
© Universal/Stephen M. Katz
Heiß die Segel! Seetüchtiger Shanty Rock mit Santiano: Für diese sechs Konzerte in Berlin gibt es noch Karten
Obwohl sie von der Kritik verschmäht werden, sind Santiano die erfolgreichste deutsche Rockband diesseits von Rammstein. Dies sind unsere Konzertempfehlungen für die kommende Woche.
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Und für den Fall, dass Sie keine Seemannsromantik mögen: Von virtuosem Gitarrenjazz und Songwriter-Folk über schnörkellosen Hardrock und Dubstep-Soul bis zum traumverlorenen Psychedelic-Pop einer weltenbummelnden Französin haben wir Alternativen für Sie ausgewählt.
1 Santiano

© Chris Heidrich
Dass die „seriöse“ Musikkritik – vielleicht mit Ausnahme von Jens Balzer – beim Thema Santiano reflexartig in Häme und Sarkasmus verfällt, dürfte Deutschlands maritime Vorzeigerocker herzlich wenig scheren.
Bislang hat noch jedes der acht seit 2012 veröffentlichten Alben der Schleswig-Holsteiner die Spitze der Charts erreicht. Nur Rammstein haben in diesem Zeitraum in Deutschland ähnlich viele Platten verkauft.
Und natürlich ist es einfach, sich über Santianos seebärigen Shanty Rock mit ulkigen Songtiteln wie „Mädchen von Haithabu“, „Gott muss ein Seemann sein“ oder „The Fiddler on the Deck“ zu mokieren.
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Doch die unzynische Aufrichtigkeit der Texte, die sturmerprobte Melodieseligkeit ihrer Männerchoräle und die überraschenden Instrumentierungen legen nahe, diese Kaperfahrer aus dem hohen Norden nicht zu unterschätzen.
2 Biréli Lagrène

© Zig Zag/Promo
„15“ hieß das Album, mit dem Biréli Lagrène 1982 beim renommierten Label Island seinen Einstand gab. Denn gerade mal 15 Jahre alt war der im elsässischen Soufflenheim geborene Musiker, als die Platte, bereits seine dritte, live mitgeschnitten wurde.
Biréli Lagrène galt als Wunderknabe auf der akustischen Jazzgitarre. Nicht nur der Titel seines Debüts „Routes To Django“, bei dessen Aufnahme er erst 13 war, weckte Hoffnungen, der junge Virtuose aus einer musikalisch vorgeprägten Sinto-Familie könne womöglich die Nachfolge des legendären Django Reinhardt antreten.
Auch Lagrènes quecksilbrige Improvisationen ließen Erinnerungen an den Meister des Gypsy Jazz aufkommen. Auf das Etikett des Reinhardt-Nachfolgers mochte sich Biréli Lagrène nicht festlegen lassen und erweiterte sein Repertoire in zeitgenössische Jazz- und sogar Rock- und Pop-Gefilde.
Im Laufe seiner Karriere arbeitete er mit Größen wie Stéphane Grappelli, Larry Coryell, Paco de Lucía oder Al Di Meola zusammen. Das fantastisch eingespielte Biréli Lagrène Quartet operiert im Spannungsfeld zwischen Tradition und Gegenwart des Jazz.
3 Tyler Ballgame

© Hollie Cunningham
Obwohl er unermüdlich in Coverbands und Open-Mike-Wettbewerben seine Rampensauqualitäten trainierte, war Tyler Ballgame Anfang der 2020er-Jahre von seinem Lebenstraum weit entfernt.
Erst der Umzug vom nebligen New England nach Los Angeles brachte seine Karriere in Schwung. Unter der kalifornischen Sonne blühten Ballgames Talente auf.
Sein Debütalbum „For the First Time, Again“ ist eine wunderbare Hommage an die Songwriter-Legenden der goldenen Westcoast-Ära. Und Tyler Ballgame vom Glück geküsst, wie ausverkaufte Konzerte und hymnische Kritiken belegen.
4 Melody’s Echo Chamber

© Diane Sagnier
Die Französin Melody Prochet, geboren 1987 bei Aix-en-Provence, verfolgt seit circa 15 Jahren einen Karriereverlauf, der mit „erratisch“ noch zurückhaltend umschrieben ist.
Ihre Spielwiese ist das weite Feld der Neo-Psychedelia. Dort konnte sie sich ab 2012 an der Seite ihres damaligen Lebensgefährten Kevin Parker hemmungslos ausleben.
Parker, Mastermind der australischen Neo-Psych-Überflieger Tame Impala, war mitverantwortlich für den Sound des namenlosen Debütalbums, über dessen kaleidoskopisch aufgefächertem Klangspektrum Prochets ätherischer Feengsang schwebte.
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Melody’s Echo Chamber war auf Anhieb eine feste Größe in der globalen Freak-Pop-Szene, die Tame-Impala-Connection half. Doch ehe die Songs für ein zweites Album fertig waren, löschte Prochet die Bänder, als die Beziehung mit Parker zerbrach.
Melody Prochet ging nach Schweden, wo sie mit Musikern der Psych-Bands Dungen und The Amazing am zweiten Album arbeitete. „Bon Voyage“, eine Wundertüte aus betörendem Tropicália-Folkpop und Progrock-Mutationen, sollte 2017 erscheinen, musste aber auf Eis gelegt werden, weil Prochet bei einem Unfall eine Wirbelsäulenfraktur und ein Hirnaneurysma erlitt.
Auch nach der Veröffentlichung 2018 ging es seltsam weiter. Prochet zog sich ins Privatleben zurück und gründete eine Familie. Die Meditationsmusik ihres Mannes inspirierte sie zum 2022 erschienenen „Emotional Eternal“, das für Prochets Verhältnisse fast minimalistisch klingt: kein Aufbruch zu neuen Ufern, sondern ein Werk des Heilens.
„Unclouded“ heißt nun vielsagend das vierte Album von Melody’s Echo Chamber. Nicht nur haben sich die privaten Wolken verzogen, auch musikalisch atmet alles Klarheit und Zugänglichkeit, ohne das Element der Überraschung zu vernachlässigen.
Abermals hat Prochet eine illustre Studiotruppe aus ihrer Wahlheimat Schweden eingeladen. Die delikaten Streicherarrangements stammen vom Lounge-Music-Experten Sven Wunder, Reine Fiske von Dungen spielt labyrinthische Gitarrensoli, Rhythmusgitarre und Bass steuern Daniel Ögren und Love Örsan von Dina Ögon, einer weiteren schwedischen Psych-Pop-Institution, bei.
Die Zutat X im hypnotischen Soundmix ist aber Schlagzeuger Malcolm Catto (Ex-Heliocentrics), dessen von Hip-Hop und Afrobeat geprägtes Spiel den Songs eine rhythmische Präzision verleiht, über der Melodys Prochets Gesang verführerisch frei flottieren kann.
5 Stone

© Charlie Harris
Seien wir ehrlich: Auch wenn er die unprätentiöse musikalische Wucht des Quartetts aus Liverpool gut einfängt, ist der quasi ungoogelbare Bandname Stone suboptimal.
Außer, er entwickelte sich zum Markenzeichen für den schnörkellosen, an Vorbildern wie Foo Fighters oder Oasis geschulten Sound, mit dem Sarah Surrage, Elliott Gill, Fin Power und Alex Smith (Foto, von links) die Welt aus den Angeln zu heben trachten.
Auf dem zweiten Album mit dem selbstbewussten Titel „Autonomy“ klappt das schon recht gut. Dass die Texte ihrer melodischen Krawallkracher gesellschaftskritische Untertöne transportieren, unterstreicht das Potenzial dieser vielversprechenden Band.
6 Jamie Woon

© Fabrice Bourgelle
Mit einem Hybrid aus warmem Soulgesang, jazzigen Vibes und avantgardistischem Dubstep traf der Brite Jamie Woon auf seinem Debütalbum „Mirrorwriting“ vor 15 Jahren den Zeitgeist.
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Leider war kurz zuvor das Debüt seines Landsmanns James Blake erschienen, das ganz anders klang, aber ähnlich schubladisiert wurde – und Woons Werk überschattete.
Vielleicht auf lange Sicht eine glückliche Fügung, konnte das Universaltalent aus London doch unbehelligt von einer hypegeilen Medienmaschine seinen Personalstil verfeinern, der sich 2025 im schönen dritten Album „3, 10, why, when“ manifestierte.
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