Mauerbau vor 65 Jahren in Berlin: „Die jungen Besucher berühren besonders die Geschichten der Todesopfer“
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Ein Mädchen wirft ihrem Spielgefährten, der in dem ehemaligen Todesstreifen steht, einen Ball über die Mauer an der Bernauer Straße zu. (Foto: 19.06.1990)

© imago/epd

Mauerbau vor 65 Jahren in Berlin: „Die jungen Besucher berühren besonders die Geschichten der Todesopfer“

Die Mehrheit der Deutschen hat keine persönliche Erinnerung an den Mauerbau. Wie bringt man Kindern und Jugendlichen das Thema näher? Ein Gespräch.

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Frau Bellmann, im Prinzip wissen die meisten, dass am 13. August vor 65 Jahren in Berlin die Mauer errichtet wurde. Diesen Tag können aber nicht einmal mehr 20 Prozent der Deutschen mit persönlichen Erinnerungen verknüpfen. Etwa ein Drittel der Deutschen hat nicht einmal den Mauerfall miterlebt. Sie sind Kuratorin für Bildung und Vermittlung bei der Gedenkstätte Berliner Mauer. Wie sehr beeinflusst die demografische Entwicklung ihre tägliche Erinnerungsarbeit?
Zum einen ist es ein großer Verlust, wenn immer mehr Zeitzeugen sterben. Nur sie können die Geschichte aus einer ganz persönlichen Perspektive berichten und uns erzählen, wie genau die Menschen den Tag des Mauerbaus in der Bernauer Straße erlebt haben. Unsere Arbeit besteht ja auch darin, diese Geschichten für künftige Generationen zu dokumentieren. Außerdem haben 2025 in der Stiftung Berliner Mauer mehr als 200 Zeitzeugengespräche stattgefunden.

Bei unseren jungen Besuchern haben in der Regel die Eltern den Mauerfall noch selbst miterlebt. In den Familien wird auch zwischen Eltern, Kindern, Großeltern und Enkeln immer noch darüber gesprochen, wie sehr die Mauer das Leben der Menschen geprägt hat. Die Jugendlichen, die zu uns kommen, wissen außerdem aus Dokumentationen, Filmen und Büchern schon einiges darüber. Da kommen sehr viele Fragen, wodurch sich sehr interessante Gespräche entwickeln.

Merkt man denn bei den Führungen, dass bei den jungen Leuten ganz andere Fragen auftauchen als früher?
Man merkt, dass die Jugendlichen heutzutage ihr Wissen über die Teilung aus neuen Quellen ziehen. Sie haben Geschichten rund um die Berliner Mauer und die DDR in Videos bei den sozialen Medien gesehen. Wenn sie bei uns sind, wollen sie dann gegenchecken, ob das, was sie gesehen haben, auch stimmt.

Was ich mitbekomme, sind sehr interessierte, aufgeweckte Jugendliche, die mit Quellen aus dem Internet durchaus kritisch umgehen, auch weil sie das in der Schule lernen. Also, einerseits ist es gut, dass der Zugang zu historischen Quellen mittlerweile sehr niedrigschwellig ist, andererseits erfordert das sehr viel kritisches Denken. Das gilt aber nicht nur für Jugendliche.

Spielende Kinder vor der Berliner Mauer in Kreuzberg; Aufnahmedatum geschätzt
Spielende Kinder vor der Berliner Mauer in Kreuzberg, das Aufnahmedatum ist unbekannt. Im Bild oben: Ein Mädchen wirft ihrem Spielgefährten, der in dem ehemaligen Todesstreifen steht, einen Ball über die Mauer an der Bernauer Straße zu. (Foto: 19.06.1990)

© IMAGO/Sommer

Gibt es also gar nicht so viele Wissenslücken bei den Jüngeren, wie man meinen könnte?
Unsere Besucher und Besucherinnen kommen aus ganz Deutschland, und vor allem bei den Grundschulgruppen merkt man, wie gut die Kinder im Stoff stecken, weil das Teil des Curriculums im Sach- oder im Gesellschaftswissenschaften-Unterricht ist. Das heißt, die kennen schon die historischen Fakten zum Mauerbau, zur Grenzziehung, wie die Leute geflüchtet sind und welche Freiheiten sie in der DDR nicht gehabt haben.

Was wir dann machen, ist, dieses Wissen durch die Begegnung mit historischen Orten und mit persönlichen Geschichten, also Berichten von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, mit Fotos und anderen Quellen zu ergänzen, um das Bild vielfältiger zu machen.

Bildnummer: 55728867  Datum: 13.08.2011  Copyright: 
 Berlin/Mitte-Tiergarten: Die Mauergedenkstätte an der Bernauer Strasse nach dem offiziellen Gedenkakt... Gesellschaft Gedenken Mauerbau Berliner Mauer Bau 50 Jahre Jahrestag xsk 2011 quer o0 Objekte Stange Stangen Stele Stelen Stelenfeld Kind spielen klettern

Bildnummer 55728867 Date 13 08 2011 Copyright Imago PEMAX Berlin centre Tiergarten the Wall Memorial to the Bernauer Road after the official  Society Remembrance Wall Berlin Wall Construction 50 Years Anniversary xSK 2011 horizontal o0 Objects Strange Poles Stele steles Stelae field Child Play Climbing
Die Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße informiert junge und ältere Besucher über persönliche Lebensschicksale rund um den Mauerbau.

© imago/PEMAX

Gibt es unter diesen Berichten Geschichten, die die jungen Besucher besonders erschüttern oder sie vielleicht sogar zu Tränen rühren?
Die Besuchenden berühren besonders die Geschichten der Todesopfer an der Berliner Mauer und Fluchtgeschichten, bei denen ein Teil der Familie in der DDR bleiben musste. Warum riskieren sie die Flucht? Was macht das mit einer Familie, beispielsweise 28 Jahre lang getrennt voneinander leben zu müssen?

Wir blicken da auf die Familie der Politikerin Regine Hildebrandt, geborene Radischewski, die ehemalige Ministerin in Brandenburg. Ihr Bruder Jürgen seilte sich mit seiner Verlobten aus dem Fenster der Wohnung in der Bernauer Straße ab. Das Haus stand im Osten, der Gehweg gehörte schon zu West-Berlin. Das war im September 1961. Regine Hildebrandt und ihre Eltern wollten allerdings in der DDR bleiben. Erst nach dem Mauerfall haben sie sich wiedergesehen. Solch ein Schicksal ist für Kinder natürlich sehr ergreifend.

Und da ist die hochschwangere Helga Knittel, die beim Mauerbau aus dem Fenster auf ein Sprungtuch der Feuerwehr springt, mit ihrer dreijährigen Tochter und ihrem Mann. Da bewegen die Kinder viele Fragen: Ist es den Menschen in dem Moment bewusst gewesen, was sie zurückgelassen haben und was sie auf der anderen Seite der Mauer erwartet hat?

Es soll unter Jugendlichen einen Ostalgie-Trend geben, wobei das diktatorische DDR-Regime teilweise auch verklärt wird. Wie gehen Sie damit um?
Einen solchen Trend haben wir bei unserer Arbeit nur vereinzelt mitbekommen. Für uns ist es aber wichtig, die Geschichte der Berliner Mauer nicht nur über Fluchtgeschichten zu erzählen. Wir thematisieren auch, wie sich die Menschen in der DDR mit dem Regime arrangiert haben. Wo haben sie protestiert und versucht, das System zu verändern?

Jugendliche sind dann auch offen und sagen: „In meiner Familie war das aber ganz anders. Sie konnten ihre Meinung sagen und sind dafür nicht ins Gefängnis gekommen. Wie passt das zusammen?“ Wir erklären dann, dass sich Geschichte aus ganz vielen Berichten und Perspektiven zusammensetzt, und warum diese auch ganz gegensätzlich sein können. Wenn wir diese einzelnen Erfahrungen anschauen, können wir uns ein Bild von der Vergangenheit machen, und die DDR und den Kalten Krieg in ihrer Komplexität besser verstehen.

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