Nachruf auf Elli Schulz (Geb. 1913): Elli rennt
Sie, die Eltern und die beiden Brüder, das waren „Die fünf Oscaris“, Artisten, die im Wintergarten und im Circus Krone auftraten. Nach dem Krieg spielte sie Akkordeon und schneiderte Mäntel. Mit 70 wurde sie noch Masseurin. Der Nachruf auf eine Frau in Bewegung
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Halb sechs, hopp, mit einem Satz aus dem himmelblau bezogenen Bett, drei Schritte nach vorn, die Beine hüftbreit, mit dem Oberkörper kreisen, als kurze Aufwärmübung, dann geht’s los mit dem Frühsport, hinunter auf einen flauschigen rosa Vorleger, die Beine gestreckt, die Arme durchgedrückt, und: eins, zwei, drei ... Liegestütze wie ein Brett, hoch, runter, ohne Schwanken, ohne Ächzen. „So“, sagt Elli, wieder auf den Füßen, und läuft flink ins Badezimmer, nimmt einen kleinen, runden Spiegel und eine Schere, besieht ihren Bubikopf, einige Locken springen störrisch hervor, ein gekonnter Schnitt und noch einer, auch am Hinterkopf, einmal im Monat schneidet sie sich die Haare selbst, die Friseure von heute haben ja nicht mehr das richtige Fingerspitzengefühl. „So.“ Dann geht es in die Küche, Schrank auf, Tasse raus, Caro-Kaffee, eine Vollkornstulle, Margarine, Honig, weiter in die Wohnstube, Peterle, der Kanarienvogel in seinem Käfig ist schon außer Rand und Band, „Ja, ja, du kommst auch ran“, Teller und Tasse auf dem Tisch abgestellt, „so“, eine Krume vom Brot in den Vogelbauer geschoben, dann selbst ein paar Happen, ein paar Schlucke, „so“, und weiter zum Kleiderschrank, diese Bluse heute und dieser Rock, Tasche, Jacke, Schlüssel und raus, auf die Straße. Elli rennt. Sie ist 91.
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