherheit, ob Farassats Abstammung zum handfesten Problem werden würde. Als gebürtiger Iraner hatte der Ingenieur allen Grund zu der Sorge, in der aufgeheizten Stimmung von dem Generalverdacht erfasst zu werden, der sich gegen Bürger islamischen Glaubens richtete. Schnell hätte da das Geflecht von Geschäftsbeziehungen zerfleddern können.
"Stärker als je zuvor"
Doch die Sorgen erwiesen sich als gegenstandslos. Inzwischen, drei Monate nach den Anschlägen, ist von Katastrophenszenarien nicht mehr die Rede. Im Gegenteil - wo andere Unternehmen im Halbleiter-Markt Stellen abbauen, ist man bei Delvotec noch immer auf der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Wo die Konkurrenten mit Umsatzwarnungen schrecken, bereitet sich Farassat auf den nächsten Wachstumsschub vor. "Nach der Krise werden wir stärker dastehen als je zuvor", sagt er mit der Gewissheit von jemandem, der die Krise bereits hinter sich weiß: "Wir werden im nächsten Geschäftsjahr wieder an die Wachstumsraten der vergangenen Jahre anknüpfen können."
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Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre, das waren regelmäßig immerhin rund 30 Prozent jährlich, was angesichts des eng umgrenzten Marktes, in dem sich Delvotec bewegt, umso bemerkenswerter ist. Hier geht es um Maschinen, mit denen die empfindlichen Chips verschweißt werden - die so genannte Bond-Technik. Sechs Firmen auf der ganzen Welt können diese hochspezialisierte Technik liefern. Delvotec ist der Chef im Ring, Farassat - der Spiritus Rector - hält die meisten Patente, 18 nationale und internationale an der Zahl. Die Liste der Delvotec-Kunden liest sich wie das Who's who der Chip-Hersteller: Bosch und Philips gehören ebenso dazu wie Motorola und Infineon.
Seitdem Farassat und sein Kollege Said Kazemi die Firma 1993 von ihren Arbeitgebern im Rahmen eines so genannten Management-Buy-outs übernahmen, hat sich der Umsatz verzehnfacht. Inzwischen erwirtschaftet Delvotec mit weltweit insgesamt 160 Mitarbeitern trotz Krisenbremse rund 100 Millionen Mark pro Jahr.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie der Farassat seine Ersparnisse zusammenkratzte, um Delvotec zu kaufen - und wie er den Pleitekandidaten zum Marktführer machte.
Dass Farassat das schaffen würde, hatten ihm die wenigsten zugetraut, denn 1993 stand die Firma noch kurz vor dem Ruin. "Als wir anfingen, hatte Delvotec gerade ein Geschäftsjahr mit 16 Millionen Mark Verlust hinter sich", erinnert sich der Ingenieur, der damals noch Entwicklungsleiter war. Der damalige Delvotec-Besitzer, der Werkzeug-Hersteller Black & Decker, schien kein Rezept zu finden, um den Niedergang aufzuhalten. Als Farassat schließlich kündigte, weil er in der Firma keine Perspektive mehr sah, boten ihm die Black & Decker-Manager Delvotec kurzerhand für sechs Millionen Mark zum Kauf an. Sie hatten erkannt, dass die Firma ohne ihren Entwicklungschef ohnehin keinen Wert mehr hätte.
Zusammen mit Kazemi kratzte Farassat alle Ersparnisse zusammen, lieh Geld von Freunden und kaufte seinen ehemaligen Arbeitgeber. Das Manager-Duo krempelte das Unternehmen völlig um. Der Schwerpunkt wurde zunächst auf die Entwicklung einer neuen Gerätegeneration verlegt, für die Farassat die Pläne schon im Kopf hatte. Kazemi bereitete den Ausbau der Niederlassung in den USA vor, mit der er heute rund 30 Prozent zum Umsatz beiträgt.
Die Mercedes-Klasse der Micro-Schweißgeräte
Der Erfolg kam selbst für Ungeduldige überraschend schnell. Schon im ersten Jahr gelang der Sprung in die Gewinnzone. Bei zehn Millionen Mark Jahresumsatz stand am Ende eine Million Gewinn. Inzwischen ist Delvotec längst schuldenfrei. Die Unternehmensberatung Ernst & Young verlieh Farassat die Auszeichnung "Entrepreneur des Jahres 2001"
Farassat selbst führt den Erfolg darauf zurück, dass er sich selbst in diesem hochspezialisierten Markt noch einmal auf ein einzelnes Segment beschränkt hat. Delvotec baut die Mercedes-Klasse der Bond-Maschinen. Sie kommen dort zum Einsatz, wo höchste Zuverlässigkeit gefragt ist und ein Ausfall Milliarden oder gar das Leben kosten würde, etwa im Satellitenbau und in der Medizintechnik: "Als kleine Firma haben wir nur eine Chance, wenn wir die beste Technologie der Welt anbieten", lautet Farassats Credo.
Was ursprünglich als Selbstbeschränkung gedacht war, weil Farassat sich der begrenzten Fertigungskapazitäten seiner kleinen Firma sehr wohl bewusst ist, erweist sich in der Krise als handfester Vorteil. Denn in dem Qualitätssegment der Halbleiterindustrie wirken sich die Konjunkturschwankungen nicht so drastisch aus wie in den Bereichen, die mit der Produktion von Unterhaltungselektronik befasst sind. Hinzu kommt, dass hier die Gewinnmargen viel höher sind.
Unverbrüchliche Treue
Doch trotz aller technischen Finesse der Delvotec-Bonder - ohne seine Mannschaft, darauf weist Farassat immer wieder hin, wäre der Erfolg nie möglich gewesen. Seinen Mitarbeitern schenkt der Chef denn auch viel Aufmerksamkeit. Pro Tag nimmt er sich ein bis zwei Stunden Zeit, um mit möglichst vielen ein kurzes Gespräch zu führen. "Dabei kommen viele wertvolle Anregungen, aber auch der ein oder andere persönliche Wunsch, auf den man dann schnell reagieren kann", sagt Farassat.
Auch die Transparenz der Entscheidungsfindungen liegt Farassat sehr am Herzen. Seine Abteilungsleiter müssen ihren Mitarbeitern über die wöchentlichen Besprechungen genauestens berichten. Und zweimal im Jahr legt der Chef vor versammelter Mannschaft alle Unternehmenszahlen auf den Tisch.
Die Delvotecler revanchieren sich wiederum mit hohem Einsatz und unverbrüchlicher Treue: Von den 40 Mitarbeitern der ersten Stunde sind immer noch 36 im Unternehmen, der Krankenstand liegt, so Farassat, bei weniger als einem Prozent.