Ausgesprochen KAPUSTE: Berliner in Oberbayern
Ab und zu flackern sie noch auf, die Auseinandersetzungen zwischen Ost und West, mal bierernst, mal ironisch und manchmal absurd, wenn zum Beispiel die zu DDR-Zeiten ohne ästhetische Rücksichten betriebene Freikörperkultur als Errungenschaft gepriesen wird.Ich halte mich, wenn es irgendwie geht, als Wessi heraus, denn ich war schon mal einer.
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Ab und zu flackern sie noch auf, die Auseinandersetzungen zwischen Ost und West, mal bierernst, mal ironisch und manchmal absurd, wenn zum Beispiel die zu DDR-Zeiten ohne ästhetische Rücksichten betriebene Freikörperkultur als Errungenschaft gepriesen wird.
Ich halte mich, wenn es irgendwie geht, als Wessi heraus, denn ich war schon mal einer. In meiner Kindheit. Das reicht fürs Leben. Zwar nicht ein Wessi wie heute, sondern nur eine andere Art Wessi. Ein „Wessi“, der aus dem Osten kam, aus Berlin.
Im Jahr 1944 landete meine Familie, in Berlin bereits 1943 ausgebombt, in Holzkirchen. Im tiefsten Oberbayern trafen wir auf Menschen, die ähnlich wie die Brandenburger . den Vergleich lasse ich lieber, er könnte wütende Leserbriefe provozieren. Ich versuche es besser so: Wir waren, um es gelinde auszudrücken, unerwünscht, weil wir erstens Berliner und zweitens nicht katholisch waren, drittens schneller und anders sprachen und viertens nichts hatten und deshalb von den Einheimischen durchgefüttert werden wollten. Wir waren Saupreiß’n, Daherg’lauf’ne, Oberschlaue. Und als der Strom der Evakuierten, Ausgebombten und Flüchtlinge immer mehr anschwoll, waren dies alles Preiß’n, egal ob sie aus Köln, Berlin oder Schlesien kamen. Wir waren Leute, die frech behaupteten, bei ihnen sei alles besser gewesen, und dass ihre Aborte Wasserspülung hatten und dass es die und nicht der Butter heiße. Als der Krieg zu Ende war, beschuldigte man uns, wir hätten ihn angefangen und auch verloren. Das hat mich sehr gekränkt, war ich mir doch mit meinen gerade mal acht Jahren keiner Schuld bewusst.
Es dauerte, bis zumindest wir Kinder angenommen wurden. Ein erster Schritt hierzu war, dass ich einmal zu den Schülern gehörte, die, weil unter ihrer Arbeit „faul“ stand, zum „Tatzen“-Empfang, zum Rohrstockdreschen auf die blanken Hände, nach vorne mussten. Ich allerdings aus Blödheit, weil ich das Korrekturzeichen „V“ vom Fräulein Vogel für die Abkürzung von „vaul“ gehalten hatte. Wir zogen nach einiger Zeit aus Holzkirchen weg, blieben aber in Oberbayern. Wir Kinder fielen nicht mehr auf, weil wir mittlerweile bayerisch sprachen, und meine Mutter wurde als Fränkin toleriert. Kritisch wurde es, als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Er hatte leider vieles nicht mitbekommen und berlinerte drauflos, verlangte beim Bäcker „Schrippen“ und meinte gelegentlich, die Bayern stammten von den Fußkranken der Völkerwanderung ab. Was nicht gut ankam.
Es ist schon einige Zeit her, dass mir ein alter Mann in einem bayerischen Heimatmuseum, dabei auf in einer Ecke aufgeschichtete Kanonenkugeln deutend, stolz sagte, man habe mit ihnen „auf’d Preiß’n g’schoss’n“. Ich habe nur genickt und mir ein „aber nicht getroffen!“ verkniffen. Nach 1990 habe ich mir auch so manches verkniffen.
Unser Autor ist ehemaliger Stadtverordneter der CDU und war Vorsitzender des Ausschusses für Kultur. Er lebt in Eiche.
Eberhard Kapuste
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