Staatliche Kindeswohlgefährdung: Sozial benachteiligte Kinder werden seit Jahrzehnten um ihre Bildungschancen betrogen
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Statt zu investieren, um Kindern mehr Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen, wird im Bildungsbereich gekürzt, wie etwa in Potsdam.

© Andreas Klaer PNN/Andreas Klaer

Staatliche Kindeswohlgefährdung: Sozial benachteiligte Kinder werden seit Jahrzehnten um ihre Bildungschancen betrogen

Wer in Armut aufwächst, hat schlechte Bildungs- und damit Lebenschancen – vor allem in Deutschland. Seit Jahrzehnten weist eine Studie nach der anderen auf diesen Missstand hin. Geändert hat das nichts. Ein Wutausbruch.

Sascha Karberg
Ein Kommentar von Sascha Karberg

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Ich bin es so leid.

Seit 25 Jahren, mindestens, attestiert eine wissenschaftliche Studie nach der anderen Deutschland eklatantes Versagen in der Bildungspolitik: Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben hierzulande viel weniger Chancen auf gute Bildung und damit sozialen Aufstieg als der Nachwuchs von Bessergestellten. Im internationalen Vergleich mit anderen EU-Ländern ist diese Kluft in Deutschland sogar besonders groß.

Seit der ersten PISA-Studie 2001, diversen OECD-, IQB- oder IGLU-Studien, kann das an keinem Bildungspolitiker, keiner Bundesregierung, keiner Landesregierung vorbeigegangen sein. Jede Untersuchung zur Bildungsgerechtigkeit, oder vielmehr -ungerechtigkeit, hat seitdem das gleiche Ergebnis erbracht, zuletzt vom Leibniz‑Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das mithilfe von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) Bildungsverläufe von der Geburt bis zum Alter von 26 Jahren analysiert hat.

Jugendliche mit niedriger Bildungsherkunft und aus armen Familien haben – bei gleichen schulischen Kompetenzen – ein höheres Risiko, maximal einen Hauptschulabschluss zu erreichen.

„Von der Kita bis zur Uni. Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen“ – Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe LfBi, Bamberg

Aber warum sollte ich das hier überhaupt referieren? Wen interessiert das noch? Jedem ist das Problem bekannt, auch der Bildungspolitik. Doch statt zu investieren, wird gespart. Nicht an Wissen mangelt es der Politik, sondern am echten Willen, tatsächlich etwas zu verändern.

Zwar wird auf Wahlkampfveranstaltungen landauf, landab und in Koalitionspapieren, auch dem jüngsten, vollmundig versprochen, „Bildungsgerechtigkeit“ zu fördern. Allein: Die Bilanz nach zehn Jahren ist mies. Nichts ist besser geworden, im Gegenteil. Sozial benachteiligte Kinder haben in Deutschland heute sogar noch weniger Bildungs- und Aufstiegschancen als vor 25 Jahren. Die soziale Durchlässigkeit ist gesunken. Was immer die Politik, ob im Bund, den Ländern oder den Kommunen, versprochen oder vielleicht sogar versucht hat, es hat nicht gewirkt.

Eine Schülerin der zweiten Klasse sitzt am 19.10.2012 in der Katharinenschule in Hamburg mit aufgestütztem Kopf im Unterricht, aufgenommen durch einen Abakus) Erneut stehen die Leistungen deutscher Grundschüler auf dem internationalen Prüfstand Foto: Daniel Reinhardt/dpa (zu dpa:"Internationale Grundschulstudien werden vorgestellt" vom 10.12.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++ (Name der Rechenhilfe korrigiert)
Eine Grundschülerin beim internationalen Leistungstest IGLU – wer aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommt, schneidet mit höherer Wahrscheinlichkeit schlechter ab.

© dpa/Daniel Reinhardt

Und daher zeigt die LIfBi-Analyse, was auch all die anderen Studien so oder so ähnlich ergaben: dass „soziale Bildungsungleichheiten sehr früh einsetzen und lange stabil bleiben“. Das heißt, Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen sind seltener in Kitas betreut. Seit über zwei Jahrzehnten wird deshalb von Experten eine Kitapflicht gefordert – und von der Politik ignoriert.

Das wirkt sich auf den Wortschatz und die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der Kinder aus, was ihren Schulstart erschwert. „Diese Unterschiede bleiben über die Schulzeit hinweg weitgehend stabil“, so die Studie: Am Ende der Grundschule gehören nur zwölf Prozent der Kinder aus unteren sozialen Schichten zu den Leistungsstärksten in Mathematik, aber 40 Prozent aus hohen sozialen Schichten.

Hinzu kommt: „Kinder von Eltern mit niedrigem beruflichem Status und niedrigem Bildungsniveau werden auch bei gleichen Kompetenzen und gleichen Noten seltener für das Gymnasium empfohlen.“

Aufgrund niedrigerer sozialer Lage niedrigere Schulabschlüsse

In der Sekundarstufe wird es nicht besser: „Jugendliche aus privilegierten Familien erreichen deutlich häufiger die (Fach-)Hochschulreife“, wohingegen nur etwa ein Drittel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt, so die LIfBi-Studie. Und das sei „nur teilweise auf Kompetenzunterschiede zurückzuführen“, denn „Jugendliche mit niedriger Bildungsherkunft und aus armen Familien haben – bei gleichen schulischen Kompetenzen – ein höheres Risiko, maximal einen Hauptschulabschluss zu erreichen“.

Dies widerspreche, so Marcel Helbig, Bildungssoziologe und Mitautor der Studie, „dem meritokratischen Leistungsprinzip“. Mit anderen Worten: Leistung lohnt sich überall, nur im Bildungssystem nicht. Das gilt übrigens ausnahmsweise mal für alle sozial benachteiligten Kinder, ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund. Denn die Studie zeigt, dass diese „vor allem aufgrund ihrer niedrigeren sozialen Lage niedrigere Schulabschlüsse erwerben – und nicht wegen ihres Migrationshintergrunds“.

Die Forschenden nennen das, ganz Wissenschaftssprech, eine „Lücke zwischen gewollter Chancengerechtigkeit und empirischer Realität“. Ich nenne es eine seit Jahrzehnten sehenden Auges andauernde, politisch mindestens fahrlässig zugelassene Kindeswohlgefährdung.

Laut Familienrecht (§ 1666 BGB) trifft dieser Tatbestand zu, wenn sich eine erhebliche Schädigung des körperlichen, seelischen oder geistigen Wohls mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt. Im Sinne der Anklage: schuldig. Das deutsche Bildungssystem bringt seit mindestens 25 Jahren viel zu viele Kinder um ihr geistiges Wohl, um ihre Bildung.

Aber was soll’s. Auch diese Wutrede wird ignoriert werden. Und auch in 25 Jahren werden Forschende Deutschland wieder mangelnde Bildungsgerechtigkeit attestieren. Weil sie politisch nicht gewollt ist.

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