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70 Jahre Befreiung von Auschwitz: Unser Ort
Vor 70 Jahren hat die Rote Armee das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten befreit. Auschwitz steht als Synonym für den Zivilisationsbruch – durch ihn erfährt das Gedenken seine menschlichen Grenzen. Ein Essay.

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Zwei Silben, die einen Menschheitsschrecken bezeichnen. Das Wort Auschwitz ist bis heute nicht nur der Inbegriff für den Völkermord an Europas Juden sowie auch den Sinti und Roma. Der Name bedeutet auch eine ungeheure Projektionsfläche. War das biblische Menetekel nur eine Warnung, gehören alle Vorstellungen von der Apokalypse und dem weltendenden Armageddon noch dem Mythos an, so war Auschwitz Realität.
Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang: Realität?
Man hat Auschwitz eine „industrielle Todesfabrik“ genannt und einen „Zivilisationsbruch“. Weil Auschwitz als Hauptschauplatz der von den Nationalsozialisten – in ihrem Mörderbürokratendeutsch – beschlossenen „Endlösung der Judenfrage“ außerhalb aller gewöhnlichen Rationalität zu liegen schien. Technokraten ließen mitten in einem Weltkrieg und fern jeder militärischen Logik tausende Züge durch Europa rollen, um Menschen jeden Alters, nur weil sie Menschen waren, an ihrem Bestimmungsort in Asche zu verwandeln. Soweit ein Teil der Opfer zuvor nicht noch kurze Zeit als Arbeitssklaven oder als Versuchsmaterial rassistischer Mediziner missbraucht wurde.
War jene nationalsozialistische Rassenideologie auch Wahnsinn, so hatte ihre gleichsam staatsterroristische, alle Werte der vermeintlich aufgeklärten Kultur umstürzende Verwirklichung doch Methode. Liest man die über 200 Druckseiten umfassenden autobiografischen Aufzeichnungen des 1947 an seinem Tatort gehenkten Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß oder hat man die filmisch protokollierten Aussagen des Holocaust-Organisators Adolf Eichmann 1961 im Jerusalemer Prozess gehört, dann sprachen da tatsächlich zwei auf „Disziplin und Ordnung“ versessene Büro-Technokraten des Todes. Oder moderner gesagt: zwei Manager des Massenmordes. Die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) war ihr empathiefreier, gleichsam entpersönlichter Sadismus, und mehr als die in der menschlichen Geschichte immer wiederkehrende Grausamkeit bezeichnete ihre Perversion der Vernunft den besonderen, einmaligen „Zivilisationsbruch“.
„Nie wieder Auschwitz!“, rief Bundesaußenminister Joschka Fischer zu Zeiten des Balkankrieges aus. Dieser Botschaft wird kein gesitteter Mensch widersprechen. Aber kann Auschwitz vom politischen Alltag oder dem feiertäglichen, trauertäglichen Gedenken so ohne Weiteres symbolisch vereinnahmt werden?
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